Frauenpower in einer Männerwelt Vernetzt euch, Frauen!

Nadine Seifarth ist eine von 500 Frauen bei Globalfoundries in Dresden. In der größten Chipfabrik Europas kümmert sich die Ingenieurin nicht nur um partikelfreie Wafer, sondern auch um das Global Women Network, das sie vor zwei Jahren mitgegründet hat. Ihr Rat an alle Frauen: Sagt, was ihr wollt, zeigt euch, habt Mut. MDR SACHSEN hat sie besucht.

Eien junge Frau lacht in die Kamera.
Nadine Seifarth gehört als Ingenieurin in der Halbleiterbranche zur Fachelite des Landes. Sie hat zwei Kinder und ist auch im Beruf erfolgreich. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Frau in einer Männerdomäne

Nadine Seifarth winkt schon im Foyer. "Wollen wir du sagen?", schlägt sie gleich vor und lacht hinter ihrer Maske. Wieder Sonne nach dem langen Winter. Mit grünem T-Shirt und ihrer offenen Art wirkt sie nahbar und unprätentiös. Die Ingenieurin ist promovierte Elektrotechnikerin und – man kann es so formulieren - gehört zu Fachelite des Landes. Ihre Arbeit in der Entwicklungsabteilung bei Globalfoundries ist mit den Augen für Laien nicht sichtbar. Läuft aber etwas schief, fehlen Chips für die Endgeräte, steigen die Wartezeiten für Laptops und Autos. Ihre Arbeit könnte man auch als Qualitätsmanagement in einer Hardware-Zentrale der Digitalisierung bezeichnen.

Doch sie bläst sich nicht auf, stellt sich nicht dar, produziert sich nicht, sie beginnt einfach zu erzählen. Von ihrer Heimat Unterfranken, in der immer wieder Flüchtlinge aus der DDR gelandet sind und weswegen sie begonnen hat, sich für den Osten zu interessieren. Von ihrem Studium der Elektrotechnik an der TU Chemnitz, der Promotion in Dänemark und dem Beginn in Dresden bei Globalfoundries. Hier gehört sie als Frau zu einer Minderheit. Von über 3.000 Mitarbeitern sind hier nur rund 500 Frauen, etwa 17 Prozent. Das liegt weit unter dem Durchschnitt - nicht ungewöhnlich für die Halbleiterbranche.

Auszubildende hält in einem Automatisierungslabor einen Test-Wafer.
Keine Partikel dürfen im Raum herumfliegen und stören: Die Chips werden im Reinraum hergestellt, jede und jeder muss dort mit einem Schutzanzug arbeiten. Hier hält eine Auszubildende einen Test-Wafer. Bildrechte: dpa

Die fleißigen Frauen und ihre Zweifel

Dass sie sich als Exotin fühlte – und sich rechtfertigen musste, begann für Nadine Seifarth schon im Studium. Eigentlich vorher. Lange hatte sie sich überlegt, ob sie sich überhaupt zutraut, Elektrotechnik zu studieren. Zwar war sie die Zweitbeste in Mathe, doch Physik hatte sie abgewählt. "Ich hatte Zweifel, wie viele andere junge Frauen auch", erinnert sich Seifarth.

Schade, dass sich viele Frauen Sorgen machen. Männer sind selbstbewusster, selbst wenn sie nicht alles können.

Nadine Seifarth Ingenieurin bei Globalfoundries

Das Konzept "Learning by doing" könnten auch Frauen ruhig öfter anwenden. Diese hingegen versuchten oft "perfekt zu sein", 150 Prozent zu wissen, bevor sie es überhaupt versuchen.

Allein unter Männern – die Quotenfrau

Ingenieurin Seifarth führt durch die Lobby über den Fahrstuhl in ihr Büro – oder besser an ihren Arbeitsplatz im Großraumbüro. Von hier aus wird also Hochtechnologie koordiniert, geplant, kontrolliert. Seifarth zurrt das Rollo, um das Licht zu brechen. Im Studium war sie eine von fünf Frauen unter 60 Männern. Delegierte man sie zu Konferenzen, bezeichneten sie Mitstudierende als Quotenfrau: "Natürlich hat mich das verletzt", erklärt sie nachdenklich, während sie sich auf ihrem Büro-Drehstuhl langsam hin- und herdreht.

