Aufklärung Sexualpädagoge: Pornografie-Kompetenz von Jugendlichen fördern

Pornofilme boomen im Netz. Etwa 70 Prozent der Jugendlichen unter 18 Jahren haben bereits Kontakt mit Pornographie gehabt – obwohl die Verbreitung pornografischer Darstellungen für unter 18-Jährige eigentlich verboten ist. Warum wir anfangen müssen, über dieses Tabu zu sprechen, erklärt der Dresdner Sexualpädagoge Danilo Ziemen im Interview mit MDR SACHSEN.

Ein Mann hält ein Smartphone, auf dem ein erotisches Foto einer Frau zu sehen ist.
Ein Smartphone mit Internetverbindung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche mit Pornos in Kontakt kommen. Bildrechte: dpa

Herr Ziemen, schauen wirklich immer mehr Kinder und Jugendliche Pornos?

Ja, Jugendliche schauen Pornos ab einem Alter von etwa zwölf bis 13 Jahren. Der Zugang erfolgt mit einem Smartphone und einem Internetzugang. Je früher dieser bereitgestellt wird, desto eher kann der Kontakt mit pornografischem Material erfolgen.

Danilo Ziemen, Institut für Sexualpädagogik (ISP)
Bildrechte: Danilo Ziemen

Noch nie war es so leicht, pornografisches Material zu konsumieren.

Danilo Ziemen Institut für Sexualpädagogik (ISP)

Ein Smartphone mit Internet führt also für Jugendliche unweigerlich zu Pornos?

Das muss nicht zwingend sein, doch die Wahrscheinlichkeit steigt. Das muss nicht bewusst passieren. Viele Kinder und Jugendliche werden durch Zufall auf pornographisches Material gestoßen, zum Beispiel in Klassenchats oder in WhatsApp-Gruppen. Wir können es nicht verhindern, Jugendliche schauen sich dieses Material an - auf alle Fälle. Die Frage für uns ist nur: Wie begleiten wir sie dabei? Wie helfen wir ihnen, die Dinge einzuordnen? Wie beantworten wir ihre Fragen? Diese Aufgabe liegt bei Schulen, Bildungsträgern, Beratungsstellen und Eltern. Die Medienpsychologin Nicola Döring spricht hier von Pornographie-Kompetenz.

Wir müssen unseren Kindern Pornografie-Kompetenz als spezifische Medienkompetenz vermitteln.

Danilo Ziemen Institut für Sexualpädagogik (ISP)

Pornographie-Kompetenz, wie kann man das verstehen?

Es geht darum, den Jugendlichen die Kompetenz im Umgang mit Pornos zu vermitteln. Was schauen sie sich an, in welchem Kontext sind die Sex-Aufnahmen entstanden. In den empirischen Untersuchungen wird deutlich, dass die Jugendlichen schon zwischen Fiktion und Realität unterscheiden können. Man sollte hier weder verharmlosen noch dramatisieren. Am Ende geht es darum, die Jugendlichen zu befähigen, ihren Pornokonsum selbst zu gestalten. Wir sind nicht nur passive Konsumierende, sondern auch aktive Nutzende von Medieninhalten. Dazu gehört natürlich auch, dass die Menschen, die mit Jugendlichen arbeiten, wissen, worüber man spricht. Nur so kommt man mit den Jugendlichen gut zum Thema in Kontakt.

Rine Lupe vergrößert den Namen der Webseite «Pornhub».
Danilo Ziemen: "Jugendliche befähigen, Pornokonsum selbst zu gestalten." Bildrechte: imago/Schöning

Bei Porno-Konsumenten denken viele an Männer und Jungs. Ist Pornographie auch ein Thema für Mädchen?

Die Studienlage sagt, dass Jungs häufiger konsumieren. Ich habe hier persönlich noch Fragezeichen. Es gibt eine andere Studie, in der Mädchen erzählt haben, dass sie auch öfter Pornos schauen. Allerdings wurde hier erst eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Befragten und Interviewenden aufgebaut. Auch meine eigene Erhebung zeigt: Mädchen und Jungen haben den gleichen Konsum. Wir sollten nicht nur auf die Jungs schauen, sondern immer auch die Mädchen im Blick behalten.

Was wirken die Pornos auf Kindern und Jugendliche?

Es ist hochgradig individuell, wie Menschen so etwas verarbeiten. Laut verschiedener Studien bewegt sich die Wirkung zwischen Verstörung, Ekel aber auch Faszination. Aufklärung hat im Alter von zwölf Jahren meist schon stattgefunden. Das sagt aber nichts darüber aus, wie Jugendliche mit Pornographie umgehen. Meist suchen sie sich bewusst Pornos heraus, die ihren sexuell bewussten und unbewussten Vorstellungen entsprechen. Die psychosexuelle Entwicklung hat in diesem Alter längst begonnen, sie startet eigentlich mit unserer Geburt und endet am Totenbett. Wie wachsen wir auf? Wie gehen wir mit Berührungen um? Wie viel Nähe mögen wir? Diese Lernerfahrungen prägen die Bewertungen der Jugendlichen und auch deren mentale Verarbeitung der Pornos. Hauptmotive für den Porno-Konsum von Jugendlichen sind Selbstbefriedigung, Langeweile und Neugierde.

Wirkt sich der starke Pornokonsum auf das Intimleben aus?

