Automobilstandort Sachsen Dresdner Forscher: "E-Mobilität mehr Reklame als Wirklichkeit am Markt"

Mit dem VW ID.3 erhofft sich VW den Durchbruch und viele Experten einen kräftigen Schub der Elektromobilität im Individualverkehr. Wird jetzt endlich die ökologische Transformation auf der Straße gelingen. MDR SACHSEN sprach mit Professor Arnd Stephan, Verkehrswissenschaftler an der TU Dresden.

Arnd Stephan
Professor Arnd Stephan, Verkehrswissenschaftler an der TU Dresden plädiert bei der Elektromobilität auch für die ethische Verantwortung. Bildrechte: Arnd Stephan

Alle reden von E-Autos und ökologischem Individualverkehr. Steht die Elektromobilität endlich vor dem Durchbruch?

Die Elektromobilität beschäftigt uns massiv, geht aber nur sehr langsam vorwärts. Wir haben uns als Gesellschaft dafür entschieden. Die gesellschaftliche Zielstellung provoziert jedoch eine riesige Erwartungshaltung, die zunächst enttäuscht werden wird.

Warum?

Alle wollen, dass es jetzt ganz schnell geht. Es geht aber nicht ganz schnell. Wir brauchen unsere Zeit, ehe wir dahin kommen, wohin wir wollen.

Das klingt nach Ausreden. Ist Elektromobilität nicht eine Frage des Willens?

Ja, auch. Doch der Durchbruch der Elektromobilität ist kein Technikproblem, sondern eine Frage der Infrastruktur. Wir brauchen Ladesäulen, Stromnetze mit Ökostrom und einheitliche Abrechnungssysteme - und das in der Breite und nicht nur punktuell in der Stadt oder einer Region. Um das auszurollen, braucht es Zeit. Die größte Herausforderung ist es, flächendeckend Infrastruktur zu etablieren.

Tesla Ladestation
Genug Ladestationen mit einem einheitlichen Bezahlsystem - das sieht der Verkehrswissenschaftler Stephan als eigentliche Herausforderung für die Elektromobilität in Deutschland. Bildrechte: imago images/Sven Simon

Das klingt, als seien wir weit von einer ökologischen Elektromobilität entfernt!

Ja, das ist tatsächlich so. Die Enttäuschung ist programmiert. Die Eisenbahn fährt seit 100 Jahren elektrisch, aber dafür hat sie am Anfang 30 Jahre gebraucht. Ähnlich verhält es sich mit der E-Mobilität auf der Straße. Ich kann mich nur wiederholen. Es ist weniger eine technische als eine infrastrukturelle Herausforderung. Ein Batteriebus ist schnell vorgestellt. Doch E-Fahrzeuge müssen in der Fläche und mit ihrer Infrastruktur funktionieren und angenommen werden. Derzeit ist E-Mobilität auf der Straße mehr Reklame als Wirklichkeit auf dem Markt.

Können wir von der Eisenbahn lernen?

In bestimmten Bereichen, doch längst nicht in allen. Die Eisenbahn hat es einfacher, sie kann ihren Strom entlang der Strecke mitnehmen und braucht keine Batterien. E-Autos sind jedoch auf Ladestationen angewiesen und müssen Ladezeiten einplanen. Hinzu kommt: Die Menschen haben sich an eine Unabhängigkeit von der Infrastruktur gewöhnt. Sie wollen überall tanken und sofort weiterfahren. Sich jetzt von langen Ladezeiten und Ladestationen abhängig zu machen, ist unbequem und anstrengend. E-Mobilität hat eben auch eine psychologische Komponente.

Warum soll es so schwierig sein, Ladesäulen mit einem einheitlichen Bezahlsystem zu etablieren?

Ganz einfach: Das Betreiben von Ladestationen ist wirtschaftlich bislang noch nicht lukrativ. Wer in die Ladeinfrastruktur investiert, möchte natürlich sein Geld wieder einspielen. An einer Ladestation wird aber nicht viel Energie verkauft. Zudem ist Strom sehr günstig. Während an einer Benzin-Zapfsäule in einer Minute Kraftstoff für Megawattstunden abgeben werden, sind es an einer Elektro-Ladestation in einer viel längeren Zeit nur Kilowattstunden.

Schilder kennzeichnen in Leipzig (Sachsen) einen Parkplatz für Elektrofahrzeuge.
Strom ist sehr günstig, deswegen sei das Betreiben von Ladesäulen nicht zwingend ein lukratives Geschäft, erklärt Stephan. Bildrechte: dpa

Wie fortgeschritten sind E-Batterien heute?

Hier sind wir noch lange nicht dort, wo wir sein wollen. Wir werden noch viel forschen müssen. Die Rohstoffe für Hochleistungsbatterien kommen nicht aus demokratischen Ländern, ein großes gesamtgesellschaftliches Problem. Mit allen Dingen, die wir tun, haben wir ethische Verantwortung. Bei Diesel-Verbrennern zu bleiben, ist allerdings auch keine Lösung. Die Lösung kann nur sein, sich noch mehr anzustrengen und weiter zu forschen.

E-Auto
Forscher Stephan: "Die Rohstoffe für Hochleistungsbatterien kommen nicht aus demokratischen Ländern." Bildrechte: imago images / Jan Huebner

VW hat erst kürzlich seine grüne Batterie-Logistik verkündet. Doch können E-Auto-Batterien überhaupt ökologisch sein?

Die Produktion kann ökologisch sein, die Frage ist nur, wo die Rohstoffe herkommen. Mit der Rohstoffgewinnung und -gerechtigkeit haben wir noch viele Aufgaben. Die Frage ist immer: Wie gehen wir mit Ressourcen und Wohlstandsgefälle um. Verkehr muss ganzheitlich gedacht werden. Das ist auch das Besondere an unserer Verkehrswissenschaftlichen Fakultät an der TU Dresden. Wie beziehen gesellschaftliche und psychologische Aspekte mit ein.

Kritiker meinen, deutsche Automobilhersteller werden ihre Schlüsselrolle an die USA und China verlieren. Teilen Sie diese Einschätzung?

Das glaube ich nicht, die Deutschen waren schon immer erfindungsreich und spitzfindig. Die Entwicklung des Tesla in den USA wurde weniger aus der Perspektive eines Autobauers, als von einem Informatikansatz gedacht. Das war ein neuer Ansatz. Konkurrenz belebt das Geschäft, wir müssen nur jetzt mehr Gas geben. Sie wissen, saturierte Gesellschaften werden bequem.

Apropos Informatik: VW hatte bei der Einführung des ID.3 Probleme mit der Software. Wie wichtig ist diese in modernen Fahrzeugen?

Software ist eine Schlüsselkomponente in modernen Autos. Sie ist wichtig für Vertrieb und Betrieb. Ich glaube jedoch nicht, dass VW durch seine Software-Startschwierigkeiten dauerhaft Schaden nimmt, auch wenn es natürlich kurzfristig eine Blamage ist. Software ist eben nicht nur simples Programmieren. Software ist wahnsinnig komplex, vom Konzept über das Programmieren bis zur langen Testphase. Stolpersteine gehören dazu, die Erfahrungen dabei sind immer wertvoll. So ist das in einer sich technisch so schnell verändernden Welt.

Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 29.12.2020 | 11:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Chemnitz

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