Islamisten-Prozess Wie wurde Abdullah H. zum Mörder?

Seine Flucht aus Syrien führte Abdullah H. 2015 über die Balkanroute nach Deutschland. Sechs Jahre später wird er zu lebenslanger Haft verurteilt: Er hat den ersten islamistischen Mordanschlag auf Homosexuelle in der Bundesrepublik begangen. Der Prozess in Dresden hat gezeigt: Alle Versuche der Behörden den Syrer zu deradikalisieren scheiterten. MDR exakt- Reporter Florian Barth recherchiert schon seit längerem zu den Hintergründen des Täters und hat mehrere Prozesstage beobachtet. Sein Bericht:

Am Freitagmorgen wird Abdullah H. in den Gerichtssaal des Dresdner Oberlandesgerichts geführt. Seit Mitte April wird dem 21-Jährigen dort der Prozess gemacht. Die Anklage: Der Syrer soll im vergangenen Oktober in der Dresdner Altstadt Thomas L. ermordet und seinen Lebensgefährten Oliver L. schwer verletzt haben. Er hatte seine Opfer mit einem Küchenmesser von hinten angegriffen und niedergestochen.

Zu seiner Tat hat sich der Angeklagte während des Prozesses nicht geäußert. Die Verhandlung in Dresden hat allerdings gezeigt, wie gefestigt das dschihadistische Weltbild von Abdullah H. ist. So zitierte sein Anwalt Peter Hollstein seinen Mandanten, dass dieser das Gericht ablehne. Ein irdisches Gericht könne seiner Meinung nach nicht bewerten, was H. aus göttlicher Überzeugung getan hat.

Der 21-Jährige hatte die Tat gegenüber Gerichtsgutachter Norbert Leygraf gestanden und sich zu seiner Zugehörigkeit zum Islamischen Staat (IS) bekannt. Der Psychiater beschreibt vor Gericht, wie H. mit ihm über seine Tat sprach: "Er war sehr abgeklärt, ruhig und besonnen. Als würde er über das Normalste der Welt reden." Der Täter sei bis heute überzeugt, dass er das Richtige getan habe, da Homosexuelle in seinen Augen Ungläubige seien, die man töten müsse.

Aus einem Gerichtsurteil aus einem anderen Prozess, das MDR exakt erstmals auswerten konnte, geht hervor, wie Fatima A. aus Sachsen schon 2017 zu H.s religiöser Bezugsperson wurde und ihn radikalisierte. Dieses dschihadistische Weltbild prägt H. bis heute.

Vom Flüchtling zum IS-Anhänger

Doch wie genau wurde dieser Mann erst zum IS-Sympathisanten und später zum Mörder? Im Herbst 2015 wird Abdullah H. von seinen Eltern nach Deutschland geschickt. Die Familie ist nicht streng religiös, sie gehören zu den Sunniten. Gemeinsam mit einem Cousin reist er von Syrien über die Türkei und die Balkanroute nach Deutschland.

Abdullah H. landet in einer Unterkunft für minderjährige Geflüchtete in Sachsen – erst in Rodewisch, später kommt er nach Zwickau. Bei seiner Ankunft in Deutschland sei Abdullah H. ein ganz normaler Jugendlicher gewesen, erklärt der mit ihm eingereiste Cousin im Herbst 2020 gegenüber MDR exakt. Er habe geraucht, getrunken und eine deutsche Freundin gehabt. Als Zeuge vor Gericht bestreitet sein Cousin, dass er die Radikalisierung Abdullah H.s bemerkt habe, die schließlich zur homophoben Tat geführt hat.

Als Abdullah H. nach Deutschland eingereist ist, sei es nicht sein Ziel gewesen, einen islamistischen Anschlag zu begehen. Das habe der Angeklagte im Gespräch mit Gutachter Leygraf erklärt. Erst in Deutschland habe der junge Mann zum Islam gefunden und religiöse Pflichten wahrgenommen, so Leygraf. Nach seiner Ankunft in Deutschland begann der damals Minderjährige Gebetszeiten einzuhalten und zu fasten. Die Zuwendung zum Radikalen, so beurteilt es der Gutachter, begann in seiner ersten eigenen Wohnung in Dresden.

