Dienstags direkt Schwangerschaftsabbruch: "Ich habe abgetrieben!"

In der DDR waren Schwangerschaftsabbrüche legal. Seit der Wiedervereinigung fällt Abtreibung auch in den ostdeutschen Ländern unter Paragraph 218 des Strafgesetzbuch es und ist nur unter bestimmten Bedingungen straffrei. Frauen, Kirchenvertreter und Abtreibungsgegner streiten wieder heftiger. Während die einen den Paragraphen streichen wollen, sehen andere das Leben bedroht und zeigen Ärztinnen und Ärzte an, die Abbrüche vornehmen. MDR SACHSEN hat eine Frau gefragt, warum sie abgetrieben hat.

Abtreibung Maria
Maria hat vor zwölf Jahren abgetrieben. Weil sie im Netz für ihre Positionen schon hart angegriffen wurde, möchte sie ihren Nachnamen nicht nennen. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Für Maria* war sofort klar: Sie möchte ihre Geschichte erzählen. Zu groß war der Schock, als sie bemerkte, dass etwas für sie vermeintlich Selbstverständliches nicht so selbstverständlich war. Dass es kein Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch gab. Dass sie sich durchfragen und erklären musste, lange nach einem Arzt suchte und sich dabei verlassen vorkam. "Ich habe mich nie vorher mit dem Thema beschäftigt, dachte man kann seine Schwangerschaft in Deutschland ohne Probleme abbrechen", erklärt die heute 37-Jährige MDR SACHSEN. "Da wurde ich eines anderen belehrt."

Abtreibung ist immer noch ein Tabu, über das zu wenig geredet wird. Dass ein Schwangerschaftsabbruch heute im Strafgesetzbuch steht, ist ein großer Rückschritt. Das sollte viel mehr Aufmerksamkeit erregen, vor allem bei den Frauen im Osten. Es ist eine Unverschämtheit, dass wir nicht über unseren eigenen Körper bestimmen können.

Maria, 37 Jahre hat ihre Schwangerschaft abgebrochen

Kein Geld und mitten im Studium

Als Maria Mitte 20 war und in Berlin lebte, wurde sie trotz Verhütung von ihrem damaligen Freund schwanger. Sie hatte kein Geld, war mitten im Studium und wollte kein Kind. "Für mich war klar, ich möchte die Schwangerschaft abbrechen." Doch dann wartete eine Odyssee auf sie. Weil sie neu in Berlin war, suchte sie lange einen Gynäkologen, um ihre Schwangerschaft bestätigen zu lassen. Dabei stellte die Ärztin gleich klar: "Wir machen das nicht und wir sagen auch nicht, wer das macht." Immerhin konnte Maria mit der Bestätigung zur Abtreibung notwendigen Schwangerschaftskonfliktberatung gehen.

Schwangerschaftsabbruch als Straftat

Laut Parapraph 218 ist die Konfliktberatung verpflichtend. Wird sie nicht wahrgenommen, können die jeweilige Frau und auch die jeweiligen Mediziner bei einer Abtreibung strafrechtlich verfolgt werden. "Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland grundsätzlich für alle Beteiligten strafbar", erklärt das Bundesfamilienministerium auf seiner Webseite. Damit Frauen abtreiben können, müssen sie sich also einer Beratung unterziehen oder eine kriminologische und medizinische Indikation vorweisen.

Beratung mit Einfluss

Die notwendige Schwangerschaftskonfliktberatung muss laut Gesetz "ergebnisoffen" sein. Neutral behandelt hat sich Maria nicht gefühlt. "Ich hatte mich entschieden, doch es wurde gegen meine Entscheidung geredet. Das war total unangenehm", sagt Maria. Ich solle doch noch einmal nachdenken, "ob ich es nicht doch schaffen würde mit dem Kind". Ob ich das "wirklich wolle" und mit einem Abbruch leben könne.

"Es gibt so viele Kinder, um die sich keiner kümmert"

Langsam kommt Maria beim Erzählen in Rage. Sie versteht die Welt nicht mehr. Ihre vorher klare Rolle als (ostdeutsche) Frau mit Recht auf Selbstbestimmung über ihren Körper schien plötzlich in Frage. "Es gibt so viele Alleinerziehende, denen es schlecht geht. So viele Kinder, um die sich niemand kümmert", sagt sie.

