Hintergrund Religiöse Homophobie: "Religionen eignen sich gut dafür, etwas zu legitimieren"

Homosexuelle Menschen mussten in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder Verfolgung, Bestrafung und Tod fürchten - auch in Deutschland. Begründet wurde und wird es auch heute oft noch mit dem "Willen Gottes". Heilige Schriften wie Koran und Bibel werden herangezogen, um die vermeintliche Sündhaftigkeit zu belegen. Doch sind Religionen wie Christentum und Islam tatsächlich homophob?

Hände halten eine Bibel
Die großen Religionen wie Christentum und Islam berufen sich in ihren Lehren auf heilige Schriften. In ihnen sind Geschichten und Verse niedergeschrieben, die bis heute teilweise als Regelwerk für ein frommes Leben gelten. Doch oft ist die Auslegung der Schriften umstritten. Bildrechte: Colourbox.de

Am Oberlandesgericht in Dresden werden derzeit ein Mord und ein versuchter Mord verhandelt. Mutmaßlicher Täter ist ein 21-jähriger Mann. Ihm wird eine radikal-islamistische Gesinnung vorgeworfen. Am 4. Oktober 2020 soll er in Dresden auf zwei Männer eingestochen haben - mit einem homophoben Motiv. Eines der Opfer, ein 55 Jahre alter Mann aus Krefeld in Nordrhein-Westfalen, starb an den schweren Verletzungen. Sein 53 Jahre alter Lebenspartner überlebte schwer verletzt.

Nach Angaben des Gutachters, der mit dem Angeklagten vor seiner Verhandlung gesprochen hatte, sei der junge Mann überzeugt, dass Homosexuelle Feinde Gottes seien. Sie müssten nach Ansicht des Syrers entweder geschlagen oder getötet werden. Schon in den Monaten vor Prozessbeginn sorgte das aufsehenerregende Verbrechen für tausende Wortmeldungen in den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke. Immer wieder wurde ein Zusammenhang zwischen dem Islam als Religion und einer grundsätzlich homophoben Einstellung der Gläubigen beschrieben.

Soziologe: "Islam keine homophobe Religion"

Das kann Alexander Yendell, Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt an der Universität Leipzig, so nicht bestätigen. "Traditionell ist der Islam keine homophobe Religion. Das heißt allerdings nicht, dass Muslime nicht auch homophob sein können. Tatsächlich stellen wir fest, zumindest unter Muslimen in Deutschland scheint es so zu sein, dass die Homophobie noch etwas höher ist unter den Muslimen. Aber das muss nichts mit der Religion zu tun haben", erklärt Yendell.

Konservativ und autoritär

Stattdessen zeigen dem Soziologen zufolge Befragungen, dass vor allem autoritäre und politische Einstellungen entscheidend sind: "Es kann sein, dass bestimmte Gruppen, die nach Deutschland einwandern, autoritärer eingestellt sind. Und es hat auch etwas mit der politischen Einstellung zu tun, die wiederum auch mit Autoritarismus korreliert. Das heißt, es sind eher die Rechten, die homophob eingestellt sind als diejenigen, die politisch eher links eingestellt sind." So seien homophobe Einstellungen bei AfD-Wählern deutlich häufiger festzustellen als bei Wählern anderer Parteien. Es ergebe also mehr Sinn, sich diese Einstellungsmuster anzusehen, denn diese seien über alle Kulturen hinweg sehr ähnlich.

Studie: Männer haben ein größeres Problem mit Homosexualität

Auch bei Deutschen ohne muslimischen Hintergrund gibt es noch immer homophobe Tendenzen. Das zeigt beispielsweise die Leipziger Autoritarismus Studie 2020: Mehr als ein Drittel der Befragten gab an, dass sie es "ekelhaft" finden, wenn Homosexuelle sich küssen. Doch die Forscher stellten auch fest: Mit 78,6 Prozent ist die überwiegende Mehrheit der Befragten überzeugt, dass Homosexualität etwas "völlig Normales" ist. Yendell erklärt dazu: "Männer haben ein größeres Problem mit Homosexualität, wenngleich die Toleranz insgesamt in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat und nur noch eine kleine Minderheit Homosexualität als krank empfindet."

