Grünes Gewölbe Mantrailer-Hunde: Landgericht Dresden bezweifelt Beweiskraft

Bei der Beweissuche nach dem Einbruch ins Grüne Gewölbe Dresden haben die sächsischen Ermittler auch Man-Trailer-Hunde eingesetzt. Doch mit welchem Erfolg? Und auf welcher wissenschaftlicher Grundlage? Das Landgericht Dresden hat sich in Sachen Man-Trailer-Hunde und Beweise jetzt festgelegt. Auch die Uni Leipzig überprüft eine Doktorarbeit eines Polizisten aus Sachsen zu Man-Trailing-Hunden.

Ein Hund an einer Leine läuft über eine Wiese. Er hält seine Schnauze dicht über den Boden und schnüffelt nach etwas. Der Hund ist ein Man-Trailer-Hund der Polizei in Sachsen.
Man-Trailer-Hunde helfen bei der Suche nach Vermissten. Aber wie aussagefähig sind ihre Suchergebnisse wirklich? Eine Frage, die auch bei den Ermittlungen zum Juwelendiebstahl aus dem Grünen Gewölbe diskutiert wird. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zwei Gutachter haben am 10. Juni vor dem Landgericht ausgesagt und die Auswertung von monatealten Spuren durch spezielle Polizeihunde scharf kritisiert. Am Freitag hat der Vorsitzende Richter in einer mündlich vorgetragenen Erklärung bekannt gegeben, dass die Kammer durch die Hunde gewonnenen Erkenntnissen "keinen Beweiswert zumisst, weder für sich alleine betrachtet noch in einer Gesamtschau mit weiteren Beweismitteln", teilte das Gericht auf Nachfrage mit.

Die Gutachter hatten im Juni kritisiert, dass es unmöglich sei, monatealte Geruchsspuren durch Hunde zu identifizieren, die Hunde könnten auch durch unbewusste Kommunikation mit dem Hundeführer etwas signalisieren, was es nicht gibt: Experten nennen das auch das kluge Hans Phänomen.

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Zwei Polizisten mit einem Personensuchhund/Mantrail-Hund auf einer Treppe. 22 min
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MDR AKTUELL Mo 07.06.2021 19:05Uhr 22:25 min

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Der kluge Hans

Der kluge Hans war ein Pferd aus Berlin, das bei öffentlichen Auftritten Anfang des 20. Jahrhunderts seine Kopfrechenkünste präsentierte. Die Antwort kam per Hufstampfen. Leider ein Schwindel, das Pferd interpretierte die Stimmlage und die Gesten seines Besitzers. So kam es zu richtigen Antworten. Und so soll es auch bei manchem Ergebnis der Spurensuche bei Mantrailer-Hunden sein.

Der Hund spuckt keinen Zettel aus

Mantrailer-Hunde sind Spurensuchhunde, die auf menschliche Gerüche spezialisiert sind. Oft leisten sie herausragende Ergebnisse bei der Suche nach Vermissten. Der Clou aber ist, dass die Hunde eine Schweiß- oder Speichelprobe eines Menschen auch nachweisen können sollen, indem der Hund seinem Hundeführer, meist ein Polizist oder eine Polizistin, ein Signal gibt. Der Beweis: dieser Mensch war hier an diesem Ort. So war es auch bei der Beweissuche zum Einbruch ins Grüne Gewölbe. Die entscheidenden Spurensuchen mit sechs Hunden am Dresdner Schloss und an der angrenzenden Augustusbrücke über die Elbe gab es im März und Juni 2021.

Den Hunden wird in einer Tüte eine Geruchsprobe eines Beschuldigten vorgehalten. Die Suche wird gefilmt (siehe Foto unten), die Polizistin nennt den Namen des Beschuldigten. Dann läuft der Man-Trailer-Hund, eine Blood-Hound-Hündin, Richtung Augustusbrücke. Die Nase auf dem Boden, dann wieder in die Luft gestreckt. Die Brücke ist zum Teil noch eine Baustelle. Mitte der Brücke wird die Suche angehalten. Für die Polizei ist klar, die Hündin hat die Spur erkannt. Für die Staatsanwaltschaft ein Beweis im Verfahren. Allerdings spuckt der Hund keinen Zettel aus, wie bei einer DNA-Analyse.

