Lagebericht Kein Material, keine Leute: Aber Auftragsflut für Sachsens Handwerker

Wer kurzfristig einen Handwerker braucht, bekommt Schwierigkeiten. Denn viele Gewerke können kurzfristige Anfragen nicht beantworten, geschweige denn bearbeiten. Es fehlt an vielen Stellen Personal und Zeit, um Kundschaft zu beraten. Das zeigt der Blick auf den Bereich Heizung, Sanitär und Haustechnik. Aber es hakt auch noch anderswo.

Heizungbauer bei der Arbeit
Deutschlands Handwerksbetriebe stehen unter Druck. Die Heizungsbranche hat wegen der Energiewende ganz besonders viele Anfragen zu bewältigen, aber Personalmangel. Bildrechte: dpa

Steigende Preise für Energie und Material setzen Handwerksbetriebe in Deutschland unter Druck. "Die Kosten laufen insgesamt aus dem Ruder", sagt der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Holger Schwannecke. In Dresden hatten sich die Hauptgeschäftsführerinnen und -geschäftsführer der bundesweit 53 Handwerkskammern zur Frühjahrstagung getroffen. Ein Ende der Preisspirale sei nicht erkennbar, sagte Schwannecke. Der Krieg in der Ukraine wirke sich im Handwerk vielfach aus, weil viele Grundstoffe aus dem Land sowie aus Russland kommen. Das fange bei Saatgut an und reiche bis zu Stahl. Material sei zum Teil kaum beschaffbar - und wenn, denn zu extrem hohen Preisen.

Die Last der Energiekosten

Der Chef der Handwerkskammer Dresden, Andreas Brzezinski, verlangte eine Entlastung von Energiekosten durch Steuersenkung in dem Bereich auf ein Mindestmaß. Insolvenzen wegen galoppierender Preise gebe bis jetzt noch nicht. Allerdings bemerke die Kammer einen erhöhten Beratungsbedarf bei Kalkulationen und zur nachträglichen Anpassung von Verträgen.

Problem 1: Kundenverunsicherung

Von einer wahren "Anfrageflut" mit Beratungsbedarf spricht der Geschäftsführer Thomas Vogel. Der 54 Jahre alte Handwerksmeister führt den 67-Mitarbeiter-Betrieb HTS Haustechnik & Service GmbH in Dresden. Wegen steigender Energiepreise, Vorgaben zur Energiewende und des Krieges Russlands gegen die Ukraine seien viele Kunden verunsichert, fragten nach neuen Heizungen oder Heizanlagentausch. Vogel hat jetzt einen Heizungskonfigurator online gestellt, damit sich Interessierte erste Informationen zu Preisen und Kosten selbst holen können. "Das fühlt sich für uns falsch an, weil wir die Philosophie pflegen, alle Kundenanfragen zu beantworten. Aber es gibt so viel Beratungsbedarf und wir haben kein Personal dafür".

Warum Verbraucher plötzlich Beratungsbedarf bei Heizungen haben - Der Einbau einer Öl- oder Gasheizung als alleiniges Heizungsgerät wird zum 1. Januar 2025 praktisch verboten. Jede neue Heizung muss dann mindestens 65 Prozent erneuerbare Energien einkoppeln, erklärt die Geschäftsführerin der Innung Sanitär-, Heizungs-, Klimatechnik Dresden, Silvia Forberg.
- Viele wollten nun ihre Heizung austauschen, mit Wärmepumpen oder Pelletheizung koppeln und noch Fördergeld des Staates nutzen.
-"Die Verunsicherung ist groß. Auch wir wissen nicht, wo die Reise noch hin geht", sagt Forberg.
- Sie rät dazu, nichts zu überstürzen und sich auszurechnen, welche Kosten welchem Nutzen gegenüberstehen. Es gelte auch Details zu bedenken, wie die Tatsache, dass auch Wärmepumpen Strom brauchen, nicht jeder Altbau eine Pellteheizung vertrage oder funktionierende, gut gewartete Heizungen nicht unüberlegt abgeschafft werden sollten.

Problematisch seien auch Preiserhöhungen. Vor Corona hätten die Hersteller einmal im Jahr die Preise um etwa fünf Prozent erhöht. "Jetzt kommen alle drei Monate Preisinformationen jeweils um die zwölf bis 14 Prozent", sagt Vogel. Im Schnitt sei alles bis zu 30 Prozent teurer geworden. Wenn Material geliefert werde, dann oft nur einzelne Teile, nach und nach oder gar nicht. Folge: Lagerwirtschaft sei nötig.Teilweise lässt Vogel das Material bei den Kunden lagern, so lange, bis die Heizungs- oder Sanitärarbeiten beginnen können.

Das hätte ich mir nie träumen lassen. Ich habe schon die Sorge gehört, dass wir gar nicht arbeiten können, weil schlicht das Material fehlt.

