Arbeitszeit Erstmals abseits der Autobranche: Radebeuler Unternehmen führt 35-Stunden-Woche ein

Lange haben es sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Maschinenbauers Koenig & Bauer Radebeul auf die Fahnen geschrieben: die 35-Stunden-Woche. Nun wird der Hersteller von Druckmaschinen das erste Unternehmen neben der Automobilbranche in Sachsen sein, das die verkürzte Arbeitszeit einführt. Knackpunkt: Die volle 35-Stunden-Woche wird erst in zehn Jahren erreicht.  

Menschen am Ufer eines Flusses
Durch Aktionen, wie an der Elbe im April 2019, machte die Belegschaft von Koenig & Bauer auf ihre Forderung nach einer 35-Stunden-Woche aufmerksam. Bildrechte: IG Metall Dresden

Es ist ein langer Kampf: Über mehrere Jahre streitet die Belegschaft des Maschinenbauers Koenig & Bauer Sachsen für die Einführung der 35-Stunden-Woche, die in der westdeutschen Metall- und Elektroindustrie längst üblich ist. Nun wird das Radebeuler Werk das erste außerhalb der Automobilbranche sein, dass seinen 1.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Arbeitszeitverkürzung ermöglicht und das bei vollem Lohnausgleich.

Das Werk in Radebeul gehört zur Koenig & Bauer AG, einem Druckmaschinenhersteller mit insgesamt 5.600 Mitarbeitern, mit Hauptsitz in Würzburg. Schon seit 2003 fordern die Mitarbeiter des Firmenstandortes in Radebeul die Einführung der 35-Stunden-Woche, erklärt Willi Eisele, erster Bevollmächtigter bei der IG Metall Dresden und Riesa.

Mit Unterschriftenaktion um Aufmerksamkeit geworben

Während in den westdeutschen Unternehmensteilen die verkürzte Arbeitszeit auf 35 Stunden schon lange umgesetzt ist, mussten die Radebeuler Kolleginnen und Kollegen in jeder neuen Tarifrunde auf sich aufmerksam machen. Für den Vorstand in Würzburg sei eine Unterschriftenaktion ein ausschlaggebender Grund gewesen, die Forderung nun umzusetzen, sagt Eisele: "Man muss den Hut vor dem Vorstand ziehen, die Entscheidung so getroffen zu haben."

Ein Mann mit Brille
Willi Eisele, erster Bevollmächtigter bei der IG Metall Dresden und Riesa, findet die Entscheidung, die Arbeitszeit zu verkürzen, mutig. Bildrechte: IG Metall Dresden

Laut Eisele habe der Unternehmensvorstand einen eher ungewöhnlichen Weg gewählt. Im Regelfall werde eine Arbeitszeitverkürzung über eine Kompensation im Tarifvertrag ausgeglichen, wobei Teile des Vertrages durch die Belegschaft abgegeben werden, informiert Eisele: "Das bedeutet, die Mitarbeiter hätten für die Verkürzung der Arbeitszeit Geld zahlen müssen." Der Vorstand des Unternehmens habe jedoch eine andere Variante vorgeschlagen.

Mitarbeiter müssen keine tariflichen Abstriche hinnehmen

Im Falle von Koenig & Bauer Radebeul sei die Kompensation statt eines entgeltlichen Verzichts die Ausweitung der Zeitachse. Das heißt, die Belegschaft werde nicht schon in sechs oder sieben, sondern erst in zehn Jahren in den vollen Genuss der auf 35 Stunden pro Woche verkürzten Arbeitszeit gelangen, erläutert Eisele: "Diese Entscheidung ist getragen von der Belegschaft in Radebeul. Es hat hierzu eine Abstimmung stattgefunden."

Die Belegschaft sei dann zwar erst drei oder vier Jahre später beim endgültigen Ziel – der 35-Stunden-Woche – angelangt, würde aber zu 100 Prozent die im Tarif verankerten Leistungen beibehalten: "Die Arbeiter sind nicht an der Finanzierung beteiligt und machen bei den tarifbetrieblichen Vereinbarungen keine Abstriche."

Corona bleibt hemmender Faktor bei Arbeitszeitverkürzung

Auch weitere Betriebe in Sachsen erwägen die Einführung der 35-Stunden-Woche, so Eisele: "Ich bin mir sicher, dass wir noch einige Betriebe außerhalb der Automobilbranche haben, die sich die 35-Stunden-Woche auf die Fahne schreiben." Im Bereich der IG Metall Dresden und Riesa würden sich laut Eisele noch weitere sieben Unternehmen darauf vorbereiten.

Doch aktuell würden sich die Belegschaften aufgrund der Verunsicherung wegen Corona und der Kurzarbeit zurückhalten. "In vielen Betrieben sind durch Corona andere Themen wie Kurzarbeiterregelungen wichtiger als die 35-Stunden-Woche", sagt der erste Bevollmächtigte bei der IG Metall Dresden und Riesa und fügt hinzu: "Es rumort schon noch. Doch die wichtigste Frage ist, wie wir durch die Krise kommen. Verschärfend kommt hinzu, dass die Unternehmen gerade in den Betriebswahlen sind."

MDR (pb)

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