Prozess am Oberlandesgericht Dresden Überlebender spricht über Messerattacke des mutmaßlichen Islamisten

Blumen und Kerzen liegen unweit des Residenzschlosses vor einem Bauzaun an der Schlossstraߟe in Dresden. d#as Bild wurde am 2.11.2020 aufgenommen.
Trauerbekundungen in Oktober 2020 an der Stelle, wo die zwei Männer niedergestochen wurden. Bildrechte: dpa

Im Prozess zum tödlichen Messerangriff auf zwei Touristen in Dresden hat am Freitag der Überlebende der Attacke ausgesagt. Der Mann aus Nordrhein-Westfalen hat keine vollständige Erinnerung mehr an den Angriff am Abend des 4. Oktober 2020, wie er per Videoschalte im Mordprozess gegen einen mutmaßlichen Islamisten am Oberlandesgericht in Dresden berichtet. "Wir sind in die Gasse gebogen und plötzlich kam ein Schlag, völlig überraschend, in den Rücken", erzählte der Kölner. Im ersten Moment hätten er und sein Lebensgefährte gedacht, dass jemand sie erkannt und ihnen freundschaftlich "wie auf die Schulter" geklopft hat. Sie hätten sich zeitgleich umgedreht, angeschaut und dann um Hilfe gerufen. "Und es war klar, dass es eine starke Bedrohung ist."

Lebensgefährlich verletzt

Der Staatsschutzsenat ersparte dem 54-Jährigen, dessen Freund getötet worden war, eine Aussage vor Gericht in Anwesenheit des Angeklagten. Der Lohnbuchhalter war lebensgefährlich verletzt worden. "Danach kann ich mich an nichts erinnern und bin, ehrlich gesagt, auch froh darüber." Er wisse noch, dass er um Hilfe gerufen habe, am Boden lag und eine Frau seine Hand hielt. "Ich bekam so schlecht Luft, zu wenig Luft - irgendwann tat der Rücken weh."

Ich bekam so schlecht Luft, zu wenig Luft.

Überlebender des Messerangriffs

Die beiden homosexuellen Männer waren seit mehr als sieben Jahren zusammen. Der 54-Jährige leidet noch immer unter den Folgen des Verbrechens. Die körperlichen Wunden seien verheilt, die Stellen, wo die Schnitte in Rücken und Bein waren, aber noch taub. Bei der Frage nach seinem seelischen Zustand stockte er zum wiederholten Mal und kämpfte wieder mit den Tränen: "Es fällt mir schwer, die Trauerbewältigung", sagte er. "Wenn ich abgelenkt bin, dann geht's, aber ansonsten..."

Qualvolle Schreie der Opfer

Am Prozesstag am Freitag hatten zuvor mehrere Augenzeugen dramatische Szenen des Messerangriffs beschrieben. "Ich habe gesehen, wie er zugestochen hat", sagte eine 34-Jährige vor dem Gericht mit Blick auf den Angreifer aus. Sie sei am Abend des 4. Oktober vergangenen Jahres mit einer Freundin in einem Café gewesen, als diese plötzlich gesagt habe, dass sich da welche prügeln. "Als ich aus dem Fenster sah, merkte ich schnell: Das ist schlimmer, da ist schon Blut."

Die 34 Jahre alte Zeugin der Tat beschrieb, wie einer der beiden Männer am Boden lag und sich auf dessen Hose ein dunkler Fleck ausbreitete. Ein zweiter schien sich ihr zufolge an einem Bauzaun festzuhalten. Er wurde dann von einem Mann attackiert, habe noch "drei, vier Hiebe" abbekommen und sei zusammengesackt. Der Angreifer habe anschließend etwas weggeworfen und sei weggelaufen. Die Zeugin zeigte der Polizei später die Stelle, wo das Messer lag.

Eine 56-Jährige wiederum beobachtete nach eigenen Worten aus ihrem Hotel, wie ein Mann mit Wucht gegen einen Bauzaun fiel, "richtig dranknallte", und ein zweiter zu Boden ging. Beide hätten "fürchterlich geschrien" vor Schmerzen - "zumindest einer hat um Hilfe gerufen". Ein dritter, dunkelhaariger Mann, sei weggerannt. "Es ging alles sehr schnell."

Radikal-islamistisches Mordmotiv

Prozess gegen Abdullah A. H. H.
Am Montag hatte in Dresden der Mordprozess gegen einen 21 Jahre alten Syrer begonnen. Bildrechte: xcitepress

Vor dem Staatsschutzsenat des OLG muss sich ein 21 Jahre alter Syrer wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, die beiden Touristen aus Nordrhein-Westfalen mit Küchenmessern von hinten niedergestochen zu haben. Das Motiv sieht sie in der radikal-islamistischen Gesinnung des jungen Mannes.

Laut Anklage wählte der Syrer die beiden Tatopfer wenige Tage nach seiner Haftentlassung aus, um sie als "ungläubige" Repräsentanten einer offenen Gesellschaftsordnung zu bestrafen. Der Angeklagte war mit 15 Jahren als minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen. Früh geriet er in den Fokus deutscher Behörden. Die stuften den jungen Syrer 2017 als islamistischen Gefährder ein. Ein Jahr später wurde er vom Oberlandesgericht Dresden unter anderem wegen Unterstützung der Terrormiliz "Islamischer Staat" verurteilt.

Quelle: MDR/ma/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | in den Nachrichten | 16. April 2021 | 09:00 Uhr

Mehr aus Dresden und Radebeul

Feuerwerksattacke auf Impfteam in Dresden Prohlis 1 min
Feuerwerksattacke auf Impfteam in Dresden Prohlis Bildrechte: TNN
25.11.2021 | 11:53 Uhr

Mit Feuerwerkskörpern haben Unbekannte eine Impfaktion in Dresden-Prohlis zum Abbruch gebracht. Sie warfen die Böller in einen Bürgersaal, in dem geimpft wurde. Die Täter konnten fliehen. Die Polizei bittet um Hinweise.

Do 25.11.2021 10:20Uhr 00:31 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/dresden/dresden-radebeul/video-angriff-impfaktion-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Mehr aus Sachsen

Hunderte Menschen protestieren in Freiberg gegen Corona-Beschränkungen 1 min
Hunderte Menschen protestieren in Freiberg gegen Corona-Beschränkungen Bildrechte: xcitepress