Prozess in Dresden Gutachter hält mutmaßlichen Messerstecher weiter für gefährlich

Angeklagter wird vor Prozessbeginn von Justizbeamten in den Verhandlungssaal des Oberlandesgerichts (OLG) geführt
Ein Gutachter bescheinigt dem 21 Jahre alten Angeklagten - im Foto beim Prozessauftakt am 12. April - weiterhin eine Gefährlichkeit. Weitere Tötungen seien nicht auszuschließen. Bildrechte: dpa

Der wegen der tödlichen Messerattacke vom Oktober 2020 in Dresden angeklagte Syrer hat nach Einschätzung eines Gutachters die IS-Ideologie verinnerlicht und ist weiter gefährlich. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sei davon auszugehen, dass Abdullah A. aufgrund einer fest in seiner Persönlichkeit verankerten radikal-islamistischen Überzeugung und Handlungsbereitschaft erneut schwere Straftaten bis hin zur Tötung begehen könnte, wenn er die Möglichkeit dazu habe. Das sagte der forensische Psychiater Norbert Leygraf am Montag im Prozess gegen den 21-Jährigen am Oberlandesgericht Dresden.

Seine innere Überzeugung sei mit der Verpflichtung verbunden, einen aktiven Beitrag zum Dschihad zu leisten - als Kämpfer mit dem IS in Syrien oder durch die Tötung Ungläubiger in Deutschland.

Gutachter hält Angeklagten für schuldfähig

Gutachter Leygraf hält Abdullah A. mangels Hinweisen auf eine psychische Erkrankung oder seelische Beeinträchtigung für schuldfähig. Er erklärte, dass der 21-Jährige nicht als Jugendlicher betrachtete werden müsse und bei Anwendung von Erwachsenenstrafrecht die Voraussetzungen zur Anordnung einer Sicherungsverwahrung gegeben wäre.

Der Syrer A. ist wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, im Oktober 2020 zwei Männer aus Nordrhein-Westfalen von hinten niedergestochen zu haben. Einer von ihnen starb, der andere überlebte knapp mit schweren Verletzungen. Die beiden Männer waren als Paar am Abend inmitten der Dresdner Altstadt unterwegs.

Das Motiv sieht die Bundesanwaltschaft in A.'s Gesinnung: Er habe die Homosexualität des Paares als "schwere Sünde" betrachtet und die Männer dafür mit dem Tode bestrafen wollen. Gegenüber Gutachter Leygraf hatte A. das offen zugegeben und mit seinem Ziel erklärt, seiner Meinung nach Ungläubige zu töten.

Angeklagter trotz Vorstrafe uneinsichtig

2018 war er vom OLG-Staatsschutzsenat wegen IS-Propaganda zu einer Jugendstrafe verurteilt und erst Ende September 2020 entlassen worden - wenige Tage vor der Tat in der Dresdner Altstadt. Knapp drei Wochen nach dem Angriff wurde er erneut verhaftet.

Dem Gutachter zufolge ist A. unbeeinflussbar und hält unbeirrt an der dschihadistischen Ideologie fest. In der Haft habe er Kooperationsbereitschaft vorgetäuscht, allen Bemühungen um ein kritisches Hinterfragen widerstanden und sein Ziel "nicht aus den Augen verloren, konsequent umgesetzt, als es möglich war". Und er bestehe darauf, richtig gehandelt zu haben.

Cousin: "Er war ein Einzelgänger"

Am vergangenen Freitag hatte der Cousin des Angeklagten vor Gericht ausgesagt. Dieser beschrieb Abdullah A. als nie besonders gesellig. "Er war immer schon ein Einzelgänger", so der Zeuge. "Keiner kennt ihn." Er selbst habe seit der gemeinsamen Flucht aus Syrien nach Deutschland 2015 eine engere Beziehung zu Abdullah A. Aber alle Versuche, etwas mit ihm zu unternehmen, auszugehen, seien ins Leere gelaufen.

Nach der Jugendhaft sei der Angeklagte "ein anderer" gewesen. Im Auto musste der Cousin die Musik ausmachen und A. sei in einer Weise religiös gewesen, die "nicht normal" gewesen sei. Als dieser beim Einkauf nach der Haftentlassung im Supermarkt zwei Messer-Sets für seine leere Küche kaufte - zwei Tage vor dem Angriff - wunderte sich der Cousin. Nach der Tat war A. wie immer, sagte er. "Ich habe nichts gemerkt, überhaupt nichts", sagte er über das Treffen am 4. Oktober. Mit einer Sozialarbeiterin, die den als islamistischen Gefährder geltenden Abdullah A. mit dem Ziel der Deradikalisierung betreute, spazierte er sogar in Tatortnähe vorbei. Ihm war nichts anzumerken, sagte auch sie dem Staatsschutzsenat.

Quelle: MDR/lam/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | MDR SACHSEN - Regionalnachrichten aus Dresden | 26. April 2021 | 15:30 Uhr

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