Interview Doktortitel und Hartz IV

Michael Winkler aus Dresden hat mit seinem Doktortitel den zweithöchsten Ausbildungsabschluss erreicht, den es in der Bundesrepublik gibt. Trotzdem ist er seit Jahren auf Sozialleistungen angewiesen - wie Millionen anderer Menschen in Deutschland. Wie viel Geld er zum Leben braucht, wie viel Stigma Hartz IV-Empfänger erfahren und welche Chancen Bürgergeld oder Grundeinkommen bieten würden, erklärt er im Interview mit MDR SACHSEN.

Michael Winkler
Dr. Michael Winkler hat zur Flächennutzung in europäischen Großstädten promoviert und ist seit Jahren auf Sozialleistungen angewiesen. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Herr Dr. Winkler, wie viel Geld braucht man zum Leben?

Das kommt darauf an, würde der Jurist jetzt auf diese Frage sagen. Ich bin gerade "Aufstocker", kann also gerade auf einen Zuverdienst zurückgreifen. Das schafft ein wenig Spielraum. Doch allein mit dem Regelsatz würde es sportlich bis eng sein.

Wie viel Geld haben Sie gerade?

Insgesamt etwa 650 Euro plus Miete. Weil meine Miete jedoch zu hoch ist, nicht komplett von den Hartz IV-Sätzen gedeckt wird und ich nicht umziehen möchte, zahle ich noch etwa 55 Euro drauf. Das heißt, mir bleiben rund 600 Euro pro Monat zum Leben, inklusive Strom, Telefon und Versicherungen und anderen Kosten. Vielen anderen Arbeitnehmern geht es ja auch nicht viel anders.

Reicht das?

Ja, es muss reichen. Mitunter ist es etwas schwierig, gerade bei nötigen Neuanschaffungen. Doch mit gebrauchten Dinge, die glücklicherweise in vielen Netzwerken für wenig Geld angeboten werden, ist es machbar. Das Gute daran ist, mein Konsum ist wirklich nachhaltig.

Sie sind promoviert, haben einen Doktortitel und sind trotzdem auf Hartz IV angewiesen. Wie kam es dazu?

Das ist eine längere Geschichte. Ich hatte Kartographie in Dresden studiert. Nach dem Studium arbeitete ich einer Forschungseinrichtung und begann meine Promotion. Der Vertrag war allerdings auf 16 Monate begrenzt. Das ist nicht ungewöhnlich in der Wissenschaft. Nach dieser Zeit lief der Vertrag aus, ich wollte aber trotzdem meine Promotion fertigstellen. Also entschloss ich mich 2008, für Stipendien zu bewerben und zur Überbrückung staatliche Leistungen zu beantragen. So bekam ich erst ALG I und später Hartz IV .

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MDR SACHSEN Mi 15.12.2021 20:00Uhr 112:07 min

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Warum hat es mit einem Job nicht geklappt?

Die Karthographie-Branche ist eine schwierige Branche, weil dort mehr Programmierer gesucht werden als reine Karthographen. Der Konkurrenzdruck war groß. Ich hatte keine Chance als Doktor ohne Berufserfahrung.

Sie blieben dann von Hartz IV abhängig. Wie haben Sie das erlebt?

Ich muss sagen, dass ich das Hartz IV-System unterschätzt habe. Es interessierte eigentlich im Jobcenter niemanden, ob ich gerade eine Promotion schreibe oder nicht. Der Druck war da, doch meine Doktorarbeit wurde eher als eine Art Hobby betrachtet. Vielleicht ist das auch so und ich bin einfach so naiv gewesen, als ich dachte, ich mache eine gesellschaftlich relevante Aufgabe.

Trotz aller Widrigkeiten haben Sie Ihre Arbeit abgeschlossen?

Ja, es hat unter den suboptimalen Bedingungen zwar eine Weile gedauert, doch im Jahr 2017 wurde ich zum "Dr. Ing." promoviert. Mein Thema war eine "GIS-basierte Flächenentwicklungsanalyse in europäischen Großstädten" – ich finde das eingedenk der Zersiedlung und gleichzeitiger Verdichtung sowie der Wohnungsprobleme in Großstädten noch immer sehr interessant.

GIS-basiert, was ist das?

GIS ist die Abkürzung für Geoinformationssystem. Dabei handelt es sich um ein rechnergestütztes Informationssystem, mit dem Kartographen arbeiten – und natürlich nicht nur sie allein.

Die Arbeitsagentur hat Sie dabei nicht gefördert?

Das kommt auf die Betrachtung an. Mein Leben schwankte zwischen komplettem Leistungsbezug und Aufstocken. Einmal sollte ich Metallschleifer werden. Mit einer ABM-Stelle und einem Euro-Job hatte ich jedoch auch das Glück, etwas Fachnahes zu machen.

Heute sind Sie ein sogenannter Aufstocker?

Ja, ich arbeite in Minijobs und bekomme den bis zum Existenzminimum fehlenden Teil von der Arbeitsagentur. Nach einer Weiterbildung arbeite ich jetzt als Seniorenbegleiter und in der Nachhilfe. Manchmal werde ich auch als Spielleiter für Büro-Golf engagiert.

Büro-Golf, wie bitte?

