Neue Lernformen Universitätsschule in Dresden wächst zur Gemeinschaftsschule

An der Dresdner Universitätsschule erproben Pädagogen und Wissenschaftler neue Lernkonzepte. Nun soll sie als Gemeinschaftsschule weiter wachsen. Schüler und Schülerinnen können dann von der ersten bis zur 10. Klasse gemeinsam lernen und später dort sogar ihr Abitur machen. Nächstes Schuljahr werden deshalb mehr Fünftklässler aufgenommen. An diesem Sonnabend präsentiert sich die Schule beim Tag der offenen Tür.

Eine Klasse in der Universitätsschule Dresden
Die Mädchen und Jungen von Team Phönix in der Universitätsoberschule sprechen über den Vulkanausbruch bei Tonga. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Es ist gar nicht so einfach, die Lehrerin auszumachen, wenn man einen Unterrichtsraum in der Universitätsschule betritt. Weder steht vorne in Linie zur Tür der Lehrertisch noch folgen vis-à-vis die Schulbänke. Stattdessen zieht ein hohes hellgrünes Ecksofa mitten im Raum erste Aufmerksamkeit auf sich, einige Tische sind zu großen Arbeitsflächen zusammengeschoben, andere an die Fensterfront gerückt mit Blick nach draußen. In einer Ecke ist der Stehtisch von Kathrin Roch. Sie selbst hat sich auf einen Stuhl zwischen ihre Schüler und Schülerinnen gesetzt. Im halbstündigen Gesprächskreis – eine feste Einheit im Tagesablauf – ist gerade der Vulkanausbruch im pazifischen Inselstaat Tonga Thema.

Dass bei der Dresdner Universitätsschule einiges anders abläuft, zeigen schon die Begrifflichkeiten: Lehr- und Hortpersonal wird nicht getrennt, sie alle sind Lernbegleiter für die Kinder. Diese lernen nicht in Klassenverbänden in Klassenräumen, sondern in Stammgruppen in Lernateliers und statt Hausaufgabenhefte gibt es Logbücher, in denen die Kinder eigenständig Erlerntes dokumentieren.

Eine Schülerin aus der Universitätsschule Dresden
Für den Überblick: Lernziele und Erfolge tragen die Schüler selbst in einem Logbuch ein. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Bildung komplett neu gedacht

Im Schuljahr 2019/20 ist die Universitätsschule als gemeinsames Projekt der Landeshauptstadt und der TU Dresden in einem DDR-Bau auf der Cämmerswalder Straße gestartet. Das Konzept der Ganztagseinrichtung ist ambitioniert. Die Schülerinnen und Schüler sollen eigenverantwortlich und kooperativ in mehreren Jahrgängen zusammengebracht lernen, die pädagogischen Begleiter müssen stets die individuellen Lernwege und Fortschritte der Kinder im Blick haben. Frontalunterricht und Stundenplan sind abgeschafft, an ihre Stelle rücken Teambesprechungen, Lernzeiten und fächerübergreifende Projekte. Laptops mit einem speziell entwickelten Lernprogramm ersetzen die Lehrbücher.

Dieser groß angelegte Schulversuch wird von der TU Dresden wissenschaftlich begleitet. Die Bildungsforschung im Haus erfolge ganz eng verzahnt, sagt dazu Schulleiterin Maxi Heß. Die Pädagogen arbeiten mit der Wissenschaftlerin Anke Langner, die an der TU die Professur für Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt inklusiver Bildung leitet, monatlich in engem Austausch. Man könne relativ schnell Rückschlüsse aus der Praxis in die Forschung übertragen und andersherum, so Maxi Heß.