Thomas Vogel Geschäftsführer und Chef von 67 Angestellten

Problem 2: Lieferengpässe

Die Anfrageflut und das Lagern seien aber nicht das größte Problem. "Im Grunde sind viele Aufträge ja positiv, weil wir längerfristig Termine für den Spätsommer planen können", urteilt Thomas Vogel. Aber mittlerweile hätten seine Mitarbeiter schon Sorgen geäußert, "dass wir gar nicht mehr arbeiten können, weil schlicht das Material fehlt". Das hätte sich der Handwerker nie träumen lassen, der vor 1989 den Beruf gelernt und seine Firma 1996 gegründet hat.

Woran genau es bei den Lieferengpässen hapert, hat der Geschäftsführer des Landesinnungsverbands Sanitär, Heizung, Klima Sachsen, Sven Fischer, "nicht bis ins Letzte ergründet". Logistikprobleme, ausgelagerte Produktion nach China, Chinas Umgang mit der Corona-Pandemie und der Krieg Russlands gegen die Ukraine führten in Summe dazu, dass "Industriepartner massive Schwierigkeiten haben. Das spürt im nächsten Schritt immer das Handwerk". Fischer, der 800 Mitgliedsbetriebe vertritt, sagt: "Ich denke nicht, dass wir die Spitze schon erreicht haben".

Ein Mann in Hemd und schwarzem Anzug blickt mit ernstem Gesicht in die Kamera. Es ist der Innungsvertreter der sächsischen Heizungsbaubranche, Sven Fischer
Der Innungsvertreter für die Heizungsbauer in Sachsen, Sven Fischer, meint: "Wie im Kapitalismus üblich, erzeugen auch im Handwerk knappe Güter höhere Preise." Bildrechte: Fachverband SHK

Problem 3: Wo sind die Fachkräfte?

Knackpunkt bleibe jedoch das Fachpersonalproblem. "Alle suchen händeringend Mitarbeiter. Das ist ein demographisches Problem, mit dem wir leben müssen", konstatiert der Innungsvertreter und verweist auf die eigene Branche. Die stehe nach mageren Jahren bei der Lehrlingsgewinnung in Sachsen "recht gut da". 2012 wollten nur 168 Auszubildende im Heizungsbau anfangen. Nach Fischers Angaben waren es 2020/21 im Sanitär- und Heizungsbereich 375 Azubis. Die Lehrstellenkampagne wirke, ist er überzeugt

Wenn die Leute ihre Gasabrechnungen im Herbst bekommen, werden viele aufwachen und ihre Heizung umbauen wollen.

Thomas Vogel Innungsverteter Dresden für Heizung- und Haustechnik-Bereich

Mangel an Lehrstellenbewerbern hat Unternehmer Thomas Vogel in Dresden nicht. Zwölf Lehrlinge arbeiten in seinem Betrieb, fünf wollen im Herbst neu anfangen. Um die politisch gewollten Ziele der Energiewende ab 2025 zu erreichen, brauche es aber schon jetzt Fachpersonal. Vogel hält die Energiewende für richtig, aber nur Ziele zum Heizungstausch oder Einsatz erneuerbarer Energien vorzugeben, ohne zu sagen, wie man die erreichen will, sieht er kritisch. "Wenn die Leute ihre Gasabrechnungen im Herbst bekommen, werden viele aufwachen und ihre Heizung umbauen wollen. Das wird den Markt noch mehr beeinflussen", ist Vogel überzeugt.

Drei junge Männer in Arbeitskleidung stehen auf einer Treppe und halten jeder Arbeitswerkzeuge in den Händen. Es sind Lehrlinge der Firma HTS Haustechnik & Service GmbH in Dresden, die für ein Fotoshooting ihrer Handwerksinnung für den Beruf werben.
Diese drei Lehrlinge warben in den Räumen ihres Ausbildungsbetriebs in Dresden für ihren Berufszweig. Bildrechte: HTS Haustechnik & Service GmbH

Neue Wege ins Handwerk ebnen

Sachsen hat am Montag in Chemnitz das Zentrum für Fachkräftesicherung und Gute Arbeit (ZEFAS) eröffnet. Skeptisch äußerte sich der Sächsische Handwerkstag dazu. "So richtig überzeugt sind wir von der Notwendigkeit, auf Landesebene einen neuen, zusätzlichen Akteur wie das ZEFAS ins Spiel zu bringen, bislang nicht. So manche unserer Unternehmer dürften eher irritiert fragen, wer nun tatsächlich noch wofür verantwortlich ist", sagte Vizepräsident Tobias Neubert.

Auch Heizungsbauer Vogel ist dieses ZEFAS nicht greifbar genug. "Zu viel graue Theorie. Wir müssen politisch neue Wege gehen", verlangt er. Warum gibt es keine Quereinsteiger-Programme fürs Handwerk - ähnlich wie bei Lehrerinnen und Lehrern, fragt er sich. Branchenfremden könne nicht alles in der Praxis vermittelt werden, sie bräuchten auch theoretisches Wissen. "Warum werden nicht gezielt Hochschulabsolventen angesprochen, wo sich im Heizungs- und Solarbereich die Technik rasant entwickle. Warum gibt es keine gestaffelten Ausbildungsanreize für kleinere und mittlere Betriebe", zählt Vogel weiter auf und urteilt: "Da hat auch das Handwerk einiges versäumt."

MDR (kk)/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 02. Mai 2022 | 19:00 Uhr

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