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Hirntumore müssen kein Todesurteil sein, mittlerweile gibt es viele Behandlungsmethoden. Bildrechte: PantherMedia

HirntumorDer ungewollte Nachbar im Kopf

von Martin Dietrich, MDR SACHSEN

Stand: 10. Juni 2022, 10:51 Uhr

Hirntumore treten im Vergleich zu anderen Krebsarten sehr selten auf, Operationen und Therapien sind selbst für Experten eine Herausforderung. Dennoch gibt es für Betroffene immer bessere Behandlungsmöglichkeiten. Ärzte und Patienten sprechen über ihre Erfahrungen mit der Krebserkrankung.

Das Gehirn ist die Schaltzentrale des Körpers. Wenn sich hier etwas Fremdes einnistet, gehen sofort alle Alarmglocken los. Wie soll es weitergehen, wenn da oben nicht mehr alles in Ordnung ist? "Nicht wenige Patientinnen und Patienten schauen nach der Diagnose eines Hirntumors zunächst bei "Dr. Google" nach. Und da werden meistens als erstes die bösartigen Varianten aufgeführt. So ist es aber meistens nicht.

Es gibt über 100 Arten von Hirntumoren", sagt Prof. Tareq Juratli. Er ist Leiter des Neuroonkologischen Zentrums am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Dresden, das sich im Universitätsklinikum befindet. "Aufklärung ist hier das Allerwichtigste", sagt er.

Hirntumore eher selten

Pro Jahr wird in Deutschland bei etwa 8.000 Menschen ein Hirntumor diagnostiziert. Das Klinische Krebsregister Sachsen zählte 2021 für den Freistaat 406 Fälle von bösartigen sowie gutartigen Neubildungen am Gehirn und den Hirnhäuten. Kein Vergleich zu der halben Million an Deutschen, die jährlich an anderen Körperregionen wie der Prostata, dem Darm oder der Brust mit einem Tumor zu kämpfen haben.

"Hirntumore sind zwar selten, aber wenn sie auftreten, haben sie meistens eine große Konsequenz für die Patientinnen und Patienten sowie deren Familien", sagt Juratli. Und obwohl eine Erkrankung nicht sehr wahrscheinlich ist, kann sie prinzipiell jeden treffen.

Epileptischer Anfall ist nur der Anfang

Stephan Fischer gründete 2009 den Gesprächskreis Hirntumor Dresden. Er will Betroffenen helfen und Wissen vermitteln. Er selbst lebt seit 19 Jahren mit einem Hirntumor. Bildrechte: MDR/Martin Dietrich

Stephan Fischer ist gerade in der Sauna, als er seinen ersten epileptischen Anfall erleidet. Es ist 2005 und er ist 24 Jahre alt. "In der Sauna bin ich umgefallen und dann wurde festgestellt, dass ich eine Raumforderung habe", erinnert er sich. Eine Raumforderung bezeichnet eine ungewöhnliche Volumenzunahme im Körperinneren. Bei Fischer ist die etwa vier mal fünf Zentimeter groß. Eigentlich will er am nächsten Tag einen neuen Job als Erzieher anfangen. Aber daraus wird nichts, der Anfangsverdacht bestätigt sich: Die Raumforderung ist ein Hirntumor. Weitere Symptome können intensive Kopfschmerzen, Übelkeit oder Persönlichkeitsveränderungen sein.

Glücklicherweise ist der Tumor bei ihm gutartig - so wie die meisten. Neben der Unterscheidung zwischen gut- und bösartig gibt es Hirntumore, die direkt im Gehirn entstehen und solche, die von anderen Organtumoren in das Gehirn streuen. Diese sekundären Hirntumore treten in den letzten Jahren etwas häufiger auf, weil Patienten und Patienten mit Krebs immer besser versorgt werden können, wodurch Metastasen wahrscheinlicher sind. Die Ursache für die primären, gehirneigenen Tumore ist allerdings kaum bekannt. Einzig bei Uranstrahlung ist die Wissenschaft sich sicher, dass sie ursächlich sein kann.

"Mein Dachschaden gehört zu mir"

Die erste erfolgreiche Operation des Hirntumors von Stephan Fischers findet in Mainz statt. Später - als der Tumor 2008 und 2019 wieder zurückkehrt - lässt er sich in Dresden behandeln. Beim zweiten Mal hat sich der Krebs weiter ausgebreitet. Fischer ist nach der OP halbseitig gelähmt, muss wieder schlucken und gehen lernen. Eine Physio- und Ergotherapie helfen ihm dabei. Hirntumortherapie ist immer auch interdisziplinär und erfordert Spezialisten aus vielen Bereichen.

