Hochwasserschutz Ab 2022 in Brockwitz: Statt Deichbau ganze Häuser anheben?

Zwei Mal innerhalb von elf Jahren mussten Familien in Brockwitz bei Coswig schon ihre Häuser nach Hochwassern komplett sanieren. Ein Deich zum Schutz für die Elbanlieger ist nicht in Sicht. Was tun? Da hatte der Ordnungsamtleiter eine Idee, für die er "wie ein Löwe kämpfte": Warum nicht die Häuser anheben? Das spart den Deichbau, verbraucht keine Flächen und ist nachhaltiger, als nach jeder Flut alles wieder zu sanieren, sagt Initiator Olaf Lier. MDR SACHSEN hat ihn gefragt, wie das gehen soll.

Wohnhäuser und Grundstücke sind von Wasser der Elbe umspült im Ortsteil Brockwitz bei Coswig/Sachsen. 2002 und 2013 standen die Wohnhäuser im Wasser.
So hoch stand das Elbehochwasser 2013 in Brockwitz bei Coswig. Bildrechte: Stadt Coswig

Frage: Nach den aktuellen Hochwasserereignissen fragen sich viele, wie sie ihre Häuser sichern können. Sie hatten 2013 im Elbe-Hochwasser die Idee, gefährdete Häuser anzuheben. Ganz schön kühn, oder?

Olaf Lier: Die Ausgangsidee war, die Häuser zu halten, die 2002 und 2013 vom Hochwasser in Brockwitz betroffen waren. Sie stehen auf der Niederseite zwei Meter zu tief. Man könnte eine Etage drauf setzen und das Dach anheben, eine Zwischentage einsetzen oder gleich das ganze Haus hochheben.

Was wollen Sie in Brockwitz konkret machen?

Wenn man Dinge tun will, für die es noch wenig Erkenntnisse gibt, muss man das erforschen. Wir haben mit den Anwohnern, vielen Partnern und fünf Hochschulen unzählige Fragen darüber erörtert, was man alles beachten muss und wie das Anheben funktionieren kann, was das alles aber auch für das Ortsbild, den Fluss, die Natur und den Kostenaufwand bedeutet. In Brockwitz stehen viele Häuser unter Denkmalschutz. Das ganze Ensemble soll erhalten bleiben. Daher wollen wir möglichst viele Häuser heben. 24 sind in der Planung.

Ein Mann sitzt auf einem Bürostuhl und blickt in die Kamera. Es sit de rLeiter des Ordnungsamtes in Coswig, Olaf Lier.
Olaf Lier gilt als Initiator des Haushebungs-Projektes in Brockwitz. Bildrechte: Stadt Coswig

Entweder wird ein Haus mit der ganzen Bodenplatte Millimeter für Millimeter hoch gehoben. Die Hohlräume würden sofort mit Beton verfüllt, sodass die Platte dicker werden würde. Rund zwei Meter Hebung sind vorgesehen. Ist es ein Fachwerkhaus, dann kann man es auch über die Wände heben und die Besitzer müssen sich überlegen, ob sie einen Keller haben wollen oder den auch verfüllen lassen. Zum Einsatz kommt sensible Technik, Statiker überwachen das Heben, das etwa sieben bis 14 Tage dauert. Mit allen Vor- und Nachbereitungen wird es etwa ein Vierteljahr pro Haus dauern. Das Gute daran: Die Bewohner können während des gesamten Vorgangs zu Hause wohnen bleiben.

Und die Häuser halten das aus? Sie sind ja teilweise Jahrhunderte alt.

Die Technologie stammt aus dem Bergbau und wurde schon in Regionen im Saarland, aber auch Nordrhein-Westfalen ausreichend eingesetzt, um Gebäude wie Schulen, größere Wohnhäuser oder Kirchen gerade zu rücken oder anzuheben. Das hat immer gehalten. Alle Medien in einem Haus wie Wasser, Abwasser, Strom usw. werden vorher flexibel angebracht, dass es da keine Probleme gibt.

Rohre stecken in einem betonboden. Es sind spezielle Hebezylinder, mit denen man ganz vorsichtig ein ganzes AHus anheben kann.
So sehen die Vorbereitungen für eine Haushebung aus: Hebezylinder, die mit Öldruck funktionieren, stecken bereits in der Bodenplatte. Bildrechte: Stadt Coswig

Was kostet dieser Aufwand?

