Schulfrust im Dresdner Norden Zu viele Schüler: Kein Platz am Gymnasium in Klotzsche

Der Dresdner Norden ist durch die vielen ausgewiesenen Baugebiete und Zuzüge von Familien kinderreich. Das einzige nahe Gymnasium für die Stadtteile Klotzsche, Hellerau, Weixdorf und Langebrück ist die Schule in Klotzsche. Dann kommt eine Weile nichts. Die neuen fünften Klassen werden siebenzügig, hatte deshalb der Klotzscher Schulleiter noch im März den Eltern wiederholt zugesichert. Jetzt hat das Landesamt für Schule und Bildung (Lasub) sechs fünfte Klassen genehmigt. 26 Mädchen und Jungen müssen umverteilt werden. Vor allem die Weixdorfer Kinder trifft es.

Weixdorfer Eltern stehen in einem Garten.
Eltern aus Weixdorf fordern dringend eine weitere fünfte Klasse am Gymnasium Klotzsche. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

"Mein Sohn kam tieftraurig von der Grundschule nach Hause. Dann wollte er unbedingt schnell Russisch lernen, weil es hieß, in der Russischklasse wäre noch was frei", blickt Thomas Obitz auf den schwarzen Freitag zurück. Doch keine Chance. Das Gymnasium in Klotzsche kann in diesem Jahr 26 angemeldete Kinder aus der Umgebung nicht in seine fünften Klassen aufnehmen. Der Weixdorfer Familienvater sei maßlos enttäuscht. Anja Mika, die mit ihrer Familie am Ende von Weixdorf wohnt, habe die Nachricht mit Entsetzen aufgenommen: "Vor einem Jahr hieß es, es wird niemand abgelehnt." Plötzlich ist für ihren Sohn doch kein Platz.

Enttäuschung und Tränen

Schulleiter Frank Haubitz vom Gymnasium Klotzsche hatte erst vor wenigen Wochen betont, dass man im neuen Schuljahr wegen der vielen Anmeldungen siebenzügig starten werde. Doch jetzt hat das Landesamt für Schule und Bildung (Lasub) nur sechs Züge genehmigt. "Die Situation ist für mich sehr unbefriedigend. Ich bin total überfahren damit", so Haubitz. Er muss ein Auswahlverfahren starten. Künftige Fünftklässler, die bereits Schwester oder Bruder an der Schule haben oder innerhalb eines Zwei-Kilometer-Radius um das Schulgebäude wohnen, haben ihren Platz sicher. Der Rest der Anmeldungen kommt in einen Los-Topf. Dann soll das Glück entscheiden.

Zu viele Kinder im Dresdner Norden

"Ich müsste 26 Schüler weglosen, das widerstrebt mir", sagt Haubitz. Der Schulleiter habe deshalb noch mal mit dem Lasub gesprochen. Im Ergebnis wurden ihm Plätze an Gymnasien zur Verfügung gestellt, die nicht allzu weit entfernt sind, etwa in Radeberg, Radebeul sowie in Pieschen und der Dresdner Neustadt. Bis nächste Woche gibt Haubitz Eltern die Möglichkeit, sich an diese Schulen umlenken zu lassen und somit auf das riskante Losverfahren zu verzichten. "Wenn man sich in den Los-Topf begibt, besteht das Risiko, dass man weit weggelost wird. Die näheren Schulen stehen dann nicht mehr zur Verfügung", erklärt Haubitz.

Dass wir keinen zusätzlichen gymnasialen Standort im Dresdner Norden geschaffen haben, fällt uns jetzt auf die Füße.

Frank Haubitz Schulleiter am Gymnasium Klotzsche

Im gesamten rechtselbischen Raum Dresdens sind die Schulplätze dieses Jahr knapp. So sind beispielsweise von Weixdorf aus andere gut erreichbare Schulen ebenfalls voll - das Marie-Curie-Gymnasium etwa und das Gymnasium an der Bürgerwiese an der Straßenbahnlinie 7. Wer also von Weixdorf aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln ein Gymnasium erreichen will, muss mindestens einmal umsteigen. Eine Anfrage von MDR SACHSEN an das städtische Schulverwaltungsamt zur Erweiterung der Zügigkeit in Klotzsche wird an das Lasub weiterverwiesen. Man sei diesbezüglich nicht zuständig, so die Begründung.

Für das Gymnasium in Klotzsche entsteht gerade ein Ersatzneubau.
Für das Gymnasium in Klotzsche entsteht gerade ein Ersatzneubau. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Bildungsbürgermeister: Auf kurzfristige Schwankungen reagiert

Die Kapazitäten im kommunalen Schulnetz würden im Schulnetzplan prognostiziert und einer regelmäßigen Überprüfung aufgrund einer kleinräumigen Bevölkerungsprognose unterzogen, teilt Bildungsbürgermeister Jan Donhauser mit. "Entsprechend Fortschreibung der Schulnetzplanung werden in allen Schularten ausreichend Schulplätze angeboten beziehungsweise sind diese im Oberschul- und Gymnasialbereich mit einem vertretbaren Aufwand zu erreichen." Auf kurzfristige Schwankungen habe man jeweils reagiert.