Fischer merkt man trotz mancher Rückschläge die Last einer solchen Erkrankung nicht an. "Dachschaden" nennt er seinen Tumor fast schon liebevoll. "Es gehört zu mir", sagt er. "Man kann es ja nicht ändern und sagen: Hier nimm du es. Ich sag immer die Starken werden für sowas ausgewählt." Seine Stärke gibt er auch an andere weiter. 2009 gründet er eine Selbsthilfegruppe: den Gesprächskreis Hirntumor Dresden für Patienten und Angehörige. 

Gemeinsam stark und nicht stigmatisieren lassen

"Es ist nicht so, dass wir da alle im Kreis sitzen und heulen. Wir laden Referenten ein, vernetzen uns und sprechen über Situationen, die andere schon durchgemacht haben", erzählt Fischer. Zudem begleitet er Patienten und Patientinnen zu Arztterminen. Auch Schulklassen besucht er und beantwortet die Fragen der Kinder. Er will Wissen vermitteln, Akzeptanz schaffen. Das alles macht Fischer ehrenamtlich.

"Patienten mit einer Hirntumorbehandlung haben eine Narbe oder Haarausfall, an der Stelle, wo sie bestrahlt worden sind. Das heißt, ein solcher Mensch sieht krank aus. Und das stigmatisiert ihn", sagt Prof. Florian Stockhammer, Chefarzt der Neurochirurgie im Klinikum Dresden Friedrichstadt. "Ich sehe viele Menschen, die damit sehr offen umgehen, aber ich höre auch immer wieder, dass sie auch Probleme im sozialen Umfeld haben."

Neue Studie sehr Erfolg versprechend

Zusätzlich zu einer operativen Entfernung gehören zum Standardrepertoire einer Behandlung auch Strahlungs- und Chemotherapien. Aber die Forschung steht nicht still. "Es gibt jetzt eine Studie, die Erfolg versprechend ist. Da geht es um Antikörper, die wie ein Knopf auf die Tumorzellen drücken und die Zelle geht dann in den programmierten Zelltod", sagt Stockhammer. Wenn die Studie positiv ausfällt, dann können Betroffene womöglich bereits in den nächsten Monaten von der neuen Methode profitieren.

Auch am Uniklinikum erhalten Patienten eine vollumfängliche Versorgung - mitsamt einer psychoonkologischen Betreuung. Es gehört zu einem von 53 von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten neuroonkologischen Zentren. Das Uniklinikum besitzt präzise Navigationssysteme, um Tumore millimetergenau zu entfernen und kein gesundes Gewebe zu beschädigen. Dank eines sogenannten intraoperativen MRTs können Ärzte und Ärztinnen zudem während einer OP nachschauen, ob sie das Tumorgewebe komplett entfernt haben. Früher kostete das deutlich mehr Zeit und erforderte gegebenenfalls einen zweiten Operationstermin.

Weitere Forschung ist nötig

"Hirntumore sind speziell und können in bestimmten Fällen nicht von jeder neurochirurgischen Klinik behandelt werden. Patienten sollten sich eine Zweitmeinung an einem Zentrum mit Expertise auf diesem Gebiet einholen", sagt Juratli. Obwohl es in den letzten Jahren viele Fortschritte gab, so gibt es immer noch viel Wissensbedarf.

Forschungsgelder fließen international gesehen häufiger in die Erforschung anderer Krebsarten, bemerkt Juratli und erinnert an den Welthirntumortag, der jedes Jahr am 8. Juni Aufmerksamkeit für die seltene Tumorerkrankung schaffen soll.

"Der Welthirntumortag ist auch für uns ein wichtiger Tag, weil er darauf aufmerksam macht, dass es mehr Forschung braucht und mehr in die Behandlung und Diagnostik von Hirntumoren investiert werden muss, damit wir die Versorgung unserer Patienten optimieren können.

Solche Investitionen sind auch deswegen wichtig, damit sich Geschichten wie die von Stephan Fischer wiederholen. Bei seiner Diagnose bekommt er zu hören, dass er noch höchstens drei Monate zu leben habe. Mittlerweile ist das 17 Jahre her. Er wünscht sich einen ungezwungenen Umgang zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen. "Nur weil wir einen Dachschaden haben, sind wir nicht anders. Wir sind genauso. Akzeptiert uns wie wir sind", sagt er. Schließlich kann man auch lernen, mit einem ungewollten Nachbar in der Schaltzentrale zu leben.

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MDR (md)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN | 08. Juni 2022 | 12:05 Uhr