Mahngang Dresden gedenkt Rassismus-Opfer Jorge Gomondai

Blumen und Kerzen vor einem Gedenkstein für den Mosambikaner Jorge Gomondai
Dresdner haben Blumen und Kerzen vor den Gedenkstein in Dresden-Neustadt gelegt und erinnerten an den Mosambikaner Jorge Gomondai. Bildrechte: dpa

Am Dienstag hat Dresden an den gewaltsamen Tod von Jorge João Gomondai vor 30 Jahren erinnert. Der Ausländerrat hatte auf seiner Homepage einen QR-Code für einen einstündigen, individuellen "Kritischen Mahngang" zum Gedenken online gestellt. Ordnungsbürgermeister Detlef Sittel legte am Gedenkstein für den Mosambikaner einen Kranz nieder. Wegen der Corona-Lage fiel die vom Ausländerrat geplante öffentliche Gedenkkundgebung am Jorge-Gomondai-Platz zum Abschluss der Internationalen Wochen gegen Rassismus aus. Blumen konnten aber individuell am Gedenkstein abgelegt werden, hieß es.

Es ist wichtig, die Erinnerung an Jorge Gomondai wachzuhalten und damit ein eindeutiges Zeichen der Solidarität mit Betroffenen von Rassismus und rassistischer Gewalt zu setzen.

Detlef Sittel Ordnungsbürgermeister der Stadt Dresden

Wer war das Opfer aus Mosambik?

Jorge João Gomondai wurde am 27.12.1962 in Chimoio, Mosambik, geboren. Mit 18 Jahren kam er als Vertragsarbeiter in die DDR. In der Nacht zum 1. April 1991 wurde der damals 28 Jahre alte Gomondai in einer Dresdner Straßenbahn von 14 randalierenden, rechtsradikalen Jugendlichen rassistisch beleidigt und attackiert. Die Straßenbahnfahrerin bemerkte, dass während der Fahrt im letzten Wagen eine Tür geöffnet wurde. Sie bremste, stieg aus und fand Jorge Gomondai neben den Gleisen blutend am Boden liegen. Nach knapp einer Woche im Koma erlag Gomondai am 6. April 1991 seinen schweren Kopfverletzungen. Da hatte er bereits seit zehn Jahren in Dresden gelebt und gearbeitet.

Angehörige und Freunde tragen das Bild des Opfers am 11.4.1991 in Dresden. Unter starkem Polizeischutz wurde am 11.4.1991 des 28-jährigen Jorge Gomondai aus Mosambik gedacht, des ersten Todesopfers rechtsradikalen Terrors in der Elbestadt Dresden. Der Afrikaner war von Skinheads überfallen worden
Unter Polizeischutz erinnerten im April vor 30 Jahren Freunde und Familienangehörige an Jorge Gomondai. Der Mosambikaner gilt als erstes Todesopfers Rechtsradikaler in Dresden. Er war von Skinheads überfallen worden (Archivfoto vom 11.4.1991). Bildrechte: dpa

Spuren in der Stadt

Ob er aus der Bahn gestoßen oder gezwungen wurde zu springen oder aus Angst sprang, wurde nie endgültig geklärt. Gomondai gilt als das erste Todesopfer eines fremdenfeindlichen Überfalls nach der deutschen Wiedervereinigung. Im Prozess 1993 erhielten die jugendlichen Täter vergleichsweise milde Strafen. Einer wurde zu einer Freiheitsstrafe, zwei zu Bewährungsstrafen verurteilt. Die Ermittlungen gegen weitere Verdächtige wurden eingestellt. 1993 wurde am Tatort ein Gedenkstein für ihn errichtet. 2007 erhielt der Platz daneben als bundesweit erster den Namen eines Opfers rassistischer Gewalt: Jorge-Gomondai-Platz.

Jorge GOMONDAI, der am 1.4.1991 von randalierenden Neonazis beleidigt wurde und aus der fahrenden Straßenbahn stürzte.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mosambikaner in Sachsen

1979 hatten die DDR und die Volksrepublik Mosambik das "Abkommen über die zeitweilige Beschäftigung mosambikanischer Werktätiger in sozialistischen Betrieben der [DDR]" unterzeichnet. In den Folgejahren kamen mehr als 21.000 Menschen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren aus Mosambik für einen zunächst auf vier Jahre begrenzten Zeitraum zum Arbeiten in die DDR, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung. In den 1980-er-Jahre wurde ihnen schrittweise eingeräumt, den Aufenthalt in der DDR auf bis zu zehn Jahre zu verlängern.

Mit der deutsch-deutschen Einigung verschlechterten sich ihre Aufenthalts- und Lebensbedingungen. 1989 lebten mehr als 15.000 mosambikanische Arbeiterinnen und Arbeiter in der DDR. Ende 1990 waren es nur noch knapp 3.000. Auch in Sachsen und Dresden zählte das Statistische Landesamt immer weniger mosambikanische Staatsbürger:

Zahl der mosambikanischen Staatsangehörigen in Sachsen
Jahr Sachsen Stadt Dresden
1991 1.195 345
2001 500 115
2011 220 50
2019 195 45

Gewalt gegen Vertragsarbeiter

Mit dem Arbeitsplatz verloren die Vertragsarbeitenden aus Mosambik meist auch ihre Unterkunft in betriebseigenen Wohnheimen im Osten. Weil auch die staatlichen Subventionen wegfielen, erhöhten sich die Mieten exorbitant, die Arbeitsmigranten wurden vielfach obdachlos, schreiben die Wissenschaftler Christiane Mende und Paulino José Miguel in einem Dossier zur Lage der Arbeitsmigranten.

All diese Entwicklungen waren begleitet von einer enthemmten rassistischen Gewalt, die bereits in den letzten Jahren der DDR zugenommen hatte (...). Mit dem erstarkenden Nationalismus im Zuge der deutsch-deutschen Einigung erhielt der Rassismus eine neue Dynamik. Überfälle in öffentlichen Verkehrsmitteln und auf der Straße sowie Angriffe auf Wohnheime von Migrant*innen häuften sich.

Christiane Mende und Paulino José Miguel Dossier: Migrantische Persepktiven auf die Duetsche Einheit, bei: Bundeszentrale f. pol. Bildung

Kampf um Löhne aus DDR-Zeiten

"In dieser lebensbedrohenden Situation sahen viele Arbeitsmigrantinnen und -migranten nur den Weg der vorzeitigen Ausreise – auch wenn sie nicht direkt von Abschiebung bedroht gewesen waren", erklärt Politikwissenschaftler Paulino Miguel, der als Vertragsarbeiter Ende der 1980er in die DDR kam. Noch heute kämpfen zehntausende Betroffene in Mosambik um ihr Geld. Die DDR hatte 60 Prozent der Löhne einbehalten, die den Arbeitern nach der Rückkehr in Mosambik ausgezahlt werden sollten. Doch die mosambikanische Regierung zahlt nicht - seit 30 Jahren.

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Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 06. April 2021 | 19:00 Uhr