Damit es andere Frauen leichter haben und, um ihre Erfahrung weiterzugeben, engagiert sich Seifarth heute im Globalfoundries-Frauennetzwerk "Globalwomen". Dabei fördert sie nicht nur Frauen vor Ort, sondern vernetzt sich mit Kolleginnen auf der ganzen Welt. "Frauen sind viel schlechter in der Selbstvermarktung", erklärt die junge Mutter zweier Kinder. Für die berufliche Entwicklung seien Netzwerke jedoch sehr essentiell, hier fehle bei Frauen eindeutig die Routine. 

Gründung vor zwei Jahren

eine Frau ineinem Büro
Gegenseitig stützen und Selbstbewusstsein geben: Karin Raths ist Sprecherin bei Globalfoundries und engagiert sich ebenfalls bei den "Globalwomen". Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Vor zwei Jahren gründete Seifarth mit einer Reihe von Mitarbeiterinnen die Netzwerk-Dependance in Dresden. "Wir können uns gegenseitig stützen, Rückhalt und Selbstbewusstsein geben", erklärt sie und blickt aus dem Fenster. Seifarth weiß, dass es richtig ist, was sie macht. Und sie ist damit nicht allein: "Früher waren Frauentag und Frauenrechte in der Wahrnehmung vieler ein alter Hut mit Bart", sagt Globalfoundries-Sprecherin Karin Raths, die mit durch das Unternehmen führt und sich ebenfalls im Netzwerk engagiert. "Viele junge Frauen sehen das heute anders. Sie machen sich stark für ihre Rechte, vernetzen sich, wollen mehr als den Status Quo - das ist international so."  

Starke Frauen aus Indien und Singapur

Weltweit an allen Standorten von Globalfoundries haben sich Gruppen von "Globalwoman" gebildet – zum weltweiten Auftakt sind damals 300 Frauen aus allen Teilen der Welt in die Zentrale in die USA gereist. Bis heute sprechen die Dresdnerinnen regelmäßig mit Mitarbeiterinnen aus den USA, aus Indien, aus Singapur. Der Austausch sei in jeder Hinsicht spannend und inspirierend, besonders mit den aufstrebenden Frauen aus Indien und Singapur, erzählen Seifarthund Raths. "Sie starten ja von einer ganz anderen Basis an Gleichberechtigung und sind trotzdem absolut mutig." Doch wer hätte das gedacht: In Singapur ist der Frauenanteil bei Globalfoundries höher als in Dresden.

eine Fabrik
Hochtechnologie- und Halbleiterbranche sind nicht für Frauenüberschuss bekannt. Im Globalfoundries-Werk im Norden Dresdens sind von 3.000 Mitarbeitenden nur etwa 500 Frauen. Bildrechte: MDR/Globalfoundries

Viele Bewerberinnen auf Mentoring-Programm

Dass ihr Engagement willkommen ist, merken die Frauen an der hohen Nachfrage. Für ein aktuelles Mentoring-Programm zur Karriereentwicklung habe es viele Bewerbungen gegeben. "Insgesamt 15 Frauen werden ein halbes Jahr einmal im Monat begleitet", erklärt Seifarth. "Ziel ist es, in der Karriere die nächste Stufe zu erklimmen". "Es geht um die fachliche und persönliche Weiterentwicklung", ergänzt Raths. "Wir wollen mehr Frauen in Führungspositionen bringen."

Um erfolgreich zu sein, braucht man Chefs und Menschen, die das eigene Potenzial erkennen und fördern.

Nadine Seifarth Ingenieurin Globalfoundries Dresden
Zwei Frauen laufen über einen Flur.
Wir machen den Weg frei: Nadine Seifarth und Karin Raths wollen mit den "Gobalwomen" Netzwerke, Austausch und bessere Bedingungen für Frauen schaffen. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Beide Frauen bitten jetzt in die Kantine. Auf dem Weg dorthin erklären sie, wo früher - vor Corona - immer die Netzwerkveranstaltung "Chat & Connect" stattgefunden hat. Jetzt gibt es alles digital. "Wir hatten tolle Veranstaltungen", sagt Raths. Zur Vorstellung des Buches "The Culture Map" seien auch viele Männer gekommen. Kein Wunder, kulturelle Unterschiede in der Kommunikation sind ein begehrtes Thema im globalen Konzern "Globalfoundries". Menschen aus 44 Nationen arbeiten allein in Dresden.

