Sucht Neuer Therapie-Ansatz für junge Drogenabhängige in Dresden vorgestellt

Der Konsum von Cannabis nimmt stetig zu. Dieser Trend macht auch vor Jugendlichen nicht halt. Therapeuten und Forscher sind über diese Entwicklung sehr besorgt. Ein Expertenteam aus Dresden hat deshalb einen neuen Therapie-Ansatz zur Behandlung von jungen Drogenkonsumenten erarbeitet. Dabei wird nicht nur die Sucht selbst behandelt, sondern auch psychische Störungen untersucht. Zugleich warnen die Wissenschaftler vor der Legalisierung von Cannabis.

Cannabis-Konsum in einem Park
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Mediziner in Dresden verfolgen einen neuen Ansatz bei der Behandlung von jugendliche Drogenkonsumenten. Wie Oberärztin Yulia Golub von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Universitätsklinikum Dresden am Montag mitteilte, sind dafür die Behandlungen von 400 Jugendlichen ausgewertet worden. Diese waren seit 2017 in der Spezialambulanz der Uniklinik behandelt worden. Dabei habe sich gezeigt, dass die bisherige Herangehensweise oft nicht zum gewünschten Erfolg führte.

Der neue Ansatz sieht unter anderem vor, Eltern und Angehörige in die Therapie mit einzubeziehn. Deshalb seien neben Gruppensitzungen für die Patientinnen und Patienten im Alter von 12 bis 17 Jahren auch Gruppensitzungen für die Angehörigen vorgesehen, so Golub.

Entzug und psychische Störungen im Blick

Golub erklärte weiter, dass künftig nicht nur der Konsum und die Hilfe beim Entzug im Fokus sind. Man wolle vielmehr versuchen, auch die oft zusätzlich vorliegenden psychischen Störung zu behandeln. Viele Jugendliche würden zu Suchtmitteln greifen, um ihre psychischen Sorgen zu lindern, eine Art Selbstmedikation. Bei einigen Patientinnen und Patienten würden diese Trauma erst durch den Konsum entstehen, bei anderen stammen sie aus der Zeit vor dem Beginn des Konsums.

Mögliche soziale Probleme und bewusst auch die Eltern und andere Familienangehörige müssen in die Therapie mit einbezogen werden.

Yulia Golub Oberärztin Uniklinik Dresden

Außerdem habe Suchtmittelkonsum meist begleitende Probleme, weshalb bei der Therapie zum Beispiel auch über zwischenmenschliche Beziehungen, das Selbstwertgefühl und den Umgang mit Emotionen gesprochen werden, so Golub.

Gefährliche Mischung in der Pandemie: Zu viele Medien, zu wenig Kontakte

Der neue Therapie-Ansatz hat laut Yulia Golub im Wesentlichen vier Ziele:

  • Verringerung des Drogenkonsums.
  • Aufbau konsumfreier Phasen.
  • Dauerhafte Beendigung des Konsums.
  • Fähigkeit zu einer Lebensgestaltung in Zufriedenheit.

Besonders das letzte Ziel sei in der jüngeren Vergangenheit immer wichtiger geworden, weiß Veit Roessner, Direktor der Klinik für Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Dresden. Einsamkeit und damit einhergehende Depressionen und Unzufriedenheit seien gerade auch durch die Pandemie und die Lockdowns bei jungen Menschen ebenso zum Problem geworden. Die Kombination aus zu viel Medienkonsum, zu wenig sozialen Kontakten und leichten Ablenkungsmöglichkeiten wie den Konsum von Drogen, sei gefährlich. Besonders hervorzuheben sei hier der Konsum von Cannabis, der sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen aller gesellschaftlichen Gruppen in psychiatrischer Behandlung vorherrsche.

Und da mache ich mir auch Sorgen, dass wir eine ganze Generation verlieren, wenn wir diese Süchte nicht mehr in den Griff bekommen. Allein mit Präventionsangeboten werden wir dem nicht mehr Herr.

Veit Roessner Direktor der Klinik für Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Dresden

Mediziner warnt vor Legalisierung von Cannabis

Eine Abhängigkeit von einer Substanz führt laut Veit Roessner bei den meisten Menschen dazu, dass früher oder später therapeutische Hilfe benötigt wird. "Auch wenn wir die Therapieangebote erweitern und verbessern, muss es doch letztlich das Ziel sein, den Bedarf an solchen Angeboten zu reduzieren", so Roessner.

Regelmäßiger Cannabiskonsum, vor allem im Jugendalter, führe zur nachhaltigen Schädigung der kognitiven Leistungsfähigkeit - Aufmerksamkeitseinbußen und Gedächtnisstörungen könnten die Folge sein. Bis etwa zum 27. Lebensjahr könne Cannabis negative Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns haben, warnt Roessner. Er macht sich angesichts von Fachkräftemangel und einer hohen Schulabbrecherquote Sorgen, dass eine ganze Generation verloren geht, wenn man Suchtmittel wie Cannabis nicht mehr in den Griff bekommt und reglementiert.

Jugendliche kommen zwischen 13 und 14 Jahren mit Drogen in Kontakt

Auch Sachsens Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow (CDU) ist der Ansicht, dass von einer Freigabe von Suchtmitteln wie zum Beispiel Cannabis eine falsche Signalwirkung ausgehen würden. "So könnten Leute denken, man habe es mit etwas Unproblematischem zu tun, das Konsum unschädlich sei," meint Sebastian Gemkow. Veit Roessner wünscht sich deshalb möglichst keinen oder nur einen sehr späten Kontakt mit Cannabis. Die Entwicklung zeige jedoch, dass der Erstkonsum immer früher eintrete. Aktuell liege der Durchschnitt für den Beginn des Konsums zwischen dem 13. und 14. Lebensjahr.

DELTA neuer Ansatz in der Suchtbehandlung Der neue Therapieansatz bei der Suchtbehandlung in Dresden trägt den Titel "DELTA". Er basiert auf einer wissenschaftlichen Studie, bei der rund 80 Prozent der Patientinnen und Patienten einen schädlichen Gebrauch oder eine Abhängigkeit von Cannabis angegeben haben. An zweiter Stelle folgten mit 52 Prozent Fälle von Alkoholmissbrauch. Fast drei Viertel der Patienten zeigten zudem mindestens eine begleitende psychische Störung an. 65 Prozent von ihnen gaben an, eine traumatisches Erlebnis gehabt zu haben.

"DELTA" steht für Dresdner Multimodale Therapie für Jugendliche mit chronischem Suchtmittelkonsum. Begleitend dazu ist ein Handbuch erschienen, was derzeit nur in Dresden eingesetzt wird. Die Autoren erhoffen sich allerdings einen baldigen, deutschlandweiten Einsatz.

Das Sächsische Wissenschaftsministerium hat die Forschung mit mehr als einer halben Million Euro gefördert. Aktuell beträgt die Wartezeit auf einen Therapieplatz in Dresden vier Monate.

MDR (kh)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 07. Februar 2022 | 19:00 Uhr

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