Interview Soko-Leiter "Hauptallee" über die akribische Tätersuche

Kriminalrat Enrico Lange ist Leiter des Dezernats für Wirtschafts- und Vermögensdelikte der Polizeidirektion Dresden. Seit dem 17. Mai, also dem Tag nach den Ausschreitungen, leitet er die Soko "Hauptallee" und ist auch der einzige, der in Presse und Medien gezeigt und namentlich genannt werden darf. Der Ermittler stand MDR SACHSEN Rede und Antwort und gibt Einblick in seine Arbeit. Tobias Wilke sprach mit ihm.

Enrico Lange: Ein Mann mit graumeliertem Haar schaut ernst in die Kamera. Ich Hintergrund befinden sich Computer.
Enrico Lange und seine Kolleginnen und Kollegen müssen penibel Videomaterial auswerten, um Straftäter zweifelsfrei identifizieren und überführen zu können. Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

Welches Bildmaterial und welche technologischen Möglichkeiten nutzen Sie, um Personen zu identifizieren, die an den Ausschreitungen beteiligt waren?

Enrico Lange: Die Herausforderung vor der wir stehen, ist, dass wir hier 82 Stunden eigenes Videomaterial aufarbeiten müssen, das überwiegend Tathandlungen von teilweise vermummten Tätern zeigt. Daraus müssen wir unvermummte Täterbilder produzieren, wozu wir auch andere Quellen nutzen. Bei dem Abgleich der Bilder lassen wir uns durch Computerintelligenz unterstützen.

Also nutzen Sie nicht nur eigenes Videomaterial?

Wir nutzen verschiedene Quellen, darunter auch uns zugespieltes Material, beispielsweise über das Hinweisportal. Wir stellen dem System also ein Bild zur Verfügung von einer Person, die gezielt gesucht werden soll und das System schlägt uns dann vor, wo sich Fundstellen befinden könnten. Das muss dann manuell von uns abgeglichen werden.

An dieser Stelle liegt es also an Ihren Kolleginnen und Kollegen, die Vorarbeit der Software zu verifizieren oder zu verwerfen?

Genauso kann man das sehen. Der Computer erkennt ja nur eine Ähnlichkeit zwischen verschiedenen Bildern. Und die Aufgabe der Beamten ist es, daraus gerichtsverwertbares Material herzustellen, was in eine Lichtbildakte kommt, für die ein Abgleich anhand besonderer Personen- oder Bekleidungsmerkmale durchgeführt wurde.

Inwiefern profitieren Sie dabei davon, dass auch Privatpersonen solche Ereignisse in hoher Auflösung mit dem Smartphone dokumentieren? Kommen Sie so auch an Bildmaterial der Tatverdächtigen in Situationen, in denen diese unvermummt waren?

Wir sind froh, mit dem jetzigen Stand der Technik so viel Bildmaterial zu haben. Das ermöglicht uns überhaupt erst, derartige Täter zu identifizieren. Weil ja zu jeder Zeit und überall Filme aufgenommen werden und das macht es uns natürlich leichter, diese Personen einer Identifizierung zuzuführen.

Die exzessive Nutzung Sozialer Medien fällt also gerade einigen auf die Füße?

(lacht) So kann man das sagen.

Wenn es Ihnen gelingt, einer konkreten Person beispielsweise einen Bierflaschenwurf auf ein Polizeiauto nachzuweisen, suchen Sie aber gezielt nach weiteren, möglichen Straftaten dieses Tatverdächtigen. Damit er am Ende nicht vergleichsweise glimpflich davonkommt?

Das ist richtig, der Begriff dafür ist "Strafklageverbrauch". Wen wir wegen einer Tathandlung zur Anklage bringen, der kann wegen anderer Tathandlungen in diesem Zusammenhang später nicht mehr verfolgt werden, das ist dann abgeschlossen.

Deswegen sammeln Sie weiter...

Richtig. Wir legen eine Person erst dann vor, wenn wir sie vollumfänglich ausgewertet haben und im Prinzip den gesamten Tagesablauf nachvollziehen können, inklusive aller Tathandlungen in diesem Zeitraum.