Homo Ehe
Eine Studie aus dem vergangenen Jahr zeigt: Für den Großteil der Befragten in Deutschland ist Homosexualität normal. Noch vor einigen Jahrzehnten mussten Schwule und Lesben allerdings mit Gefängnisstrafen rechnen, wenn sie ihre Liebe ausgelebt haben. Bildrechte: Colourbox.de

Dunkle Vergangenheit: Homosexualität als Krankheit

Tatsächlich galt Homosexualität über viele Jahre hinweg auch bei der Weltgesundheitsorganisation WHO als psychisches Krankheitsbild. Erst 1990 wurde abschließend bestätigt, dass es sich bei der sexuellen Orientierung um keine Krankheit handelt. Doch Homosexuelle mussten nicht nur Umerziehung und schmerzhafte Therapien fürchten, lange Zeit galten sexuelle Handlungen insbesondere zwischen Männern als Straftat und wurden mit Gefängnisstrafen geahndet. Der entsprechende Paragraph 175 wurde erst nach der politischen Wende in der kompletten Bundesrepublik abgeschafft. In der DDR war das entsprechende Gesetz bereits fünf Jahre zuvor gestrichen worden.

Fehlender Kontakt führt zu Vorurteilen

"Durch die Arbeit von Schwulen und Lesben und durch positivere Darstellung in den Medien hat sich eine Menge getan", stellt Yendell fest und weist auf einen weiteren Faktor hin, der zu Homophobie beiträgt. "Vorurteile bauen sich nachweislich durch Kontakte ab. Dazu gehören auch indirekte Kontakte über die Medien. Zuwanderer kommen teilweise aus Ländern, die keine Tradition der Anti-Diskriminierung haben und in denen es keine positiven Bilder von Homosexuellen in den Medien gibt, sondern wo sie abgewertet werden."

Orthodoxe Kirche macht Stimmung in Russland

Das ist beispielsweise auch im christlich geprägten Russland der Fall, wo seit 2013 ein Gesetz gilt, das "Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen gegenüber Minderjährigen" unter Strafe stellt. Der damalige Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechte, Markus Löning, sagte: "Schwulen und Lesben, die sich in der Öffentlichkeit bekennen, drohen Geldstrafen und sogar Haft. Positive Berichterstattung über Homosexualität wird praktisch unmöglich gemacht."

Nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung hat die orthodoxe Kirche in Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion deutlich an Macht gewonnen. Die Glaubensgemeinschaft orientiert sich stark an den historischen Ursprüngen des Christentums und hatte in den vergangenen Jahren mit offen homophoben Äußerungen für Schlagzeilen gesorgt. So hatte ein Kirchensprecher ein Referendum über die Wiedereinführung eines Verbots homosexueller Handlungen gefordert. Er sei für eine vollständige Eliminierung homosexueller Kontakte in der Gesellschaft.

Experte: Homophobie im Christentum teils stärker als im Islam

Immer wieder wird in christlich geprägten Kulturkreisen die Bibel als Beleg dafür herangezogen, dass Homosexualität Sünde sei. Soziologe Yendell meint: "Im Christentum ist das in Teilen sogar noch etwas stärker begründet durch die Religion selbst als das beispielsweise im Islam der Fall ist." Experten zufolge gibt es in den muslimisch geprägten Ländern keine lange zurückreichende religiöse oder kulturelle Tradition der Homosexuellen-Verfolgung.

Diese Ansicht vertritt auch Prof. Thomas Bauer: "Vielmehr blickt der Islam auf eine tausendjährige Geschichte reicher homoerotischer Kultur zurück", erläuterte der Arabist an der Universität Münster in der Ringvorlesung "Religion und Geschlecht". Im Rechtswesen dieser Zeit seien sexuelle Männerbeziehungen nicht bestraft worden. Erst im 19. Jahrhundert habe der Westen die Homosexuellen-Feindlichkeit importiert.

Exportschlager Homophobie

Auch finden sich dem Experten zufolge keine echten Belege für die Ablehnung Homosexueller im Koran. Textstellen, die häufig angeführt werden, seien höchst interpretationsbedürftig. Der Lebensstil schwuler Männer werde viel mehr von politischen Kräften, etwa im Iran oder von Taliban, als "verwestlicht" und "dekadent" abgelehnt. Sie wäre damit also eher mit einer politisch-konservativen Einstellung begründet, die auch Yendell beschreibt, nicht mit Religion selbst. "Religionen eignen sich sehr gut dafür, irgendetwas zu legitimieren, bis hin zu Gewalt oder Terrorismus", stellt der Soziologe fest. "Wenn es ideologisch wird, kann man das für seine eigene Einstellung missbrauchen, es so umdeuten, dass etwas legitimiert wird."

Yendell: "Homophobie gibt es in allen Kulturen"

Deshalb plädiert Soziologe Alexander Yendell auch vehement dafür, Homophobie und Religion nicht zu vermischen: "Natürlich gibt es das überall, in allen Kulturen und in allen Religionsgemeinschaften, in manchen mehr, in manchen weniger. Ich würde nur nicht die Religion oder die religiöse Schrift selbst als dafür verantwortlich machen."

Quelle: MDR/kp/epd

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 12. April 2021 | 10:00 Uhr

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