Junge Frauen brauchen Vorbilder

Während Nadine Seifarth weiter durch die Flure läuft und Türen offen hält, setzt sie noch einmal an: "Im vergangenen Jahr hatten wir keine einzige Bewerberin auf unsere offenen Ausbildungsplätze, wir haben massive Probleme dabei, Frauen zu gewinnen." Auch bei den Promotionen bilde sich das Problem ab.

zwei Frauen ine inem Büro
Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Mädchen und junge Frauen brauchen Vorbilder, die ihnen zeigen, hey, das ist zu schaffen.

Nadine Seifarth (li.) und Karin Raths Ingenieurin und Sprecherin Globalfoundries

Lediglich drei Frauen waren laut Seifarth vergangenes Jahr unter den 200 Bewerbenden auf Doktorandenstellen. Dies entspräche in etwa dem Geschlechterverhältnis im Studium. "Die Berufe hier haben noch immer das Nerd-Image vom Einzelkämpfer, doch das ist völlig überholt, ohne Teamarbeit geht gar nichts", erklärt Seifarth. Deswegen versuche "Globalwomen" auch, mehr Mädchen in die MINT-Fächer zu bekommen.

Präsenz ist wichtig

Nadine Seifarth ist heute fertige Ingenieurin mit Arbeitserfahrung, Spezialistin, die Ansprechhaltung ist respektvoller geworden. Trotzdem ist sie in der Minderheit, muss sich durchsetzen. Dazu ermuntert sie selbst ihr Chef immer wieder. Über die Dinge reden, Arbeitsweisen und Erfolge transparent machen. "Wer immer still ist, kann auch heute und auch bei uns schnell untergehen. Präsenz ist wichtig", erklärt Seifarth.

Dass man in der Minderheit ist, wird von den Männern unterschätzt – weil sie eben nicht die Minderheit sind.

Nadine Seifarth Ingenieurin Globalfoundries

Seifarth hat gelernt, dass Männer einfach manchmal anders kommunizieren. "Wollen sie ein Projekt übernehmen, formulieren sie das", erklärt sie. "Frauen warten ab. Nur weil sie stiller und zurückhaltender sind, heißt das jedoch lange nicht, dass sie nicht wollen."

Rollenbilder und Kinderbetreuung

Doch vieles, was gleichberechtigt scheint, wird nach der Geburt der Kinder auf die Probe gestellt. "Ich hatte Glück", erklärt Seifarth. "Mein Mann und ich waren uns sofort einig, dass wir uns bei der Kinderbetreuung reinteilen." Doch das sei nicht bei allen Frauen der Fall. "Wir haben hier top ausgebildete Expertinnen, die sich erst einmal für zwei Jahre in Elternzeit verabschieden. Die Rollenbilder sind immer noch da."

Ich bin doch kein Heimchen am Herd.

Nadine Seifarth Ingenieurin Globalfoundries

Das Stereotyp vom 'Karrierekiller Kinder' gebe es noch immer, für manche Frauen sei der Wiedereinstieg problematisch – auch bei Globalfoundries. "Es gab bei uns Einzelfälle, in denen sich die Frauen nach der Elternzeit nicht so willkommen gefühlt haben", erinnert sich Seifarth.

Zum Frauentag wird der "Global Women Award" verliehen

Mehr Frauen an die Macht, das scheint im Sinne der Konzernleitung zu liegen. Zum Frauentag jedenfalls hat sich der oberste Globalfoundries-Chef aus Kalifornien angemeldet. Er spricht zur digitalen Feierstunde. Danach wird 15 herausragenden Frauen am Standort Dresden der "Global Women Award" verliehen.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 02.03.2021 | Dienstags direkt | 20:00 - 23:00 Uhr

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