Die Universitätsschule Dresden
Die Universitätsschule befindet sich in einem alten DDR-Schulhaus an der Cämmerswalder Straße. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Lernen ohne Notendruck

In Kathrin Rochs Stammgruppe, die sich übrigens per Abstimmung den Namen Team Phönix gegeben hat, sind Jungen und Mädchen der Oberschulklassenstufen 6 und 7 vereint. Unter ihnen ist Patricija, die von einer anderen Schule hierher wechselte. Sie habe in der alten Schule sehr viel Druck erlebt und deswegen nicht gut gelernt, erzählt die 13-Jährige. "Weil ich immer Angst hatte, etwas falsch zu machen. Und so stieg der Druck immer weiter." Hier sei der Druck nicht so hoch und man könne sich alles selbst organisieren. Patricija findet auch, dass sie hier selbstständiger wird und sich damit besser auf die Zukunft vorbereitet. Tatsächlich gibt es an der Universitätsschule keine Noten, Lernstände werden mit Worten und Prozentangaben formuliert.

Druck ist kein guter Berater, um kreativ zu arbeiten und gut lernen zu können.

Maxi Heß Schulleiterin der Universitätsschule

Urlaub statt Ferien

Was es auch nicht gibt, sind Ferien. Die Eltern beantragen stattdessen Urlaub für ihre Kinder. Das sei am Anfang eine Umstellung gewesen, sagt die Schulleiterin Maxi Heß. Zum einen für die Kinder, die weniger freie Zeit haben als an einer Regelschule, zum anderen für die Lehrkräfte, die die Ferien sonst für die Vor- und Nachbereitung genutzt haben. Der Vorteil: "Dadurch können wir das Lernen deutlich entzerren. Die Schülerinnen und Schüler haben mehr Zeit, um in Projektarbeit zu lernen", so die Leiterin.

Es brauche eben mehr Zeit, um sich abzusprechen, es dürfe gescheitert werden, dürften Krisen durchlebt werden. Auch die individuelle Begleitung der Schülerinnen  und Schüler brauche Zeit. "Diese nehmen wir uns, indem wir weniger Tage außerhalb von Schule verbringen und Schule mehr und mehr zu einem Lebensort wird", so Maxi Heß.

Eine Frau aus der Universitätsschule Dresden
Maxi Heß leitet seit dem Start 2019 die Dresdner Universitätsschule. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Jannes, der zum Team Phönix gehört, ist vom Konzept überzeugt und nimmt dafür einen langen Schulweg in Kauf. "Weil die Lernatmosphäre sehr ruhig ist, man kann sich gut konzentrieren. Und auch die Angebote sind sehr gut." Der 15-Jährige würde gern sein Abitur hier machen, wenn es denn geht. Die Chancen stehen gut, denn die Universitätsschule wird in diesem Jahr zur Gemeinschaftsschule. Schon jetzt arbeite man schulübergreifend zwischen Grund- und Oberschule, betont Maxi Heß. Als Gemeinschaftsschule verschmelzen nun beide Schulen zu einer Einrichtung, in der die Kinder von Anfang an bis zu ihrem Abschluss bleiben können. Im kommenden Schuljahr 2022/23 sollen erstmals vier fünfte Jahrgänge gebildet werden. "Aber zu einer ganzheitlichen Bildung gehören alle Abschlüsse. Das heißt, wir wollen selbstverständlich auch in unserem Haus das Abitur anbieten", blickt die Schulleiterin in die Zukunft.

Werkstattzeiten, Lernateliers, Projekte

Die Universitätsgrundschule befindet sich im selben Haus eine Etage unter der Oberschule. In der Stammgruppe Jupiter, in der Klassenstufe eins bis drei vereint lernen, ist gerade Werkstattzeit. Auch hier fällt die unübliche Raumgestaltung mit Couch und großen Arbeitstischen auf. Ein Junge hat Zahlensteine auf einem Teppich ausgebreitet, ein anderer sitzt auf der Couch und schaut in ein Buch. Ein Mädchen hat sich in eine Ecke verkrümelt und schreibt in einem Arbeitsheft, das auf einer Art Miniklapptisch liegt.