Büro-Golf wird in Unternehmen als teambildende Maßnahme angeboten. Ich bin der Spielleiter und zähle für jedes Team die Punkte. Da ist mir das Studium sehr hilfreich, da es schon eine Leistung ist, bis neun zu zählen. Neun ist die Höchstpunktzahl, die man erreichen kann.

Ist es als "Aufstocker" einfacher im Vergleich zum 100-Prozent-Hartz-IV-Empfänger?

Es reicht zum Leben und ist in jedem Fall besser als nur der Regelsatz. Natürlich wird einiges abgezogen, letztlich liegt der Mehrwert nur etwa bei etwa 200 Euro. Das macht schon etwas aus. Ich gehe meinen Weg und schränke mich ein.

Welche Geschichte können Sie uns erzählen?

Ausblick aus einer der vielen Sozialbauwohnungen in Dresden Prohlis.
In Dresden-Prohlis, einer Plattenbausiedlung im Südosten der sächsischen Landeshauptstadt, leben 10.000 Menschen Tür an Tür auf engstem Raum miteinander. Rentner, Hartz-IV-Empfänger, AFD-Wähler, DDR-Nostalgiker, Neonazis und Geflüchtete. Der Ausblick aus einer der vielen Sozialbauwohnungen in Dresden Prohlis. Bildrechte: MDR/Moritz Dehler

Wie kann man sich mit diesem niedrigen Lebensstil noch einschränken?

Natürlich in der Kultur. Bei einem Konzert war ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Materiell gibt’s viele Möglichkeiten auf Secondhand-Plattformen. Ab und zu habe ich auch schon überlegt, zur Dresdner Tafel zu gehen, doch dann davon abgesehen. Letztlich sind die Lebensmittel das Wichtigste. Und Sie müssen natürlich aufpassen.

Wieso aufpassen?

Nicht selten gibt es Berechnungsfehler. Einmal ist ein krasser Fall passiert. Ich habe eine Arbeit in der Kinderbetreuung begonnen und den geringen Zuverdienst gemeldet. Plötzlich wurden alle Leistungen komplett gestrichen, und ich stand ohne irgendetwas da. Es dauert Wochen, ehe solche Dinge wieder rückgängig gemacht werden. In diesem Fall war die Arbeitsaufnahme wie eine Sanktion. Viele Dinge sind einfach kontraproduktiv.

Das geplante Bürgergeld soll jetzt vieles besser machen...

Es ist gut, dass es Veränderungen geben soll. Allerdings würde ich nicht ausschließen, dass die SPD die Pläne doch noch ad acta legt. Das halte ich durchaus für möglich. Zudem bleibt die Frage, wie die FDP den Entwurf eines Bürgergeldes noch verändert. Ich mache mir keine große Hoffnung.

Das Bürgergeld will höhere Zuverdienste ermöglichen. Wäre das eine Verbesserung?

Auf jeden Fall! Doch wie gesagt, da ich noch keine Zahlen gelesen habe, wie hoch dies sein wird, halte ich mich sehr mit Erwartungen zurück. Das wäre aber auf alle Fälle eine gute Idee und würde letztlich auch den Einstieg in neue Jobs erleichtern. Wenn man abgesehen vom anrechnungsfreien Freibetrag von 100 Euro statt 20 Prozent wie heute, 50 Prozent des Zuverdienstes behalten könnte, wäre das schon ein Vorteil. Zusätzliche Einnahmen zu 100 Prozent zu behalten, erachte ich als nicht realistisch. Dann kommen die Union und die FDP wieder mit dem Wort "Lohnabstandsgefüge".

Was sagen Sie zum Grundeinkommen?

Damit beschäftige ich mich seit 2004. Ein Buch des dm-Chefs hat mich sehr inspiriert, zumal die Idee von einem Unternehmer befördert wurde. Das war und ist ja eher ungewöhnlich. Bis heute erinnere ich mich an den Satz, man sollte den Menschen nicht nur ein Einkommen, sondern ein Auskommen ermöglichen. Also die Idee halte ich für prinzipiell gut. Ob dies nun für alle, auch für Kinder und Millionäre gelten soll, muss natürlich noch erörtert werden. Ein Bürgergeld, das wie ein sanktionsfreies Hartz IV besser funktionieren würde, wäre ein guter Übergang zu einem neuen Sozialstaat.

Das Grundeinkommen ist auf alle Fälle wichtig. Ich denke, dass wir uns weiter in diese Richtung entwickeln. Doch vielleicht ist das auch nur meine Hoffnung.

Michael Winkler Hartz IV-Empfänger mit Doktortitel

Sie haben einen Sohn und Weihnachten steht vor der Tür. Schaffen Sie das?

Es gibt wie jedes Jahr was, doch vermutlich etwas weniger als vielleicht bei vielen anderen Kindern. Da trifft es sich fast günstig, dass sein Geburtstag auch in die Weihnachtszeit fällt, da lassen sich die Geschenke gut zusammenfassen. Natürlich gibt es Wünsche nach einer neuen Play-Station und auch immer mal wieder Diskussionen. Doch wir finden immer einen Weg.

Herr Dr. Winkler, vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Dienstags Direkt | 14. Dezember 2021 | 20:00 Uhr

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