Flucht aus der Ukraine Kriegsflüchtlinge am Hauptbahnhof Dresden: "Wohin können wir gehen?"

Tagtäglich kommen hunderte aus der Ukraine Geflüchtete im Hauptbahnhof Dresden an. Manche haben ein Ziel vor Augen und sind auf der Durchreise. Andere stranden hier und sind auf der Suche nach einer Bleibe und Schlaf. MDR SACHSEN-Reporterin Katrin Tominski hat mit Helfern und Geflüchteten gesprochen. Und wird mittendrin selbst zur ehrenamtlichen Helferin.

Flüchtlinge in Dresden
Oryna und ihre Mutter Oksana Romakh sowie Melaniia und Nataliia Hyra und Sohn Nazar Romakh (v.l.) sind in Dresden gestrandet. Sie wissen nicht, wo sie bleiben können und suchen eine Unterkunft. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Das Drama kommt als trügerischer Alltag daher. Die Sonne scheint, die ersten zartweißen Obstblüten schieben sich vor dem Hauptbahnhof Dresden gen Frühling und Züge starten nach Chemnitz, Hamburg, Prag und Frankfurt/Main. Loks fahren ein, Menschen hechten über den Bahnhof, schnell noch einen Kaffee auf die Hand, Türen zu, auf geht’s. Scheinbar alles wie immer. Das Drama schimmert nur punktuell, mit gelben und roten Leuchtpunkten am Kopf der Bahnhofshalle, Leuchtwesten im Gewusel. Es wird sichtbarer, je mehr man hinschaut. Hilfe für die Ukraine. Ein Stand, viele Menschen, noch mehr Kinder, müde Augen. Ein Junge greift mit großen Augen und fixierten Blick nach den Kaubonbons, die ihm hingehalten werden. Daneben spricht seine Mutter aufgeregt in ihr Telefon. Die kleine Schwester sieht sich um, blickt zu den Erwachsenen nach oben, was passiert hier eigentlich?

Drei Frauen mit sieben Kindern umringen Ehrenamtler

Jonas ist jung, Sprachmittler und gerade das Zentrum der hilfesuchenden Blicke jener Menschen, die aus dem Europacity aus Prag gestiegen sind. Drei Frauen stehen vor ihm mit sieben Kindern. Eine Mutter im Hintergrund hält ein Baby in den Armen. Sie schaut abwechselnd auf Jonas, die anderen Frauen und wieder auf ihr Baby. Jonas spricht Ukrainisch. Er hat nach dem Abitur einen Freiwilligendienst in der Ukraine absolviert. Jetzt ist er Ehrenamtlicher bei der Bahnhofsmission. Ein Helfer, an den in nur 30 Sekunden ganze Hoffnungspakete gehängt werden. "Wohin können wir gehen?" fragen die Frauen mit geweiteten Augen.

Jonas holt Luft. "Dresden ist voll", presst er auf Ukrainisch über seine Lippen. Hilfesuchend sieht er sich nach seinem Kollegen um. In der Hoffnung, dieser könne revidieren. "Erst einmal essen und ausruhen", sagt der Kollege und blickt auf die Kinder. "Dann sehen wir weiter."

Flüchtlinge in Dresden
Jonas ist umringt von Flüchtlingen aus der Ukraine, die viele Fragen haben. Wohin? Blick zum Kollegen. "Erst einmal ausruhen", erklärt dieser. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Plötzlich in einem fremden Land

Jonas erklärt der Reporterin: "Viele Geflüchtete sind total hilflos, sie können kein Wort Deutsch und stehen plötzlich in einem Land, in dem sie vorher noch nie gewesen sind." Dazu kämen Mythen, sie müssten sich sofort registrieren, sonst würden sie rausgeworfen. "Oft muss ich erst einmal beruhigen", sagt Jonas. Seine Augen wandern. Von den Bahnsteigen an den Stand der Bahnhofsmission, er behält alles im Blick. Jonas fährt fort. Hinzu kämen individuelle Belange wie Schicksalsschläge, Fragen nach Wohnungen und Zugtickets oder ganz einfache Hilfe. "Gestern stützte ich einen älteren Herrn, der etwas wacklig war", sagte Jonas. "Oder ich helfe Müttern und nehme deren Kinder an die Hand, wenn sie in den Zug steigen wollen."

Eine Frau nähert sich der Traube, ihre Tochter am linken Arm. Sie fragt, Jonas antwortet. Schon steuern die nächsten Frauen mit ihren Kindern auf den Stand zu. "Übernehmen sie bitte?" fragt Jonas die Reporterin. "Sie braucht zwei Zugtickets nach Fulda."

