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Vergangenheitsbewältigung

Warum Radebeul Hitler den Ehrenbürgertitel nicht aberkennt

von Sandra Thiele

Stand: 31. Januar 2021, 18:45 Uhr

Kennen Sie die Ehrenbürger Ihrer Gemeinde? Es könnte sein, dass sich darunter NS-Größen wie Adolf Hitler und Heinrich Himmler befinden. Über 4.000 Gemeinden hatten den Diktator in den 1930er- Jahren zum Ehrenbürger ernannt. Viele, wahrscheinlich sogar die meisten Städte, haben sich im Nachgang davon distanziert und die Titel symbolisch aberkannt. Eine Stadt, die sich dagegen immer wieder verwehrt, ist Radebeul. Mit welchem Grund? Und wie ist das aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive zu bewerten?

Juristisch ist die Sache klar: Stirbt ein Ehrenbürger, erlischt auch sein Titel. Eine Aberkennung ist nicht mehr nötig. Eigentlich, denn so ein Ehrenbürgertitel kann bis in die Gegenwart nachwirken. Eine Reihe von Städten hat sich daher dafür entschieden, sich trotz der rechtlich eindeutigen Lage von mittlerweile unhaltbaren Ehrenbürgern symbolisch zu verabschieden. So geschehen in Chemnitz, Dresden, aber auch in kleineren Städten wie Ostritz. Die Stadt Leipzig hat sogar eine Liste veröffentlicht, in der all ihre gewürdigten Ehrenbürger - inklusive Aberkennungsdaten nachlesbar sind.

Lebt Radebeul in einem Elfenbeinturm? Bildrechte: imago images/Sylvio Dittrich

Verfassungsrechtler hatten diesen symbolischen Akt immer wieder befürwortet. Radebeul hat sich aber ganz bewusst anders entschieden. Oberbürgermeister Bert Wendsche sagte MDR SACHSEN zu seinen Beweggründen: "Geschichte kann man nicht ungeschehen machen. Man kann sich nicht reinwaschen. Daher müssen wir uns, ob wir wollen oder nicht, auch mit unserer Radebeuler Geschichte in all ihren Facetten auseinandersetzen. Ein symbolisches Aberkennen ändert daran nichts." Zudem sei es wohlfeil und koste keine Kraft, sich heute nach fast 80 Jahren davon zu distanzieren.

Bildrechte: Große Kreisstadt Radebeul

Man kann auch nicht einen Beschluss zum Holocaust fassen und meinen alles ist für immer vorbei. Nein, sowohl die Verleihung der Ehrenbürgerwürde als auch der Holocaust gehören für immer zu unserer Geschichte.

Bert Wendsche, parteilos | Oberbürgermeister Radebeul

Zeithistoriker: symbolische Wirkung, keine juristische

Historiker Martin Sabrow. Bildrechte: Andy Küchenmeister (2019)

Das Stadtoberhaupt verweist stets darauf, dass Adolf Hitlers Titel ohnehin erloschen sei. Der Potsdamer Zeithistoriker Professor Martin Sabrow findet den juristischen Verweis, dass der Titel automatisch mit dem Tod des Geehrten erlöscht, unzureichend. "Die Titelverleihung ist in unserer Zeit auch kein allein juristischer Akt - er stellt immer auch eine symbolische Aufwertung dar. Daher verlangt er eigentlich auch nach einer symbolischen Aberkennung, wenn man ihn nicht mehr für haltbar empfindet."

Dennoch findet Sabrow den Umgang Radebeuls mit den unliebsamen Ehrenbürgern für akzeptabel und die konkrete Begründung des OB einleuchtend. Wendsche verweise zu Recht darauf "dass man die dunklen Kapitel der Vergangenheit nicht so einfach auslöschen kann und dazu steht, dass die Auseinandersetzung mit einer unheilvollen Vergangenheit nicht durch Tilgung ihrer dunkelsten Flecken auch in der Stadtgeschichte allzu leicht gemacht werden soll."

Probleme auch mit neuen Ehrenbürgern

Auch neue Ehrenbürgertitel in der jüngsten Vergangenheit werden immer wieder kritisch hinterfragt. So geschehen zum Beispiel in Schneeberg und Markkleeberg. In Schneeberg gab es die Diskussion in den 1990er Jahren - im Zentrum der neu gekürte Ehrenbürger Gerhard Heilfurth, der das Alltagsleben der Bergmänner erforscht hatte, aber auch ein wichtiger Rassentheoretiker in der NS-Zeit war. In Markkleeberg kam es 2007 zu einer Auseinandersetzung um Oskar Baumgarten. Er sammelte in der DDR Verdienste rund um die Landwirtschaftsmesse "agra". Dass er Stabsleiter im Reichsnährstand war, wo seinerzeit auch der Einsatz von Zwangsarbeitern in der Landwirtschaft organisiert wurde, hatte die Stadt nicht gehindert, weil es ihr um die "Verdienste" in der Stadt ging. 2011, drei Jahre nach seinem Tod, dann die Kehrwende und Aberkennung.

Ehrenbürgertitel noch zeitgemäß?

Ist es nicht langsam mal an der Zeit, die Ehrenbürgerwürde ganz abzuschaffen, da sie über die Epochen immer wieder für Ärger und Streit gesorgt hat? Nein, sagt Historiker Sabrow. "Ich denke, dass die Ehrenbürgerwürde nach wie vor das zivilgesellschaftliche Gemeinwesen stärken kann." Streit hat es immer mal wieder darüber gegeben und es werde auch weiter so sein. Mit einer gesunden Streitkultur sei das eher eine Chance für das Miteinander.

Neue Entwicklungen

"Es gibt ja mittlerweile die Tendenz, nicht mehr die großen Männer, die Geschichte machten, wie Bundeskanzler oder Präsidenten zu küren, die zum Teil gar nichts mit einer Gemeinde zu tun haben." Heute würden als Ehrenbrüger eher Menschen ausgezeichnet, die sich gegen historische Fehlentwicklungen eingesetzt hätten, zivilgesellschaftlich Engagierte oder Mäzene, die wirklich einen Bezug zur Stadt hätten. Natürlich seien auch diese Menschen nicht vollkommen und auch das könne man diskutieren. Aber es gehe bei der Ehrenbürgerwürde nicht darum, Heilige zu ehren. Gewisse Ambivalenzen auszudiskutieren und auszuhalten gehöre dazu, so der Historiker.

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