Reportage Einkaufen mit Maske: Wie behalten Dresdner den Durchblick?

Seit dem 1. September werden in Sachsen Verstöße gegen die Maskenpflicht im ÖPNV und beim Einkaufen mit Bußgeldern von 60 Euro geahndet. MDR SACHSEN wollte wissen, ob und wie sich das beim Einkaufen auswirkt. Bekommen die Menschen etwas mit von angekündigten Kontrollen? Wie handhaben Einzelhändler die Durchsetzung der Maskenpflicht? Eine persönliche Stichprobe von Kathrin König.

Blick durch eine Brille, unter der eine blaue Papiermaske ins Bildragt und die sicht ein bisschen trübt. So sah Reporterin Kathrin Königam 3.9.2020 in die Welt, als sie in de rPrager Straße zum Thema Masekntragen recherchierte.
Morgens um 10 Uhr in Dresden: Auf der Prager Straße bummeln die ersten Passanten. Die MDR-Reporterin mit Maske sieht ihr Umfeld in etwa so und ägert sich immer wieder über das Beschlagen der Brille. Bildrechte: Kathrin König

In Dresdens beliebtester Einkaufsstraße haben kurz nach 10 Uhr die Passagen, Geschäfte und Imbissanbieter geöffnet. Wenige Schritte vom Hauptbahnhof entfernt kommt ein junger Mann ohne Maske aus einem Döner-Imbiss. "Ach, ich kenne die Leute, sind Bekannte. Ich arbeite gleich drüben als Kellner", begründet Kevin Promeravic das Fehlen der Maske. Seinen weißen Mundschutz hat er in der Tasche dabei. "Ich hatte ihn gerade noch auf. Echt."

Ein Stück weiter die Prager Straße hinunter, bereitet eine Asiatin die Ladenöffnung um 11 Uhr vor. Als mich die Inhaberin sieht, zieht sie ihre Maske übers Gesicht. "Es ist ja zu unserem eigenen Schutz", sagt sie. Wenn Kundschaft ohne Masken in ihren Laden käme, dann verweise sie sie auf die Maskenpflicht. "Es steht auch überall. Die meisten reagieren nett. Ist okay."

Selten kommen "Attest-Wedler"

Die Inhaberin des fairtradeladens auf der Prager Straße kassiert von eine rjungen Kundin Geld am Tresen des Geschäfts.
Sandy Martens (links) bedient eine Kundin in ihrem Geschäft. Wenn keine Kunden im Fairtradeladen sind, atmet sie auch mal ohne Maske durch. Bildrechte: Kathrin König

Das hat auch Sandy Martens, die Inhaberin des fairtrade-Geschäfts "Contigo", festgestellt. "Die meisten tragen Maske. Wenn nicht, bitten wir die Kunden freundlich, eine aufzusetzen. Ich spreche auch Leute an, die ihre Maske unter der Nase tragen." Es habe aber auch schon Kunden gegeben, die wieder gegangen sind, weil sie das verweigert haben. "Auf Debatten lasse ich mich nicht ein. Es geht um den persönlichen Schutz und Verantwortung für andere", sagt die Unternehmerin. Ganz selten würden Menschen mit "irgendwelchen Attesten in der Hand wedeln. Tja, was soll ich da machen?"

Mir ist aufgefallen, dass die Polizeistreife, die durch die Prager Straße fährt, wieder öfter regelmäßig in die Geschäfte reinschaut. Ausgestiegen ist aber noch keiner.

Sandy Martens Geschäftsinhaberin

Mit einem Attest zur Maskenbefreiung würde ich in einem Elektronikmarkt in der Centrum-Galerie nicht weit kommen. "Da müssten Sie sich an der Information melden und ein Leihvisier aufsetzen", erklärt mir ein Sicherheitsmitarbeiter vor dem Eingang. Am Infostand frage ich nach so einem Visier. "Die wurden von den Kunden zu oft einfach mitgenommen. Deshalb haben wir das wieder abgeschafft", antwortet der Mitarbeiter. Maskenverweigerer müssten entweder ein Visier im Laden kaufen, eine Einweg-Maske nehmen oder woanders einkaufen. Ich hake nach: "Und wenn ich auf meinem ärztlichen Attest beharre?" "Dann müssen Sie woanders einkaufen."

Empfehlungen und Vorschriften

In der Centrum-Galerie tragen fast alle Passanten Masken. Nur ganz selten kann ich Menschen ins unverdeckte Gesicht schauen. Ich spreche einen Mann mit Backpacker-Rucksack an, der "oben ohne" unterwegs ist. "Wenn ich das richtig verstanden habe, muss man nur in den Geschäften die Maske tragen, in der Mall nicht. Schauen Sie, die junge Dame dort benützt auch keine", sagt der Mann mit hörbar österreichischem Akzent. Die Mitarbeiterin an der Center-Information gibt ihm Recht: "Ja, in der Mall ist das Maskentragen nur eine Empfehlung. In den Geschäften ist es jedoch vorgeschrieben."