Flüchtlinge in Dresden
Jonas nach dem Ansturm am Stand der Bahnhofsmisison. Er hat seinen Freiwilligendienst nach dem Abitur in der Ukraine gemacht und hilft Geflüchteten jetzt am Bahnhof als Übersetzer. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Ukrainische Flüchtlinge und die Sache mit den Zugtickets

Okay - Hilfe heißt das Gebot der Stunde. Die Frau heißt Tatjana, ihre Tochter Maria, sie kommen aus Kiew und sind sichtlich erschöpft. "Bombs at the school", erklärt Tatjana in brüchigem Englisch auf dem kurzen Weg zum Reisecenter. Tatjana kramt die Pässe raus, stellt sich an die Schlange an. Sie wirkt fast paralysiert. Immer wieder schaut sie auf ihre Tochter Maria, die auf den roten Stoffsitz förmlich in sich zusammengefallen ist und nur noch in die Leere geradeaus blickt.

"Im Nah- und Regionalverkehr genügen die ukrainischen Pässe", erklärt Anna-Lena, Koordinatorin der Bahnhofsmission. "Im Fernverkehr jedoch müssen sich die Geflüchteten kostenfreie Tickets im Reisecenter ausdrucken lassen. Das gelingt jedoch nur während der Öffnungszeiten." Glück für Tatjana und Maria, dass sie Freitagmittag ankommen, wenige Stunden wäre es schon schwieriger geworden. "Zwei Tickets nach Fulda für die Dame und ihre Tochter bitte", bittet die Reporterin am Schalter. Ein Blick in die Pässe, ein Blick auf die Uhr, Rattern des Druckers, Erleichterung im Gesicht Tatjanas. Abfahrt 14.12 Uhr. Ein Lächeln. "We have friends there. Thank you". Ein Bild, Kopf nach oben. "Good Luck!".

Flüchtlinge in Dresden
Tatjana aus Kiew (Mitte) mit ihrer Tochter Maria und einer anderen Geflüchteten im Reisezentrum am Hauptbahnhof Dresden - die Fahrkarten in der Hand. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Und plötzlich kamen die Bomben

Plötzlich schiebt sich das Drama noch tiefer in das Bewusstsein. Diese stillen Blicke, die leise Verzweiflung, die schockierte Anspannung. Haben Tatjana und Maria schon vor drei Wochen geahnt, dass sie Hals über Kopf ihre Heimat verlassen? Dass sie im Keller ausharren müssen, bis sie hoffentlich evakuiert werden? Dass sie stundenlang im Zug sitzen, über ihnen der Himmel voller Bomben, vor ihnen die große Ungewissheit? Haben sie geahnt, dass ihr ganz normales Leben wie auf einen Schlag ausgelöscht ist. Dass sie jetzt Flüchtlinge sind – und es wahrscheinlich noch lange bleiben werden?

"Ganz schnell wieder nach Hause"

Ekaterina sitzt im Wartesaal der Bahnhofsmission. "Wir wollen ganz schnell wieder nach Hause", erklärt sie auf Englisch. "Wir lieben die Ukraine und hoffen auf ein Ende des Krieges." Die 37-Jährige ist vor etwa einer Woche mit ihrer Mutter und ihrem siebenjährigen Sohn in Dresden gelandet. Eine Hilfsorganisation nahm die Familie aus einem Auffanglager der Slowakei mit nach Dresden. "Wir sind glücklich, dass wir sicher sind", sagt Ekaterina. Mit dem Zug seien sie aus Saporischschja im Süden der Ukraine geflohen. Über 33 Stunden habe die Fahrt bis in die Slowakei gedauert. "Wenn Raketenangriffe kamen, stoppte der Zug und wir mussten uns flach auf den Boden legen."

Flüchtlinge in Dresden
Ekaterina Ryzhkova ist mit ihrem Sohn und ihrer Mutter aus Saporischschja im Süden der Ukraine geflüchtet. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Wohnung in Maxen gefunden

Die ersten Tage hat die Familie in einer Erstaufnahmeeinrichtung verbracht. Ihre Freunde sind in Polen, Bulgarien, Belgien. "Überall." Ekaterina lächelt. "Wir haben Glück gehabt und sogar schon eine Wohnung bekommen – kostenfrei." In Maxen bei Pirna wohnt die die junge Frau mit Mutter, Sohn und Hund in einer Zweiraumwohnung. Sie zückt ihr Handy und zeigt Bilder. "Es ist sehr komfortabel, wir sind sehr dankbar." Und die Männer? "Ja", Ekaterina wird auf einmal ernst. "Mein Mann und mein Bruder durften nicht ausreisen. Sie kämpfen bislang nicht. Doch sie können mobilisiert werden."

