Fakt ist! aus Dresden 2G-Debatte und feste Impfstellen für Boosterimpfungen in Sachsen

Seit anderthalb Jahren ist Deutschland im Corona-Modus. Sachsen hat die niedrigste Impfquote, die Kliniken füllen sich mit ungeimpften Corona-Patienten, das Pflegepersonal arbeitet an der Belastungsgrenze. Aber auch vollständig Geimpfte erkranken. Viele sind unterdessen coronamüde und lehnen Schutz-Maßnahmen ab. Waren also alle Anstrengungen umsonst? Wo soll das noch hinführen? Diese und andere Fragen wurden am Montag bei Fakt ist! in Dresden diskutiert.

Alexander Theile war schockiert, als er von seiner Corona-Infektion erfuhr. Seine Zweit-Impfung hatte der Famielienvater erst 14 Tage zuvor erhalten. "Ich war davon ausgegangen, so viel kann mir nicht mehr passieren", erzählte er bei Fakt ist!. "Ich habe mich sicher gefühlt und hätte nicht gedacht, dass ich mich anstecke". Am Anfang sei es wie eine Grippe gewesen. Dann habe er die Treppe nicht mehr hoch gehen können und sich abgeschlagen gefühlt. Weil er geimpft ist, habe er gewusst, er werde nicht sterben. Zudem hätten ihm Freunde und Ärzte Hoffnung gemacht, die Krankheit gut zu überstehen. Heute sei er froh, dass er sich habe impfen lassen.

Impfung schützt vor schwerem Verlauf

Der Mann habe sich "nicht umsonst impfen lassen", sagte Katja de With, Ärztin und Leiterin der Klinischen Infektiologie am Dresdner Uniklinikum. Die Impfung habe ihn gerettet und vor einem Krankenhausaufenthalt geschützt. "Wir impfen, um die Krankheit zu verhindern oder den Schweregrad zu beeinflussen, damit die Menschen nicht ins Krankenhaus kommen."

Köpping: Corona-Zahlen in Sachsen sind Alarmzeichen

Auch Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping ist überzeugt, maßgeblichen Schutz erhalte man durch das Impfen. Mit einer Impfquote von 56,8 Prozent habe Sachsen aber den schlechtesten Wert in ganz Deutschland. Es gibt Bundesländer und Stadtstaaten, die schon 20 Prozent weiter sind, betonte sie. Die Inzidenzen und Krankenhausbelegungen in Sachsen seien ein Alarmzeichen.

Petra Köpping (SPD), Sozialministerin Sachsen, im Studiogespräch
Sozialministerin Petra Köpping verwies auf 20 Krankenhäuser und die 30 mobilen Impfteams, die noch immer im Einsatz sind und angefordert werden können. "Wir haben die Impfzentren geschlossen, weil keiner mehr kam." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Corona-Politik verunsichert Bevölkerung

Die niedrige Impfquote in Sachsen führt die Ärztin Cornelia Höseman auf eine Verunsicherung in der Bevölkerung zurück sei. Es gebe ein großes "Hin und Her". Und: "Mal gibt es den Lockdown, mal geht es wieder aufwärts. Das ist etwas, dass die Bürger nur sehr schwer verstehen", meinte Gynäkologin Hösemann, die auch in der Sächsischen Impfkommission (SIKO) arbeitet.

Frauenärztin Cornelia Hösemann
Frauenärztin Cornelia Hösemann sagt: "Ich kann, wenn ich geimpft bin, auch Menschen um mich herum schützen." Bildrechte: Cornelia Hösemann

Noch zu viele Ungeimpfte

Die Leiterin der Entwicklungsabteilung beim Impfstoffhersteller IDT Biologika, Simone Kardinahl, pflichtet dem Gesagten bei: Leider seien noch zu viele Menschen nicht geimpft. In Sachsen sind es derzeit 1,2 Millionen Erwachsene. Man sei wieder im Herbst-Winter, da könne sich das Virus wieder gut verbreiten, entsprechend steigen die Infektionszahlen. Zudem lägen auf den Intensivstationen diejenigen, die nicht geimpft waren und die auch das höhere Risiko trügen.