Eine Polizistin mit Warnweste läuft über eine Brücke. Sie hält an der Leine einen Hund, der schnüffelnd über die Brücke läuft. So geschehen bei der Spurensuche für die Beweissammlung zum Einbruch ins Grüne Gewölbe Dresden im Sommer 2021.
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Anwalt spricht Hundenasen Beweiserhebung ab

Der Strafverteidiger Andreas Boine kritisiert das. "Ich glaube, der Wert von DNA als Beweismittel ist vollkommen unstreitig. Der Wert und die Leistungsfähigkeit der entsprechenden Verfahren sind überprüft. Das ist nachvollziehbar. Es ist im Grunde auch wiederholbar, dass entsprechende DNA-Spuren einer Person zuzuordnen sind", sagt der Jurist. Aber: "Die Hundenase ist kein Messgerät. Deswegen ist sie nicht in der Lage, mit der entsprechenden Sicherheit Beweise überhaupt zu erheben."

Boine verweist auf einen weiteren Punkt: "Der Hund kann nicht kommunizieren und er hat keine Anzeige wie ein Messgerät. Wir sind darauf angewiesen, das Deuten von irgendwelchen Bewegungen durch polizeiliche Hundeführer, irgendwie zu bewerten. Das ist nicht geeignet, tatsächlich ein Urteil darauf zu stützen und gegebenenfalls Menschen einzusperren."

Ein Mann Mitte, Ende 50, steht draußen im Freien. Er trägt einen Anzug und Krawatte und scheint gleich ein Fernsehinterview zu geben. Es ist der Rechtsanwalt Andreas Boine, der sich kritisch über die Ergebnisse von Spurensuchen mit Spurensuchhunden äußert.
Rechtsanwalt Andreas Boine hegt Zweifel an der Aussagekraft erschnüffelter DNA-Beweise von Suchhunden. Bildrechte: MDR

Der Hund kann nicht kommunizieren und er hat keine Anzeige wie ein Messgerät. Wir sind darauf angewiesen, das Deuten von irgendwelchen Bewegungen durch polizeiliche Hundeführer, irgendwie zu bewerten. Das ist nicht geeignet, tatsächlich ein Urteil darauf zu stützen und gegebenenfalls Menschen einzusperren.

Andreas Boine Strafverteidiger des Angeklagten Ahmed R.

Der Verdacht, die Hunde reagieren wie der kluge Hans auf den Menschen und zeigen Spuren an, die es nicht gibt. Falsche Proben zum Test würden kaum eingesetzt.

Spurensuche auf dem Fußweg der Augustusbrücke

Die Mantrailer-Hündin läuft schnüffelnd mit der Hundeführerin auf dem Fußweg der Augustusbrücke und zwar auf der Seite, auf der zum Tatzeitpunkt am 25.11.2019 kein Fußweg war, sondern eine Baustelle. Das haben Recherchen von MDR SACHSEN gezeigt. Die Brücke war seit Mitte August 2019 elbabwärts aufgerissen, Gehwegplatten und Rinnsteine waren abgebaut und eingelagert worden. Wegen der Sanierung war die Augustusbrücke jeweils halbseitig gesperrt. Was auch immer der Mantrailer-Hund im Frühjahr und Sommer 2021 dort gerochen haben mag, es ist schwer nachzuvollziehen.

Doktorarbeit zu Mantrailer-Hunden wird überprüft

Hunde können DNA riechen, hieß es in einer spektakulären Meldung. Grundlage dafür war eine Doktorarbeit über die Fähigkeiten von Man-Trailer-Hunden des sächsischen Polizisten Leif Woidtke. Dazu gab es noch eine Veröffentlichung in der internationalen Zeitschrift für Forensik, Forensic Science International. Die Uni Leipzig hatte die Doktorarbeit angenommen und zwei Forscher der Hochschule hatten die Veröffentlichung in der Fachzeitschrift begleitet.

Seit Veröffentlichung wurde die Doktorarbeit vielfach kritisiert. Mittlerweile steht der Verdacht im Raum, dass die gesamte Studie dazu manipuliert worden sein könnte. Zunächst wischte die Universität Leipzig die Zweifel an den wissenschaftlichen Daten weg, doch nach erneutem Protest kam es nun zu einer Wende: Die Ständige Kommission der Universität Leipzig prüft nun die Daten dieser Doktorarbeit. Es geht auch darum, ob die Datenerhebung richtig durchgeführt wurde. Dazu sollen Videos der Man-Trailer-Versuche gesichtet und geprüft werden.

Polizei mit Polizeihunden im Einsatz. 3 min
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt die Story | 08. Juni 2022 | 20:01 Uhr

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