Ach, diese Masken helfen doch sowieso nichts.

Annett aus Pirna beim Shopping

Im Erdgeschoss des Kleiderdiscounters "TK-Maxx" desinfizieren sich zwei Freundinnen beim Hinausgehen ihre Hände - die Masken haben sie locker unter der Nase gezogen. "Ich arbeite im Labor und trage seit acht Jahren beruflich Masken. Man gewöhnt sich einfach nicht daran", seufzt Ines, Mittvierzigerin aus Pirna. Im öffentlichen Nahverkehr findet sie das Maskentragen ja wichtig. Aber auch noch beim Einkaufen? "Man kann doch in den großen Geschäften gut Abstand halten." Ihre Freundin Annett nickt. Sie fühle sich von Masken eingeschränkt. "Man schwitzt, man kann nicht richtig darunter atmen", meint sie. Von stärkeren Kontrollen seit dem 1. September haben die beiden in Dresden und auch in Pirna noch nichts mitbekommen.

Durchhalten, damit Geschäfte nicht wieder schließen müssen

Eine blonde Frau steht an einem Kassentresen eines Möbelgeschäfts und lacht in die Kamera. Die Frau trägt ein durchsichtiges Visier als Schutz statt Maske. Es ist die Filialleiterin Katrin Uhlig im Möbelgeschäft Maisons Du Monde.
Katrin Uhlig fand das Maskentragen bei der Arbeit zu umständlich. Sie nutzt nun ein Visier als Coronavirusschutz. Bildrechte: Kathrin König

Die Hygienevorschriften in ihrer Filiale seien noch von keiner Behörde oder Stelle kontrolliert worden, bilanziert Filialleiterin Katrin Uhlig die vergangenen Monate. Andere Niederlassungen der Möbelkette "Maisons du Monde" hätten aber schon von Ordnungsamtskontrollen berichtet. "98 Prozent unserer Kunden tragen eine Maske. Ganz selten ist mal jemand ohne dabei." Katrin Uhlig und ihre Mitarbeiterinnen sprechen Kunden an, wenn die keine oder ihre Maske nicht richtig tragen. "Wir bitten sie dann freundlich darum und verweisen auf unsere Hygienevorschriften."

Die Verkaufsmanagerin selbst trägt ein durchsichtiges Schutzvisier. "Acht Stunden mit Maske arbeiten war sehr belastend. Masken behindern auch die Kommunikation mit den Kunden, weil man nicht die Mimik sieht. Man versteht sich auch schlechter", sagt die Dresdnerin. Das Visier sei etwas besser. "Aber was soll's? Wir machen das, um uns zu schützen und hoffen, dass die Geschäfte nicht wieder schließen müssen."

Fazit nach drei Stunden Shopping

Fast alle hielten sich an die Regeln. Ordnungsamt oder Polizei waren nicht zu sehen. Diejenigen, die ich auf ihre unter die Nase oder unters Kinnn gezogene Maske angesprochen hatte, zupften ihre Maske entweder schnell wieder zurecht, hatten eine Ausrede parat und/oder sagten, dass sie sie gleich wieder aufziehen würden. Allerdings berichteten Händler auch, dass sonnabends, wenn viele Menschen aus dem Umland nach Dresden einkaufen kämen und die Läden voller seien, auch die Menschen aggressiver auf Hygieneeinschränkungen reagierten. Einen echten, ausfällig werdenden Maskenverweigerer habe ich nicht getroffen. Oder?

Ein Din-A-3-großer Zettel hängt an einer Glastür. Auif dem Zettel steht in Deutsch, Englisch und arabisch, dass man die Ladenzeile nur mitMaske betreten darf. Gesehen in der Prager Straße Dresden am 3.9.2020.
Bildrechte: Kathrin König

Vor dem Eingang der Passage "Prager Spitze" steht ein Mittfünfziger, Typ Anglerweste, Schnauzbart, dunkle Brille. Er trägt keine Maske. Mit zusammengezogenen Brauen steht er vor der Passagentür, an der ein Schild in drei Sprachen darüber informiert: "Kein Zutritt ohne Maske". "Gehen Sie nicht rein, weil Sie keine Maske haben?", frage ich ihn. Er zupft eine Stoffmaske aus der linken Westentasche. "Klar hab' ich eine. Muss ja auch einkaufen gehen", brummelt der Mann. Und: "Ich warte auf meine Frau, dass sie rauskommt. Wir wollen Kaffee trinken gehen." Kaffee? Sehr gute Idee.

Dieses Thema im Programm des MDR MDR EXAKT | 02.09.2020 | 20:45 Uhr

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 01.09.2020 | 13:00 Uhr im Radioreport

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