Allein in den eigenen vier Wänden

2017 zog Abdullah H. in eine eigene Wohnung in Dresden. Allein in den eigenen vier Wänden zog er sich in eine radikal-islamistische Echokammer des Internet zurück. Er sei süchtig nach dschihadistischen Inhalten gewesen, sagt Leygraf. Für Abdullah H. sei das nichts anderes gewesen, als süchtig nach dem Glauben zu sein – und damit war es in seiner Welt eine positive Sache.

Für den 17-Jährigen wurde die Nacht zum Tag und die Sucht nach dem Smartphone immer größer, so der Gutachter. Stundenlang hörte Abdullah H. sich dschihadistische Gesänge an, suchte nach Fatwas (Rechtsgutachten islamischer Gelehrter) und schaute Propagandavideos des radikalen Predigers Khaled Al-Rashed.

Den ersten direkten Kontakt zu Islamisten suchte sich Abdullah H. laut Leygraf über YouTube. In den Kommentaren eines Kanals habe er eine Person kennengelernt, die er fragte, wie man zum IS kommen könnte. Er soll eine Handynummer erhalten haben und sei so in einer radikalen Chatgruppe gelandet.

Religiöse Bezugsperson durch Chatgruppe

In solch einer Chatgruppe traf der junge Mann seine spätere religiöse Bezugsperson: Fatima A. – Sie lebte ebenfalls seit ihrer Flucht in Sachsen und wurde im Dezember 2019 vom Oberlandesgericht Dresden wegen Werbens um Mitglieder des IS zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten verurteilt. Aus der Urteilsbegründung, die MDR exakt vorliegt, geht hervor, dass Fatima A. den späteren Täter Abdullah H. im Juli 2017 über einen Messengerdienst kontaktierte und ihn bestärkte sich dem IS anzuschließen. Sie sandte ihm Nachrichten, Texte und Audiodateien, um ihn zu einer "mitgliedschaftlichen Beteiligung am oder Unterstützungshandlungen für den 'Islamischen Staat' zu bewegen", heißt es im Urteil.

In den Tagen und Wochen nach der ersten Kontaktaufnahme schickte Fatima A. Abdullah H. immer wieder religiöse Texte, Aufrufe zum Dschihad und sogenannte Nashids. Diese werden in der salafistischen Islamistenszene als Propagandalieder für den gewaltsamen Kampf gegen die sogenannten Ungläubigen verbreitet.

Aus dem Urteil wird klar: Fatima A. bestärkte den jungen Mann aus Syrien eindeutig in seiner Idee, eine Gewalttat zu begehen. Die Syrerin wurde für Abdullah H., der selbst nur wenig über den Islam weiß, zur Vertrauens- und Bezugsperson. Im Laufe des Prozesses vor dem Oberlandesgericht wird sogar gemutmaßt, dass der damals 17-Jährige darüber nachgedacht habe, die viel ältere Frau zu heiraten.

Deradikalisierung scheitert

Damals – 2017 – begann Abdullah H. auf seiner Facebook-Seite erstmals dschihadistische Inhalte zu posten. In Chats fantasierte der Jugendliche darüber, nach Syrien auszureisen und sich dem IS anzuschließen. Außerdem schrieb er dort, dass er darüber nachdenke einen islamistischen Anschlag in Deutschland zu begehen. Mehrfach fragte er in den Chatgruppen nach Bauanleitungen zur Herstellung eines Sprengstoffgürtels.

Nur kurze Zeit später wurde Abdullah H. als islamistischer Gefährder eingestuft. Er wurde wegen der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung und anderer Delikte zu fast drei Jahren Haft verurteilt. In der Jugendvollzugsanstalt Regis-Breitingen versuchte man Abdullah H. zu deradikalisieren.