De With: Sind in Phase der Durchseuchung

Seit Jahresanfang werden die Menschen geimpft. Trotzdem liegen heute mehr Corona-Patienten in den Krankenhäusern als noch vor einem Jahr. Wirkt sich das Impfen denn nicht aus, fragte Moderator Andreas F. Rook. Infektiologin Katja De With konterte: Vor einem Jahr seien die Maßnahmen auch noch andere gewesen. Heute gingen die Menschen viel lockerer mit der Lage um, drängten zurück ins Leben. Veranstaltungen nähmen zu, man könne auch wieder ins Kino oder Theater gehen. "Wir sind in einer Phase der Durchseuchung, wo wir einen regen Austausch haben. Da kommt es auch zum Austausch des Virus."

09.03.2020, Sachsen, Dresden: Katja de With, Leiterin der Klinischen Infektiologie am Dresdner Uniklinikum, steht im Behandlungszimmer in der Corona-Ambulanz.
Katja de With leitet die Klinische Infektiologie am Dresdner Uniklinikum. Wenn noch mehr Patienten, vor allem Ungeimpfte auf die Intensivstationen kommen, "müssen wir eine Möglichkeit finden, wie wir die Patienten umverteilen", sagte sie bei Fakt ist! Bildrechte: dpa

Wie geht's weiter im Advent und Winter?

Sozialministerin Köpping kündigte an, dass es in Sachsen feste Impfstellen geben soll, allerdings keine Impfzentren mehr, wie sie noch bis zum Spätsommer geöffnet waren. Die Dresdner Ärztin Dr. Ines Richter-Kuhn sprach sich für eine dezentrale Impfstrategie aus. "Wir müssen so niedrigschwellig wie möglich impfen im Supermarkt oder beim Friseur."

Ich kann Ihnen heute noch nicht sagen, wo wir in vier Wochen stehen. Ich kann nur hoffen, dass sich wirklich viele Menschen an die einfachen AHA-Regeln halten.

Petra Köpping sächsische Sozialministerin

Kommt die 2G-Regel?

Ob in Sachsen die 2G- oder 3G-Regel kommen wird, will das sächsische Kabinett am heutigen Dienstag diskutieren, sagte Ministerin Köpping. Sie verwies auf die bereits geltende Option von 2G oder 3G bei Großveranstaltungen und nannte die 2G-Regel "eine Option für den Freizeitbereich, Diskotheken, Großveranstaltungen, Innenräume im Gastrobereich und im Kulturbereich". Im Alltag, etwa beim Einkaufen, sei das aber kein Thema.

Ich finde es persönlich etwas unfair zu sagen, wir können die ungeimpfte Bevölkerung für gewisse Veranstaltungen nicht zulassen. Tatsächlich ist es eine politische Entscheidung. Ich möchte nicht in Ihrer Haut stecken, Frau Köpping.

Katja de With Leiterin der Corona-Ambulanz ders Universitätsklinikums Dresden

Sollte man auf Tot-Impfstoffe warten?

Manche Ungeimpfte argumentieren, sie warteten lieber auf einen Totimpfstoff, um sich gegen das Corona-Virus zu schützen. Diese Art Impfstoffe kennt man von der Grippe-Schutzimpfung. Die Zögerlichen wollten sich bislang nicht mit den neu entwickelten mRNA-Impfstoffen wie von Biontech oder Moderna oder mit Vektorimpfstoffen, wie von Astrazeneca oder Johnson & Johnson impfen lassen, erklärte Moderator Rook. Lohnt sich also das Warten?

"Die Stoffe sind ja noch nicht zugelassen. Es vergeht viel kostbare Zeit. Dann ist die Frage, ob diese Impfstoffe besser vertragen werden", wog SIKO-Mitglied und Ärztin Cornelia Hösemann ab. Denn bei Tot-Impfstoffen würden gewisse Verstärker mitverimpft, die eben auch die Impfreaktion des Körpers verstärken könnten.

Nachbessern bei Impfstoffen

Simone Kardinahl vom Impfstoffhersteller IDT Biologika sagte, weltweit werde in mehr als 300 Projekten an besseren Impfstoffen geforscht. "Das Nachbessern der Impfstoffe ist ein ganz, ganz großes Thema." Denn das Corona-Virus verändere sich. Die Impfstoffe waren gegen die Ursprungsvariante entwickelt worden, als es noch keine Beta- oder Deltavarianten gab. Der Mensch werde der Entwicklung des Virus zwar immer hinterherlaufen. Aber: "Hoffentlich wird die Immunität in der Bevölkerung sukzessive steigen."

Porträtfoto von Simone Kardinahl von der Firma IDT Biologika
Simone Kardinahl arbeitet für einen Impfstoffhersteller. Bildrechte: IDT Biologika

Quelle: MDR/kk/dkna

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! aus Dresden | 01. November 2021 | 22:10 Uhr

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