Das wissen wir noch nicht. Dazu brauchen wir Langzeitstudien, das Phänomen ist aber noch nicht alt genug. Doch wir haben Vermutungen.

Wenn wir von dem Hetero-Mainstream-Porno ausgehen, beeinflusst das sicherlich das Körperbild der Jugendlichen und produziert Leistungsdruck sowie die Vorstellungen, wie Sex abzulaufen hat.

Danilo Ziemen Institut für Sexualpädagogik (ISP)

Pornos prägen also die Vorstellungen vom Sex?

Wie gesagt, es gibt keine Langzeitstudien, wir können bislang nur vermuten. In Pornos gibt es beispielsweise etwa sieben Stellungswechsel pro Akt, im realen Leben wird das bei Weitem nicht so praktiziert. Hier wechseln die Paare zwischen zwei und drei Positionen. Natürlich denken viele: Oh Gott, muss ich wirklich diese Performance liefern? Oder auch anders – jetzt salopp formuliert: Muss ich wirklich stöhnen wie verrückt und 50 Minuten einen Ständer haben? Das ist ja medizinisch fast unmöglich. Wir müssen aus diesem Leistungsgedanken heraus. Deswegen ist es wichtig, darüber mit Jugendlichen zu sprechen und sie ernst zu nehmen – ganz unaufgeregt.

Die neue Generation ist mit bewegten Sexbildern konfrontiert, bevor sie selbst Sex hatte.

Danilo Ziemen Institut für Sozialpädagogik

Muss das wirklich sein? Was müssen wir tun?

Auf keinen Fall gemeinsam Pornos schauen. Pornos sind für unter 18-Jährige ganz klar verboten. Wir dürfen nicht vergessen, dabei handelt es sich um Filme von Erwachsenen für Erwachsene. Von Software-Filtern halte ich wenig. Vor allem müssen wir den Jugendlichen die Kompetenz vermitteln, zu entscheiden: Was will ich sehen und was nicht und wie viel tut mir gut. Das ist in erster Linie die Aufgabe klassischer sexualpädagogischer Arbeit mit anonymen Fragen und auch Aufstellungsarbeit. Die Frage sollte immer sein: Was ist förderlich für die Entwicklung der Jugendlichen? Darüber gilt es mit den Heranwachsenden ins Arbeiten und ins Gespräch zu kommen.

Wie sollen sich Eltern verhalten?

Jugendliche reden über intime Dinge nicht unbedingt mit ihren Eltern. Tun sie es doch, ist dies ein großer Vertrauensbeweis. Eltern sollten in einem solchen Fall unbedingt zuhören und auf das Gespräch eingehen. Wovon ich jedoch dringend abrate ist, dass Eltern selbst über ihren Pornokonsum reden. Die Generationengrenze sollte unbedingt akzeptiert werden.

Die meisten Pornos sind für Männer gedreht. Welche Rolle spielt Frauenverachtung?

Jede Gesellschaft bekommt die Pornos, die sie verdient. Die Pornos sind ja keine Utopie, sondern ein Abbild der Gesellschaft und hier sehen wir, dass patriarchale Strukturen längst nicht der Vergangenheit angehören. Auf der anderen Seite setzt die unterwürfige Rolle der Frau – so habe ich es in vielen Gesprächen mit Jungs erfahren – auch enorm unter Druck. Diese Männer- und Frauenbilder müssen unbedingt besprochen werden.

Es kursierte einmal die These, dass Ostdeutsche eine freiere Sexualität haben, weil in der DDR weniger Pornos verfügbar waren. Unterschreiben Sie das?

Das ist wieder so eine Monokausalität, davon halte ich nichts. Es gibt immer viele Gründe. Aber ja, es gab Studien, dass Frauen in der DDR häufiger zum Orgasmus gekommen sind. Dies wurde aber eher darauf zurückgeführt, dass Frauen mehr Sicherheit im Job hatten, die Kinderbetreuung abgesichert war und sie sich deswegen stärker auf die Paarbeziehung und die Lust konzentrieren konnten. Es gab wirklich wenig Pornos. Dafür wurden selbst Sexvideos gedreht, die in der Nachbarschaft hin- und hergetauscht wurden. Es gibt immer sehr viele Gründe, niemals nur einen.

Danilo Ziemen

Damilo Ziemen ist Sexualpädagoge und arbeitet als Jugendberater beim Kulturbüro Dresden sowie als Dozent am Institut für Sozialpädagogik. Dort bildet er Interessierte zu Sexualpädagoge*innen aus. Seine Seminare sind derzeit ein halbes Jahr vorher ausgebucht. Ziemens Schwerpunkte sind Jugendsexualität, Digitale Medien und Sexualität sowie Kindliche Sexualität. Ziemen hat neben anderen auch auf der Fachtagung "Voll Porno, Alter" im Dresdner Hygienemuseum gesprochen. "Der Kongress war in kurzer Zeit ausgebucht. Das Thema wird gerade von vielen Fachkräften in der Jugendarbeit als sehr relevant empfunden", erklärt Ziemen.

Das ist die Gesetzeslage

Die Verbreitung pornografischer Inhalte für Jugendliche unter 18 Jahren ist nach §184 Strafgesetzbuch verboten. Da Pornohefte nicht mehr im Laden verkauft werden, sondern pornografische Darstellungen im Netz frei verfügbar kursieren, können viele Jugendliche problemlos auf sie zugreifen.

Quelle: MDR/kt

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