Vierte Corona-Welle ITS-Chefin: "Noch nie so viele Lungenversagen auf einmal gesehen"

Die Intensivstationen sind voll, die Kapazitäten in den Krankenhäusern aufgebraucht, Ärzte und Pflegekräfte am Rande ihrer Kräfte - Klinikchefs haben sich vergangene Woche in einem dramatischen Appell an die Politik gewandt. Seit Montag gelten in Sachsen massive Einschränkungen, um die vierte Corona-Welle zu brechen. Wie dramatisch ist die Situation? MDR SACHSEN sprach mit Professorin Thea Koch, Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie am Uniklinikum Dresden.

Ein Intensivpflegerin ist auf der Covid-19 Intensivstation im Universitätsklinikum
Die ECMO-Therapie, bei der die komplette Atmung ausgelagert wird, ist für Ärzte die letzte Option, um lungenkranke Patienten zu retten. Hier versorgt eine Intensivpflegerin am Uniklinikum Dresden eine Covid-Patientin, die an ein ECMO-Gerät angeschlossen ist. Bildrechte: dpa

Frau Koch, wie viele frei Betten gibt es noch auf der Intensivstation am Uniklinikum Dresden?

Für Covid-Patienten haben wir leider kaum noch Betten frei. Durch den Personalmangel sind wir extrem limitiert. Überall fehlt es an Pflegerinnen und Pflegern. Ursprünglich gibt es 30 Betten auf der Anästhesiologischen Intensivstation, doch leider reicht unser Personal nur für 20 Betten. Mit viel Mühe konnten wir noch acht Betten aktivieren. Das funktioniert aber nur, weil wir die Zahl der verschiebbaren Operationen drastisch gesenkt und damit das frei gewordene Personal auf die Intensivstation umdisponiert haben.

 Professorin Thea Koch, Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie am Uniklinikum Dresden.
Professorin Thea Koch leitet die Klinik für Intensivtherapie am Uniklinikum Dresden und organisiert mit Fachleuten gerade mögliche Verlegungen von Patienten in andere Bundesländer. Bildrechte: Uniklinikum Dresden/Christoph Reichelt

Es wäre also gerade kein Platz frei? Sie müssten mich ablehnen?

Wir sind zu 95 Prozent auf Normal- und Intensivstationen mit Covid-Patienten belegt. Wir tun unser Bestes. Doch die Ressourcen sind begrenzt. Wir können nur umschichten. Unsere Pflegedienstleiterin sucht ständig Personal in anderen Bereichen. Doch das kann man nur in begrenzten Maße tun. Viele Pflegekräfte anderer Stationen sind in die Intensivmedizin nicht eingearbeitet, es gibt auch Widerstände. Pflegerinnen und Pfleger haben Angst, sich anzustecken, den Anforderungen nicht gerecht zu werden - fachlich sowie mental - oder können den Schichtdienst nicht leisten.

Wie viele Pflegekräfte brauchen Sie für einen ITS-Patienten?

Die Versorgung von Schwerstkranken ist sehr personalaufwendig. Sie brauchen eine Pflegekraft pro Schicht im Drei-Schicht-System für zwei ITS-Patienten. Sie können sich ausrechnen, dass Sie für den Betrieb von 30 Intensivbetten mehr als 45 Pflegekräfte pro Tag benötigen. Das Problem ist auch, dass alle anderen umliegenden Krankenhäuser an den Kapazitätsgrenzen laufen. Wir können innerhalb Sachsens nicht verlegen. Im Gegenteil: Wir bekommen gerade zusätzliche viele schwerstkranke Patienten aus Ost- und Westsachsen.

Was machen Sie, wenn sich die Schwerkranken - zugespitzt formuliert - vor Ihrer Tür stapeln?

Ja, das ist die Frage. Verlegungen in andere Bundesländer werden geprüft, ein Hubschrauber zur Verlegung der Patienten besorgen wir gerade. Das ist dann die nächste Eskalationsstufe.

Das klingt dramatisch!

Das ist es. Natürlich haben wir Eskalationspläne, doch das gelingt nur über Umverteilung. Gerade haben wir noch sieben Betten für Nicht-Covid-Patienten besorgt. Man darf sich gar nicht ausrechnen, was passiert, wenn die Prognosen für die nächsten zwei Wochen eintreffen.

Pflegekräfte haben nach den ersten Pandemiewellen oft ihren Job quittiert. Auch bei Ihnen?

Leider ja. Auch wir haben sehr kompetente und erfahrene Pflegerinnen und Pfleger verloren. Die Belastung war vielen zu hoch.

Die Beatmung gilt als fast letztes Mittel. Was macht sie so schwierig?

Wir beatmen nur, wenn es unbedingt erforderlich ist, der Patient also allein nicht mehr fähig ist, Luft und Sauerstoff aufzunehmen. Doch jede Maßnahme hat natürlich ihr spezielles Risiko. Bei der maschinellen Beatmung führen Sie zudem Patienten mit positivem Druck Sauerstoff zu. Gerade wenn die Lunge steif und entzündet ist, können dabei auch Lungenbläschen platzen. Grundsätzlich gilt, je länger die Beatmung, desto schwieriger wird es für die Atemmuskulatur.

Gibt es Spätfolgen?

Das hängt vom Zustand der Patienten ab und wie lange die Beatmung durchgeführt worden ist. Besonders ältere Patienten mit Vorerkrankungen brauchen oft eine Reha, in der sie vom Gerät abtrainiert werden müssen und nicht nur wieder atmen, sondern auch schlucken und sprechen lernen müssen.

Doch auch die Beatmung hilft manchmal nicht mehr?

Ja, die Beatmung reicht nicht immer aus. Es gibt Patienten, die bekommen zwar den Sauerstoff über die Beatmung in die Lunge gepumpt, trotzdem reicht das nicht aus, um den Körper mit Sauerstoff zu versorgen und das Kohlendioxid abzuatmen. Der Gasaustausch funktioniert in diesem Fall nicht mehr. Als quasi letzte Option bleibt die ECMO-Therapie, die Lungenersatzmaschine. Bei Patienten mit akuten Lungenversagen wird hier die Atmung komplett an eine Maschine ausgelagert. Oft ist die Lunge an diesem Punkt schon schwer mitgenommen und entzündet. Doch manche Patienten schaffen es damit quasi in letzter Minute doch am Leben zu bleiben.

Es wird aktuell viel über Impfungen gestritten. Wie erleben Sie das Verhalten von Geimpften und Ungeimpften auf Ihrer Station?

Fast alle Patienten bei uns auf der Intensivstation sind ohne Impfung. Wir haben 95 Prozent Ungeimpfte auf unserer Station. Aktuell habe ich eine geimpfte Covid-Patientin, die gleichzeitig schwer an Krebs erkrankt ist und deswegen kein eigenes Immunsystem mehr hat. Man hofft natürlich, dass die Impfquoten irgendwann höher sind. Es ist furchtbar mit anzusehen, dass 40 bis 60-Jährige solche schweren Verläufe erleiden. Es tut mir auch so leid. Ich habe in meinen 30 Berufsjahren noch nie so viele schwere Lungenversagen gesehen, wie in den letzten Wochen. Selbst die Überlebenden sind für den Rest des Lebens gezeichnet.

Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 23. November 2021 | 20:00 Uhr

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