Inwiefern erhöhen Sie mit dieser weiteren Öffentlichkeitsfahndung den Fahndungsdruck? Wieviele haben sich schon gestellt, weil sie beispielsweise wissen, dass sie von Familie, Freunden oder Nachbarn leicht identifiziert werden können?

In der ersten Welle unserer Öffentlichkeitsfahndung vor etwa zwei Wochen hatten wir zwanzig Personen gesucht, davon haben sich zwölf entweder selbst gestellt oder durch ihre Anwälte. Zu allen weiteren Personen liegen uns Hinweise vor, die wir derzeit überprüfen.

Wieviele Personen konnten Sie bis heute insgesamt identifizieren, also durch Öffentlichkeitsfahndung, Zeugenhinweise und vor allem die eigene Auswertung des Bildmaterials?

Im Gesamtverfahren haben wir bereits mehr als 150 Personen identifizieren können.

Fans randalieren auf der Lennestrasse in Dresden , die Polizei setzt Wasserwerfer ein
Die Fußball-Randalierer gingen mit selten gesehener Brutalität gegen Polizisten und auch auch Medienvertreter vor. Bildrechte: imago images/Jan Huebner

Welche konkreten Straftaten werden diesen vorgeworfen?

Beim Gros dieser Personen geht es um den Anfangsverdacht des Schweren Landfriedensbruchs. Das ist eine Straftat mit einer Androhung von sechs Monaten bis zu zehn Jahren Freiheitsentzug.

Beim Schweren Landfriedensbruch muss dem Tatverdächtigen aber keine eigene, konkrete Tathandlung wie Körperverletzung oder Brandstiftung nachgewiesen werden.

Der besonders schwere Fall des Landfriedensbruchs kennzeichnet sich dadurch aus, dass aus einer Masse von Personen - als objektiver Tatbestand mindestens zwölf - Straftaten begangen werden. Das heißt nicht, dass jeder Einzelne in dieser Gruppe selbst eine eigene Tat begehen muss. Allein sich mit der Gruppe zu solidarisieren reicht für eine Bestrafung aus.

Bestraft wird also, anderen beispielsweise Gewalt gegen Polizeibeamte zu ermöglichen und ihnen den Schutz der anonymen Gruppe zu geben?

Das ist ja auch, was wir regelmäßig beobachten. Dass die Personen, die nach vorn treten, um Steine oder Flaschen zu werfen, anschließend in der Masse wieder verschwinden, um einen Zugriff der Polizei zumindest zu erschweren. Und deswegen ist die Masse, die im Hintergrund steht, für uns natürlich auch von Relevanz.

Hooligans definieren sich ja durch Gewalt. Denken Sie, dass sich diese Klientel von den möglichen, strafrechtlichen Konsequenzen abschrecken lässt? Aktuell ist ja auch eine weitere Verschärfung des "Tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte" im Gespräch.

Was wir hier im Bereich der Täterschaft sehen, ist, dass es keine homogene Masse war. Ich würde jetzt nicht die gesamten Täter als Hooligans bezeichnen. Das waren natürlich Dynamo-Anhänger, aber auch solche, die sich zu einer Tat haben hinreißen lassen und im Nachgang vielleicht anders darüber denken. Eine Strafverschärfung kann schon dazu beitragen, diese Leute davon abzuschrecken.

Das heißt, polizeibekannte Personen - beispielsweise aus der polizeilichen Datenbank "Gewalttäter Sport" - waren hier eher die Ausnahme?

Unseren Ermittlungen zufolge ist die überwiegende Zahl der bisher bekannt gemachten Tatverdächtigen bisher nicht einschlägig in Erscheinung getreten. Was wir nicht feststellen konnten, ist das sonst übliche, geschlossene Vorgehen bestimmter Gruppierungen aus dem Bereich des Vereins.

Quelle: MDR/tw/lam

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 12. Juli 2021 | 19:00 Uhr

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