Vorsorgeprojekt Stress, Gewalt und Tod - Mehr Hilfe bei psychischer Belastung im Rettungsdienst

Die Arbeit von Rettungskräften gehört zu den Berufen mit der größten mentalen Belastung. Die tägliche Konfrontation mit Verletzungen, Tragödien und dem Tod hinterlässt Spuren. Ein Projekt der AOK in Dresden und der Westsächsischen Hochschule Zwickau soll Sanitäterinnen und Sanitätern dabei helfen, besser mit der emotionalen Belastung umzugehen.

Zwei Frauen sitzen an einem Tisch vor einer Tafel
Bildrechte: MDR/Benjamin Jakob

Mitarbeitende von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten werden in ihrem Arbeitsleben immer wieder mit Extremsituationen konfrontiert. Unfälle mit Toten und Schwerverletzten, erweiterter Suizid oder Katastropheneinsätze gehören zum Arbeitsalltag. Dazu kämen Übergriffe durch und Patienten, Gaffer oder Unbeteiligte, die sich durch einen Einsatz gestört fühlen, erzählt Nicole Porzig, Vorstandsmitglied beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Sachsen. Das sächsische Innenministerium sprach von 105 Übergriffen auf Rettungskräfte im Jahr 2020. Tendenz steigend.

Betreuung nach schwierigen Einsätzen

Die Strategie des DRK und anderer Rettungsdienste war es bisher, sich um die Nachsorge nach schwierigen Einsätzen zu kümmern. Einsatznachbesprechungen, Krisenintervention sowie Gesprächsrunden mit Kolleginnen und Kollegen sollen dabei helfen, das Erlebte zu verarbeiten.

DRK-Helfer bei einer Festveranstaltung 2 min
Bildrechte: imago/Eibner

Doch Nachsorge allein reiche nicht aus, sagt Porzig. Ein Projekt der Krankenkasse AOK gemeinsam mit dem DRK und der Westsächsischen Hochschule Zwickau soll deshalb einen neuen Weg gehen. Mit einem sogenannten TEK-Training sollen Mitarbeitende der Rettungsdienste besser auf Extremsituationen vorbereitet werden.

Bewältigungsstrategien für Extremsituationen

"TEK" steht für "Training emotionaler Kompetenzen", wie Gabriele Buruck von der Westsächsischen Hochschule Zwickau erzählt. Sie ist Professorin für Gesundheitsförderung und Prävention und erforscht, wie Menschen den spezifischen Anforderungen in ihrem Arbeitsumfeld besser begegnen können.

Ein Einsatzfahrzeug der Polizei mit Blaulicht bei einem Unfall.
Schwere Unfälle mit vielen Verletzten gehören zum Beruf und hinterlassen emotionale Spuren - auch bei den Helfenden. (Archivbild) Bildrechte: medien-partner.net/Stefan Eberhardt

"Wir wollen in dem Projekt und den Schulungen Bewältigungsstrategien im Umgang mit Extremsituationen stärken", so Buruck. Es gehe vor allem um den Umgang mit den eigenen Emotionen.

Eine Emotion ist nichts weiter als ein Signal, also an sich nichts Besonderes. Ich kann Emotionen nicht einfach an- oder abschalten, aber ich kann an der Intensität und der Dauer arbeiten. Es gibt keine guten oder schlechten Emotionen. Jede Emotion hat ihre Funktion.

Gabriele Buruck Professorin für Gesundheitsförderung und Prävention

Erworbenes Wissen weitergeben

Im Notfalleinsatz oder der Wache könne es schnell emotional werden, vor allem in Extremsituationen. "Wir wollen den Mitarbeitenden im Rettungsdienst Mittel und Wege an die Hand geben, damit umzugehen", sagt Buruck. Dazu werden in Dresden zunächst Praxisanleiterinnen und Praxisanleiter geschult. Diese sollen dann als Ansprechparter ihr erworbenes Wissen an Auszubildende sowie Kolleginnen und Kollegen weitergeben.

Schwäche zeigen ist keine Schwäche

Elke Gretzschel ist eine der Teilnehmerinnen. Sie arbeitet seit vielen Jahren beim DRK in Pirna im Rettungsdienst. "Wenn man einige Jahre Berufserfahrung hat, wird es leichter, mit schwierigen Situationen umzugehen", findet sie. Das fehle aber natürlich bei Auszubildenden. "Bisher ist es so, dass wir erst über emotionale Belastungen sprechen, wenn wir merken, dass es einem Kollegen nicht gut geht." Gerade die Jugendlichen würden sich scheuen, Schwäche zu zeigen. In Zukunft, sagt Gretzschel, möchte sie die Auszubildenden sensibilisieren. Dafür, in sich "reinzuhorchen" und so besser damit umzugehen, wenn es nach dem Einsatz schwierig wird. Und das ist in dem Beruf wohl nur eine Frage der Zeit.

MDR (bj)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalnachrichten aus Dresden | 09. Februar 2022 | 15:30 Uhr

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