Diese Doppelmoral ist schwer zu ertragen. Man traut uns nicht zu, über unseren eigenen Körper zu bestimmen. Wir werden infantilisiert. Gleichzeitig sollen wir Kinder großziehen.

Maria hat ihre Schwangerschaft abgebrochen

Zettel mit geheimer Liste

Trotz der Beratung bleibt Maria bei ihrer Entscheidung. Sie will ihre Schwangerschaft abbrechen lassen. Schließlich erhält sie ihn, den Zettel mit der 'geheimen Liste', wie er unter Frauen genannt wird. Ein ausgedrucktes A4-Blatt, mehrmals kopiert mit den Namen der Ärzte, an die sich Maria wenden kann. "Alles machte den Anschein einer Geheimhalterei", erinnert sich Maria. "Man bekam das Gefühl, etwas total Illegales zu tun."

Heute hat man immer das Gefühl, dass man mit einem moralischen Blick bewertet wird."

Maria hat mit 25 Jahren abgetrieben

Abtreibungsgegner machen mobil

Das war vor mehr als zwölf Jahren. Damals hatten sich noch keine Abtreibungsgegner aus Allianzen rechtspopulistischer, konservativer und christlich-fundamentalistischer Bewegungen radikalisiert. Abtreibungsgegner verklagen seit Jahren in Deutschland hunderte Frauenärztinnen und Frauenärzte. Vielleicht auch deshalb ist die Liste heute zu kleinen Papierzetteln geschrumpft, die den Frauen fast verschämt und heimlich in die Hand gedrückt werden? Das berichtet zumindest eine andere Wissenschaftlerin MDR SACHSEN, die 2020 abgetrieben hat und anonym bleiben möchte.

Lange Arztsuche

Nachdem Maria die Liste bekommen hatte, beginnt die eigentliche Arbeit. Mühsam telefoniert sie sich durch, viele Frauenärzte nehmen nur eigene Patienten. Maria steht unter Druck, die Zeit rennt, sie hat nur drei Wochen Zeit. Denn nur bis zur zwölften Woche darf sie abtreiben. Schließlich findet sie in Berlin-Wedding eine Tagesklinik. "Ich war so erleichtert, einen Termin zu haben, gleichzeitig aber auch total angespannt", erzählt sie. Ihr damaliger Freund fiebert mit. "Er fand die Entscheidung richtig."

Frauen erzählen ihre Geschichte

In der Klinik

Am Tag X fährt Maria nach Berlin-Wedding und spricht in der Klinik vor. Seit dem Morgengrauen hat sie nichts gegessen und getrunken, wegen der Narkose muss sie nüchtern bleiben. Sie wird betäubt und in den OP gefahren. Schließlich entfernen ihr die Ärzte die Gebärmutterschleimhaut bei einer Ausschabung, auch Kürettage genannt. "Damals wusste ich noch gar nicht, dass man auch mit Tabletten abtreiben kann", erinnert sich Maria.

Ich habe mich in einer machtlosen Position gefühlt.

Als sie aufwacht, ist sie erleichtert, fühlt sich aber auch wie in einer Abfertigungshalle. "Ein Schwangerschaftsabbruch wird so schwer wie möglich gemacht", erklärt Maria. "Ich habe mich weder gut beraten noch aufgehoben gefühlt. Mit niemanden in der Klinik konnte ich sprechen."

Engagement für Frauenrechte

Maria hat ihren Schwangerschaftsabbruch nie bereut. "Es war die richtige Entscheidung. Ich hatte nie Probleme. Ich wollte das damals einfach nicht", erklärt sie. Der Schock, dass sie über ihren Körper nicht so einfach selbst bestimmen kann, sitzt trotzdem noch tief. "Dass Männern Frauen vorschreiben, was sie mit ihren Körpern zu tun haben, geht gar nicht", plädiert Maria.

Ich bin mir sicher, wenn es sich um die Körper von Männern drehen würde, gebe es die Diskussion gar nicht. Man sieht ja schon, wie bevormundend von manchen allein das Tragen einer Maske empfunden wird.

* der vollständige Name ist der Dienstag-Direkt-Redaktion bekannt.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 29. Juni 2021 | 20:00 Uhr

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