Flüchtlinge in Dresden
Im Wartesaal wartet die 37-Jährige auf ihren Zug nach Pirna. Am Bahnhof hat sie Sim-Karten besorgt, um in die Ukraine zu telefonieren. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Der Wohnungsmarkt in Dresden stößt an seine Grenzen

Im Gespräch mit Helfern und Geflüchteten heißt es immer wieder, alle Notunterkünfte in Dresden seien belegt. Die auf der Messe eingerichtete Erstaufnahmeeinrichtung sei in der Nacht zum Freitag vollgelaufen, belegt seien auch alle Turnhallen. Am Donnerstag meldete die Stadt: "In Dresden sind aktuell 1.530 Ukrainer untergebracht." Davon schliefen knapp 900 in der Messe und in Turnhallen, sowie knapp 700 in Hotels sowie 23 Geflüchtete in Wohnungen. Insgesamt stünden auf der Messe und in den Turnhallen 1.300 Plätze zur Verfügung. "Die Hotelkapazitäten sind fast erschöpft. Wohnungen werden stetig gesucht, doch der Wohnungsmarkt hat Grenzen", erklärte die Stadt. Nicht enthalten seien in diesen Zahlen die Ukrainer, die in privaten Unterkünften leben sowie in den Einrichtungen des Freistaats.

Blick in die Messe, wo Geflüchtete aus der Ukraine versorgt werden sollen.
In der Messe Dresden werden Flüchtlinge in einer Erstaufnahmeeinrichtung versorgt. Bildrechte: dpa

Bahnhofsmission versorgt und vermittelt Geflüchtete

"Die Tendenz der Flüchtlinge, die kommen, ist zunehmend", erklärt Bahnhofsmission-Koordinatorin Anna-Lena. Viele kämen aus Görlitz oder Prag und reisten weiter nach Frankreich und Belgien. "Viele wollen auch nach Berlin, doch Berlin ist am Limit." Ziel der Bahnhofsmission sei Versorgung, Orientierung und Weitervermittlung. Viele arbeiteten ehrenamtlich, personelle Unterstützung würde gesucht. Lediglich von Nahrungsmittelspenden würde abgeraten. "Die Hilfe professionalisiert sich zunehmend, am meisten helfen Geldspenden."

Flüchtlinge in Dresden
Tafeln warnen Frauen und Kinder vor zwielichtigen Helfern. Beobachter aus Berlin berichteten bereits von Personen aus dem Prostitutionsmillieu an den Bahnhöfen. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Wohnungen dringend gesucht

Für die Unterbringung der Geflüchteten suchen sowohl die Stadt Dresden als auch der Landkreis Bautzen dringend private Übernachtungsmöglichkeiten und Wohnungen. "Wir brauchen unbedingt weitere Unterkünfte", erklärt Frances Lein, Sprecherin des Landkreises. Zwar stünden in den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landkreises noch etwa 200 Plätze zur Verfügung, doch die Situation sei "dynamisch" und die "teilweise traumatisierten Frauen und Kinder" könnten nicht ewig in Massenunterkünften leben.

Gestrandet aus Donezk

Flüchtlinge in Dresden
Alex stammt aus Georgien, lebt seit zwölf Jahren in Dresden, arbeitet an der TU und hilft Geflüchteten als Übersetzer. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Alex steht vor dem Hauptbahnhof und gestikuliert. Vor ihm zwei Frauen, ein junges Mädchen und zwei kleine Kinder. Er stammt aus Georgien, lebt seit zwölf Jahren in Deutschland und arbeitet für die TU Dresden als IT-Administrator. Die Frauen Oksana und Natalia hängen ihm an den Lippen. Sie scheinen ratlos, sie sind gestrandet, sie suchen eine Bleibe. Die zwei halben Familien sind aus Bachmut in der Oblast Donezk im Osten der Ukraine geflogen. Alex übersetzt die Fragen. "Wir haben Glück gehabt, wir haben uns beeilt, deswegen können wir jetzt hier sein", erklärt Oksana. In ihrer 70.000-Einwohnerstadt habe es zwar noch keine Kampfhandlungen gegeben. "Doch wir haben Kämpfe, Bomben und Tote gesehen." Die Frauen stocken, sehen sich an. Die Kinder lehnen sich an sie an. Blicken fragend. Die Familien haben keine Verwandten oder Freunde in Deutschland. Am Montag müssen sie aus ihrem Hotel ausziehen. Wohin? Sie wissen es nicht.

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