Wir rechnen mit 100.000 bis 130.000 Euro pro Haus, je nachdem, ob es eine Bodenplatte hat oder ein Haus mit Bruchsteinen ist. So viel kostete es nach jedem Hochwasser auch, alles wieder zu trocknen und zu renovieren. Die Betroffenen konnten zudem monatelang nicht in ihre beschädigten Häuser. Ein Deichbau würde auch etwa 10 bis 12 Millionen Euro kosten, aber Flächen verbrauchen. Ein Deich muss danach erhalten werden. Es würde auf den Hochwasserschutzanlagen kein Strauch oder Baum wachsen, was auch katastrophal für Natur und Tierwelt wäre.

Das klingt alles ziemlich teuer.

Wir sind sehr froh, dass es zehn Millionen Euro Fördermittel gibt, die hälftig der Bund und das Land Sachsen übernehmen. Aber klar, auf die Hausbesitzer kommt trotzdem Arbeit zu. Die Außenanlagen, Wege, Mauern und Gärten müssen auch bewusst aufgefüllt und gestaltet werden. 2022 sollen die Hebungen beginnen. Ziel der Förderung und unserer Bemühungen ist es, modellhaft festzustellen, ob Haushebungen eine sinnvolle Alternative zum Erhalt hochwassergefährdeter Siedlungen sind. Nicht überall kann ein Deich gebaut werden. Insofern kann das Verfahren für viele Einzelstandorte, aber auch Siedlungsteile interessant sein. Nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen EU.

Waren alle so begeistert wie Sie von der Idee?

Wir haben gekämpft wie die Löwen für das Projekt. Es gab Zustimmung und viele Fragen, aber vor allem bei Behörden und Denkmalschützern viele Vorbehalte. Wissen Sie, irgendwann haben Bewohner auch keine Kraft mehr, sich für ihr denkmalgeschütztes Haus einzusetzen und es denkmalgerecht auszustatten, wenn Fluten innerhalb kurzer Zeit alles wieder zunichte machen. Die Häuser sind alt und erhaltenswerte Denkmale, richtig. Es muss jedoch eine nachhaltigere Idee her als vor einer Flut den Hausrat wegzuräumen und danach ein Jahr lang damit beschäftigt zu sein, das Haus wieder fit zu machen. Irgendwann ist nichts mehr in Brockwitz da. Das nützt dem Denkmalschutz dann auch nichts mehr.

Nach den Erfahrungen wegen der Jahrhundertflut 2002 bestellte die Stadt Coswig 2013 vor dem Hochwasser Container nach Brockwitz. die großen Metzallbehälter hob ein Kran auf die Grundstücke. Jedes Haus lud darin seine Sachen ein, damit sie im kommenden Hochwasser nicht zerstört werden. Das war Anfang Juni 2013,
Nach den Erfahrungen der Flutkatastrophe 2002 bestellte Coswig 2013 Container, die in Brockwitz an flutgefährdete Hausbesitzer verteilt wurden. Sie brachten in den Behältern ihren Hausstand in Sicherheit. Später wurden die Container wieder zum Auspacken angefahren. Bildrechte: Stadt Coswig

Zurück zur Gegenwart: Nach den Katastrophenereignissen im Juli, was raten Sie Wohnungs- und Hauseigentümerinnen und -besitzern mit Blick auf deren eigene Sicherheit?

Jeder, der eine Immobilie kauft, sollte sich vorher genau die Hochwasserkarten ansehen, die in den Gemeinden ausliegen. Zudem sollte jeder den Standort seines Hauses bedenken und überlegen, was bei Sturm, Hochwasser, aber auch Erdrutsch oder Schlamm passieren könnte. Wie standfest ist das Haus? Ein Plan B ist genau zu überlegen, in dem Fragen geklärt sind wie: Wenn Regen oder Wasser in der Nähe steigt, was macht die Strömung mit der Statik meines Hauses? Was, wenn Wasser eindringt? Wann verlasse ich das Gebäude? Wo ist die Stromabschaltung? Jeder muss bereit sein, sich aktiv über Gefahrenprognosen zu informieren - über die Medien, aber auch mithilfe von Apps.

Viele Menschen sind sich der Gefahren nicht bewusst. Sie denken, das funktioniert schon, die Menschheit fliegt doch auch zum Mond. Aber: Es kann immer etwas passieren, wie wir leider wieder feststellen mussten.

Olaf Lier Ordnunsgamtsleiter Stadt Coswig

Mehr zur Umsetzung des Projektes Haushebung finden Sie hier.

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