Offener Brief Eltern fordern gemeinsames Hallentraining für Nachwuchsturnerinnen in Dresden

Nachwuchsturnerin
Jasmin muss ihr Bodenturn-Programm aktuell im Wohnzimmer ihrer Eltern einstudieren. Bildrechte: Sammlung Solveig Richter

Die Eltern der Nachwuchsturnerinnen des Dresdner Sportclubs (DSC) haben sich in einem offenen Brief an Sachsens Innenminister Roland Wöller und Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert gewandt. Darin verweisen sie auf die schwierige Trainingssituation der jungen Leistungssportlerinnen in der DSC-Turntalenteschule. Initiatorin Solveig Richter sagte MDR SACHSEN, insgesamt 17 Mädchen im Alter zwischen sieben und elf Jahren hätten seit nunmehr vier Monaten kein gemeinsames Hallentraining mehr absolvieren können.

Ungleichheit zu Kaderathleten

Nachwuchsturnerin
Passt das Wetter, kann Leni im Garten trainieren - aber auch nur alleine. Bildrechte: Sammlung Solveig Richter

Die Eltern kritisieren die Ungleichbehandlung zwischen Talentestützpunkten und Nachwuchsleistungszentren sowie Kadersportlern und Nicht-Kadersportlern, die laut dem Schreiben zwar Kindern in Mannschaftssportarten das Training ermöglicht, aber eben nicht Kindern ohne Kaderstatus in Individualsportarten wie Turnern in der Halle. Sie fordern, dass Hallentraining wieder erlaubt wird. Im Turnen seien strenge Hygieneregeln umsetzbar und zudem bestehe die feste Gruppe aus immer denselben Mädchen. Damit gebe es weit weniger wechselnde Kontakte als etwa im täglichen Unterricht in der Grundschule.

Online-Training nur Notlösung

Die Eltern verweisen darauf, dass ohne das Engagement der Trainerinnen und Trainer für ein Online-Training und für Online-Wettkämpfe die Mädchen ihre Leistungen gar nicht halten könnten. Dennoch könne diese Form des Trainings nur eine zeitlich begrenzte Notlösung sein, hieß es. Motivation und Leistungsfähigkeit würden leiden, wenn Übungen nur zu Hause möglich seien.

Nachwuchsturnerin
Für Smillas Training mussten Möbel gerückt werden. Seit Monaten trainiert die Elfjährige schon daheim, um ihre Leistung zu halten. Bildrechte: Sammlung Solveig Richter

Argumente der Eltern für gemeinsames Hallentraining

Leistungsrückgang

Im Online-Training lassen sich zwar viele Grundlagen im Bereich Athletik legen, und zumindest über einen gewissen Zeitraum erhalten. Gerätetraining kann aber nicht einfach im Home-Training kompensiert werden, zumal es feinster Anpassungen bedarf, um etwa Fehler auszubügeln oder sich nicht anzutrainieren. Das "Gefühl" für die Geräte geht verloren, Grundlagenelemente werden wieder verlernt, und die gerade auch im Turnen so wichtige kontinuierliche Anpassung an den Geräten an die sich durch Wachstum und körperliche Entwicklung verändernden Hebel- und Kraftverhältnisse findet nicht statt.

Verstärkung der Leistungsunterschiede zwischen Kader- und Nichtkadersportlern

Die Einteilung in Kadersportler und Nicht-Kadersportler ist im Leistungssport eine geeignete Maßnahme, um Fördermaßnahmen gezielter zu machen und Leistungsanreize zu setzen. Sie ist jedoch ein völlig inadäquates Mittel im Rahmen der Pandemiebekämpfung, zumindest über einen derart langen Zeitraum. Durch den Leistungsrückgang der Nicht-Kadersportler und den Leistungszuwachs der Kadersportler werden Leistungsunterschiede manifest und verstärkt.

Gesundheitliche Risiken und Verletzungsrisiko

Home-Training bringt gesundheitliche Risiken in technisch anspruchsvollen Disziplinen mit sich, da Fehlentwicklungen nicht immer durch die Eltern und/oder online durch Trainer erkannt und korrigiert werden können, sich dies aber letztlich auf die Gesundheit der Kinder nachhaltig auswirken kann (z.B. durch Fehlbelastungen von Gelenken etc.). Mit dem schönen Wetter steigt auch das Verletzungsrisiko, da Turnerinnen zwangsläufig alle zur Verfügung stehenden Geräte nutzen (z.B. Reck am Spielplatz für Riesenfelgen).

Motivationsdefizite, psychische und familiäre Belastung

Der Großteil der Turnerinnen zeigt nach der langen Abwesenheit vom Hallentraining Motivationsdefizite und psychische Belastungen, etwa Unausgeglichenheit und Aggressionen, die nur zum Teil von den Trainern und Eltern aufgefangen werden können.

Detailaufnahme bandagierter Fuß auf Schwebebalken
Turntraining verlangt Präzision bei der Ausführung der Übungen. Online können das die Trainer kaum leisten. Eltern fürchten um die Gesundheit der Mädchen. Bildrechte: imago/Imagebroker

Noch keine Antwort an Eltern

Bislang haben die Eltern noch keine Antwort auf ihr Schreiben erhalten, bedauert Solveig Richter. Auf MDR-Anfrage hieß es aus dem Dresdner Rathaus, für die Wünsche der Eltern fehlten der Landeshauptstadt die rechtlichen Grundlagen. Für die Verordnungen sei der Freistaat zuständig. Dessen Corona-Schutzverordnung werde umgesetzt, inklusive möglicher Lockerungen.

Für den Sport bedeute dies, dass damit zusätzlich zum weiterhin erlaubten Leistungs- und Profisport auch der kontaktfreie Sport für Kinder- und Jugendliche unter 18 Jahre in Gruppen im Freien oder auf Außensportanlagen zugelassen ist, hieß es aus dem Rathaus. Hallentraining der Nachwuchsturnerinnen sei derzeit nicht möglich. Man wolle dies den Eltern in einem Schreiben noch detailliert erläutern.

Quelle: MDR/lam

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