Er nahm an einem kunsttherapeutischen Projekt teil, eine Anstaltspsychologin sprach einmal die Woche mit dem Gefährder und eine Islamwissenschaftlerin des LKA Sachsen führte Gespräche mit dem jungen Mann. Auch das Violence Prevention Network – ein Netzwerk, das auf den Ausstieg für Extremisten spezialisiert ist – besuchte den späteren Täter zehnmal in der Haft. Das LKA arrangiert sogar ein Treffen zwischen Fatima A. und Abdullah H. im Gefängnis. Später wird klar: Auch mit diesem Versuch scheiterten die Behörden.

Im Prozess beschreiben alle Zeugen, die mit Abdullah H.s Deradikalisierung beschäftigt waren, den Syrer als freundlich und zurückhaltend. Die LKA-Mitarbeiterin sagt: Er hat immer gleich gelächelt. Niemand sei wirklich an ihn herangekommen.

Die Kunsttherapeutin der Jugendvollzugsanstalt Regis-Breitingen beschreibt eine Situation aus einer Fotografiestunde, in der sich die Gefangenen durch das Anfertigen von Selbstporträts mit ihrer Persönlichkeit auseinandersetzen sollten: "Er wollte sich als böse darstellen, hat es aber nicht geschafft. Er war mit seinem Ergebnis nicht zufrieden." Dann habe Abdullah H. zu ihr gesagt: "Ich kann mich nicht böse darstellen, ich bin nicht böse."

Doch während der junge Mann gegenüber den Mitarbeitern der Anstalt offenbar freundlich auftrat, versuchte er in der JVA andere Mitgefangene für seine radikalen Gedanken zu vereinnahmen. Einem Mitgefangenen erzählte er, er wolle Dschihad machen, wenn er aus dem Knast komme. Und er habe versucht, Häftlinge für den IS zu rekrutieren, erzählt ein ehemaliger Mitgefangener vor Gericht.

Einziger Weg der Märtyrertod

Während seiner Haft habe Abdullah H. der Anstaltspsychologin gesagt, dass es der einzig richtige Weg sei, als Märtyrer zu sterben. Diese radikalen Gedanken thematisierte die Psychologin auch in einer Sitzung des Polizeilichen Terrorismus- und Extremismus-Abwehrzentrums des LKA Sachsen im Juli 2020. Dort kamen die anwesenden JVA-Beamten, LKA-Mitarbeiter und die Anstaltspsychologin zu dem Schluss, dass H. weiterhin als gefährlich gilt, als Gefährder eingestuft wird und nach seiner Haftentlassung weiterhin beobachtet werden muss.

Offenbar fassten die Mitarbeiter des LKA in diesem Zeitraum auch den Beschluss, einen neuen Versuch zu unternehmen, in Abdullah H.s geschlossene Gedankenwelt vorzudringen. Im August 2020 wurde ein Treffen zwischen der früheren Anwerberin Fatima A. und dem Syrer arrangiert. Das LKA Sachsen teilt MDR exakt auf Anfrage mit, dass Fatima A. als resozialisiert gilt. Das bestätigt auch der Anwalt der ehemaligen Dschihadistin.

Doch Fatima A. ist nun verheiratet. Sie trägt bei dem Treffen in der JVA keine Vollverschleierung mehr und erzählt H., dass sie mittlerweile mit einem Konvertiten verheiratet ist. Diese religiöse Instanz war für Abdullah H. nun keine richtige Muslima mehr und galt in seinen Augen als Ungläubige. Sie konnte ihm offenbar keinen Weg aufzeigen, nach der Haft ein normales Leben zu beginnen. Auch dieser Versuch scheiterte – mit fatalen Folgen.

Ende September wurde Abdullah H. aus der Haft entlassen. Er stand unter strenger Beobachtung der Behörden. Dreimal pro Woche musste er sich bei der Polizei melden und an Treffen mit dem Violence Prevention Center teilnehmen. Dennoch kaufte er sich in dieser Zeit mehrere Küchenmesser. Er fasste den Entschluss zu morden. Am fünften Tag nach seiner Haftentlassung fuhr er mit der Straßenbahn in die Dresdner Altstadt, um nach Opfern zu suchen. In der Nähe der Dresdner Frauenkirche stach er schließlich zu.

Quelle: MDR exakt

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 28. Oktober 2020 | 20:15 Uhr

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