"In der Werkstattzeit geht es vordergründig um Mathe und Deutsch", sagt die Lernbegleiterin Doreen Weidenmüller. Neuer Stoff, der nur für ein bestimmtes Klassenniveau relevant ist, werde in einem extra Raum präsentiert, erklärt die Pädagogin. Die anderen Kinder blieben in der Zeit hier und arbeiteten an anderem Material. Hingegen sei es gar kein Problem, beim Projektunterricht fächer- und jahrgangsübergreifend zu arbeiten, so Doreen Weidenmüller. Die Erstklässler, die noch nicht so gut lesen können, hätten dann einen Tandempartner, mit dem sie zusammen forschen können.

Eine Klasse in der Universitätsschule Dresden
Violetta und Marlene (beide 9) schreiben in ihren Arbeitsheften. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Da Freitag ist, werden gerade die letzten Aufgaben vom Wochenplan erledigt. "Ich habe die drei schwersten Aufgaben geschafft", freut sich die neunjährige Violetta, die gerade in ihrem Deutsch-Arbeitsheft schreibt. Sie finde es toll, dass sie sich aussuchen kann, was sie lernen will. "Besser, als wenn man den ganzen Tag sitzt und dann muss man machen, was der Lehrer sagt - andere Kinder müssen das halt", sagt sie bedauernd. Violetta will nächste Woche unter anderem eine Umfrage im Schulhaus zum Thema Wald machen, gemeinsam mit ihrer Freundin Marlene, verrät sie.

Im Notfall mit Kopfhörern

Gelernt werden darf in der Universitätsschule fast überall. So haben sich der achtjährige Louis und der siebenjährige Arthur in den Flur verzogen. Sie sitzen auf dem Boden an kleinen Klapptischen und schreiben. "Ich mache am liebsten Arbeitsblätter. Ich arbeite gerade an Wortfamilien", sagt Louis. Das notenfreie Schulkonzept gefällt ihm, er sei nicht so der Fan von Noten: "Dann werden manche Kinder vielleicht traurig und denken, sie können nichts mehr herausholen und erreichen." Die Jungs haben sich auch gelbe Kopfhörer mitgenommen. "Wenn es uns zu laut ist, setzen wir die auf. Aber nur im absoluten Notfall", erklärt Louis. Die Akustik sei ein Problem im alten Schulhaus, das dahingehend saniert werden müsse, so die Schulleiterin.

Zwei Jungs aus der Universitätsschule Dresden
Louis (8) und Arthur (7) haben sich zum Lernen in den Schulflur verkrümelt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

An diesem Sonnabend stellt sich die Universitätsschule zwischen 9 und 13 Uhr bei einem Tag der offenen Tür vor. Wegen der Corona-Situation findet er digital mit Videos aus dem Schulalltag und Gesprächsmöglichkeiten mit Pädagogen und Wissenschaftlern statt. Der für die Teilnahme erforderliche Link wird nach der Anmeldung über ein Kontaktformular zugeschickt.

Universitätsschule Dresden - dreizügige Schule in der Cämmerswalder Straße 41
- Start im Schuljahr 2019/20 mit 200 Kindern der 1., 2., 3. und 5. Jahrgangsstufe
- derzeit rund 500 Mädchen und Jungen von Jahrgang 1 bis 7
- Ganztagsschule in Trägerschaft der Stadt Dresden
- Kinder lernen unterstützt von einem digitalen Lern- und Schulmanagementsystem
- Forschungsschule und Aus- und Weiterbildungsschule der TU Dresden

Videos zum Thema Schule

Klassenzimmer einer Schule 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
2 min

MDR THÜRINGEN JOURNAL Fr 14.01.2022 19:00Uhr 02:08 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Nachrichten | 26. November 2021 | 09:30 Uhr

Mehr aus Dresden und Radebeul

Mehr aus Sachsen

eine Erdbeere auf dem Feld 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
ein Feuerwehrmann im Gespräch 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK