Interview mit Historiker Ehrenbürger Hitler: "Distanzierung ohne große Gesten"

Im Mittelalter war die Verleihung einer Ehrenbürgerwürde noch eine große Sache: Sie verlieh einem trotz niedrigem Stand Bürgerrechte. In modernen Zeiten ist es eher ein Titel, der Ruhm und Glanz verleiht. Das war auch zu NS-Zeiten schon der Fall. Wie sollten Gemeinden mit ihren alten Ehrenbürgern umgehen, die Größen in der NS-Zeit waren? Vielle erkennen die Titel ab, einige - so wie Radebeul - aber nicht. Pikant? MDR SACHSEN hat mit Professor Martin Sabrow vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam darüber gesprochen.

Der Historiker Prof. Dr. Martin Sabrow.3
Bildrechte: imago/Jens Jeske

Über 4.000 Gemeinden führten Adolf Hitler als Ehrenbürger. Wie viele davon haben den Titel symbolisch aberkannt?

Also dass Radebeul die einzige Stadt ist, die von einer symbolischen Aberkennung absieht, stimmt nicht. Es gab in den 1990er- Jahren mal so eine Aberkennungswelle, aber da haben nicht alle mitgemacht. Ein Register darüber gibt es nicht, weil es natürlich kein juristischer Akt ist, den Titel zu "widerrufen".

Was halten Sie von Gemeinden wie Radebeul, die von einer symbolischen Aberkennung absehen?

Sich allein auf die Feststellung zu berufen, dass der Ehrentitel ja automatisch mit dem Tod des Geehrten endet, ist juristisch völlig korrekt und kann geschichtspolitisch trotzdem unsensibel sein. Die Titelverleihung ist ja in unserer Zeit auch kein allein juristischer Akt - er stellt immer auch eine symbolische Aufwertung dar. Daher verlangt er eigentlich auch nach einer symbolischen Aberkennung, wenn man ihn nicht mehr für haltbar empfindet.

Im Mittelalter war das übrigens anders. Da war dieser Titel noch eine entscheidende rechtliche Aufwertung, die bloßen Stadteinwohnern mit minderem Rechtsstatus das Bürgerrecht zusprach. Heute stellt die Verleihung eine große Ehre mit hoher Strahlkraft dar, aber eben - vielleicht von der Freifahrt im öffentlichen Nahverkehr abgesehen - ohne praktische Privilegien.

Also doch lieber grundsätzlich nachträglich aberkennen?

Nicht zwingend. Grundsätzlich gibt es zwei Wege im Umgang mit heute für unangemessen erachteten Ehrenbürgertiteln, die akzeptabel sein können und situativ entschieden werden müssen: Auf der einen Seite eine deutliche Distanzierung, die allerdings ohne große Gesten auskommen sollte - denn in unserer heutigen Geschichtskultur ist es eine bloße Selbstverständlichkeit, sich von Menschheitsverbrechern wie Hitler abzugrenzen.

Eine symbolische Aberkennung begrüße ich, aber nicht im Sinne einer billigen historischen Lastenentledigung.

Oder aber man verzichtet auf diese nachträgliche Aberkennung mit einer einer so einleuchtenden Begründung, wie sie der OB von Radebeul geliefert hat - dass man die dunklen Kapitel der Vergangenheit nicht so einfach auslöschen kann und dazu steht, dass die Auseinandersetzung mit einer unheilvollen Vergangenheit nicht durch Tilgung ihrer dunkelsten Flecken auch in der Stadtgeschichte allzu leicht gemacht werden soll.

Ist das Prinzip der Ehrenbürger eigentlich noch zeitgemäß? Der Zweifel an einst vergebenen Titeln zieht sich ja durch die Epochen...

Das ist eine schwierige Frage. Es gibt ja mittlerweile die Tendenz, nicht mehr die großen Männer, die Geschichte machten, wie Bundeskanzler oder Präsidenten, zu küren, die zum Teil gar nichts mit einer Gemeinde zu tun haben. Heute werden als Ehrenbrüger eher Menschen ausgezeichnet, die sich gegen historische Fehlentwicklungen eingesetzt haben: Diktatur und Verfolgungopfer, zivilgesellschaftlich Engagierte oder Mäzene, die wirklich einen Bezug zur Stadt haben. Aber auch die sind Menschen mit Licht und Schatten - keine Heiligen. In gewisser Weise ist das aber auch eine Chance in unserer vielstimmigen Gesellschaft, über solche Ambivalenzen nachzudenken und zu diskutieren. Und ich denke, dass die Ehrenbürgerwürde nach wie vor das zivilgesellschaftliche Gemeinwesen stärken kann.

Bei der Ehrenbürgerwürde geht es nicht darum, einen Menschen in seiner Vollkommenheit zu feiern.

Quelle: MDR/st

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