Grundsätzlich wird damit in allen Schularten allen Schülerinnen und Schülern ein Schulplatz angeboten, der unter anderem auch gerichtlichen Empfehlungen zur zumutbaren Länge der Schulwege entspricht.

Jan Donhauser Bildungsbürgermeister von Dresden

Eine bis zu 60-minütige Wegstrecke zur Schule sei laut Rechtsprechung zumutbar, heißt es aus dem Dresdner Rathaus. Von Seiten der Schülerbeförderung könne hier eine Unterstützung der Eltern im Rahmen der Satzung Schülerbeförderungskosten-Erstattung erfolgen.

Ich möchte nicht, dass meine Tochter durch ganz Dresden reist.

Simone Reuner Mutter aus Weixdorf

Eltern unter Entscheidungsdruck

Aber den Eltern geht es nicht um Geld. "Zeit spielt ein große Rolle. Es ist verlorene Lebenszeit, die man nur hin und her fährt, obwohl man eigentlich eine naheliegende Schule hat", betont Andrea Becker. "Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich meine Tochter an der Oberschule angemeldet", sagt Simone Reuner. Weil ihre Tochter sehr jung ist, hatte sich die Familie bei der Entscheidung zwischen der Weixdorfer Oberschule und dem Klotzscher Gymnasium schwergetan. Auf Zuspruch der Lehrer und mit der Vorstellung, dass ja viele Weixdorfer Kinder gemeinsam den Schulweg nach Klotzsche bewältigen werden, fiel die Wahl schließlich auf das Gymnasium. Für Simone Reuner wäre es ein Albtraum, wenn ihre Tochter nun ab Herbst eine Stunde bis nach Cotta oder Tolkewitz fahren muss, weil dort die meisten freien Plätze sind. Und für einen Wechsel an die Weixdorfer Oberschule sei es zu spät, da auch sie überbelegt ist.

Wir müssen uns zwischen Pest oder Cholera entscheiden. Ich fühle mich jetzt gedrängelt für eine Schule, die mein Sohn gar nicht möchte.

Andrea Becker Mutter aus Weixdorf

Die Weixdorfer Eltern fühlen sich nun unter Druck gesetzt. Sie haben wenige Tage Zeit, um zwischen dem Losverfahren oder einer Umlenkung auf eine andere Schule zu wählen. "Ich finde es äußerst ungerecht allen Kinder gegenüber, dass uns hier die Pistole auf die Brust gesetzt wird", sagt Thomas Obitz. "Ich finde sowohl den Los-Topf als auch die andere Variante eine unendlich schlechte." Besonders da die Problematik nicht überraschend daherkommt, wie seine Frau betont: "Die Kinder wohnen hier seit zehn Jahren, das ist genug Zeit, um sich auf die Situation einzustellen." Seit Jahren werde es Eltern schwergemacht. "Wir hatten das gleiche Problem mit dem Kitaplatz und mit der Grundschule", so Kristin Obitz. Sie und die anderen betroffenen Mütter und Väter fordern deshalb eine siebte fünfte Klasse.

Wir möchten, dass Klotzsche dieses Jahr siebenzügig wird. Es ist einfach nötig.

Idee einer Gemeinschaftsschule

Der Sprecher der Lasub steht vor dem Verwaltungsgebäude.
Lasub-Sprecher Clemens Arndt Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Das Lasub ist gegen das Aufmachen einer weiteren fünften Klasse in Klotzsche. Man werde das Problem in diesem Jahr nicht lösen können, heißt es auf Anfrage von MDR SACHSEN. "Wenn man jetzt eine Siebenzügigkeit einführt, würde man die Situation nur verschieben. Man müsse perspektivisch arbeiten, einen neuen Standort schaffen oder andere Standorte aufstocken", sagt Lasub-Sprecher Clemens Arndt.

Nur wird eben gerade für das Klotzscher Gymnasium ein Ersatzneubau errichtet. Warum kann man hier nicht gleich Kapazitäten für die Kinder, die gerade da sind, schaffen?, fragen sich die Eltern. Oder man stellt vorübergehend Container auf, wie bei der Grundschule in Weixdorf, meint Andrea Becker.

Am Donnerstag will der Dresdner Stadtrat über einen Prüfantrag für die Errichtung einer Gemeinschaftsschule in Klotzsche entscheiden. In ihr sollen Oberschüler und Gymnasialschüler lernen. "Dann hätten wir für jedes Kind einen Schulplatz", sagt die CDU-Stadträtin Silvana Wendt, eine der Antragsstellerinnen. Eine weitere Schule wäre eine Perspektive, aber das aktuelle Problem löst es nicht.

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | im Regionalreport | 22. April 2021 | 16:30 Uhr

1 Kommentar

Horst1 vor 3 Wochen

Deutschland hat Geld für Vieles, aber für die eigene Infrastruktur ist kein Geld da! Es ist beschämend für die Politik, dass Schulplätze fehlen, obwohl die Zahlen schon lange vorliegen!

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