Corona und Energiekrise Wie ein Landwirt um seinen Betrieb und seine Kühe kämpft
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24. Februar 2023, 05:00 Uhr
Als die Milchpreise stiegen, atmeten viele Landwirte kurz auf. Dann stiegen die Kosten für Diesel, Strom oder Futter – und inzwischen ist auch der Milchpreis wieder im Keller. Ein Bauer aus Freital versucht seinen Familienbetrieb trotz aller Schwierigkeiten vor der Pleite zu retten. Doch die Krisenjahre machen es immer schwerer.
Mit einem breiten Besen kehrt Marc Bernhardt über den Betonboden die Reste des Futters in die Stallmitte. Links und rechts schlabbern die Kühe mit der Zunge noch etwas Heu ins Maul. Das Futter baut der Landwirt aus Freital selbst an. Doch allein für den Dünger zahlt der Bauer jetzt dreimal so viel wie ursprünglich kalkuliert. So fragt sich Marc Bernhardt, ob der Familienbetrieb mit seiner Generation, der siebten, noch eine Zukunft hat – und wenn ja, welche.
Dabei ist die Firma mit ihrer mehr als 100-jährigen Tradition durchaus krisenerprobt. Doch eine Kostenexplosion, wie die aktuelle, hat sie so noch nicht erlebt – schon gar nicht in so vielen Bereichen auf einmal: Diesel, Strom, Gas und eben Dünger. "Du konntest nicht mal das ordern, was du an Menge brauchtest. Du musstest das nehmen, was du überhaupt noch bekommen hast", sagt Marc Bernhardt. Neben Dünger sei auch Diesel teilweise wochenlang gar nicht verfügbar gewesen. So wuchsen die Unsicherheiten. "Die ganzen Kosten, die da oben draufkommen – kannste locker sagen – sind um 40 bis 50 Prozent gestiegen. Und das ist schon ´ne Hausnummer."
Du konntest nicht mal das ordern, was du an Menge brauchtest. Du musstest das nehmen, was du überhaupt noch bekommen hast.
Dabei könnte man annehmen, Marc Bernhardt gehöre zu den sogenannten Krisen-Gewinnern. Denn nie zuvor hat der 36-jährige für seine Milch so viel bekommen wie im vergangenen Jahr. "Global wurden die (Milch-)Märkte leergekauft. Einfach, weil jeder irgendwie Angst und Panik hatte", erklärt er. Für die Landwirte sei die Verdopplung der Preise positiv gewesen. "Aber eben auch eine Verdopplung aus einem extrem niedrigen unverdeckten Niveau in ein relativ sicheres, hohes Niveau hinein."
Landwirt aus Sachsen: Höhere Kosten für Diesel und Dünger
Mit einem großen grünen Traktor fährt Marc Bernhardt in den Kuhstall und bringt frisches Futter für die insgesamt 110 schwarz-weiß gefleckten und braunen Tiere. Ein paar Hühner rennen dabei zur Seite. Die guten Milchpreise würden die Mehrkosten für Diesel und Dünger kaum aufwiegen, meint Marc Bernhardt. "Sehe ich aber den Sprung, den wir in der Milcherzeugung vom Preis her hatten, und sehe ich den Sprung im Laden, steht das schon ganz weit auseinander." Der Bauer findet: Der Profit bliebe am Ende bei den großen Konzernen und nicht bei den Landwirten hängen.
"Wir haben dazu Untersuchungen gemacht. Da kommt dann tatsächlich raus, dass gerade im Handel die Gewinne in der Tat gestiegen sind", sagt Professor Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut Dresden. "Das heißt: Die Preise sind stärker gestiegen, als es durch Kostensteigerungen gerechtfertigt gewesen wäre." Doch auf den Märkten bestehe keine echte Transparenz, so dass unklar sei, wie die Preise genau zustande kämen – und ob auf die Mehrkosten auch noch extra Gewinne draufgeschlagen würden. "Das heißt: Der Verbraucher ist gekniffen. Er kann entweder den Preis zahlen, der da gefordert wird oder gar nicht kaufen."
Mehr Tierwohl, mehr Umweltschutz, mehr Bürokratie
Familie Bernhardt bewirtschaftet 110 Hektar Fläche und baut dort auch das Futter für die Kühe an. In der DDR wurde der Hof der Familie enteignet. Vor 30 Jahren hat Gottfried Bernhardt, der Vater von Marc, mit nur sechs Kühen neu angefangen. Der Hof ist heute der letzte Milchbetrieb in Freital – von ehemals zwölf. Alle anderen haben aufgegeben. "Mit Tradition alleine kann man nicht bestehen. Das ist im Fußball genauso. Das muss man letztendlich jeden Tag neu erkennen", sagt Gottfried Bernhardt. Doch für die Jugend sei es aktuell schon deutlich schwieriger geworden.
Die Anforderungen an die Landwirte sind in den letzten Jahren gestiegen: Mehr Tierwohl, mehr Umweltschutz, mehr Bürokratie. Hinzu kämen die schwierigen Rahmenbedingungen: "Die ganzen Krisen, die von außen auf uns reinprasseln, können wir eh nicht beeinflussen", sagt Gottfried Bernhardt. "Wir können unsere tägliche Arbeit so weitermachen wie bisher und die Politik oder letztendlich die Leute, die den Alltag gestalten mit Rahmenbedingungen, sind eben mitunter weit weg von der Praxis und das ist das Hauptproblem an der ganzen Geschichte."
Pleite während der Krisenjahre
Die Politik hat in den Corona-Jahren dennoch versucht, die Pandemie-Folgen für Gewerbetreibende abzufangen oder zumindest zu mildern. Das könnte ein Grund dafür sein, dass die von Experten vorausgesagte Pleitewelle 2022 ausgeblieben ist. So haben im vergangenen Jahr 89.500 größere Betriebe und 165.100 Kleinunternehmen ihr Geschäft abgemeldet, wie das Statistische Bundesamt ausgewertet hat. Das war zwar ein leichter Anstieg im Vergleich zu 2021 (Große Betriebe: 87.200 und Kleinunternehmen: 152.100), doch ein Rückgang im Vergleich zu 2019.
Vor der Corona-Pandemie, der Energiekrise und steigender Inflation hatte es deutlich mehr Schließungen von Unternehmen gegeben: Große Betriebe: 99.400, Kleinunternehmen: 203.300. Allerdings wurden im Jahr 2022 auch deutlich weniger Unternehmen als vor der Krise gegründet.
"Wir haben Schließungen auf der einen Seite. Wir haben zwar auch Neugründungen. Doch wie viele von diesen Neugründungen übrig bleiben, weiß man nicht", sagt Wirtschaftswissenschaftler Joachim Ragnitz. "Meine Erwartung ist eigentlich, dass wir mittelfristig dann schon als Folge dieser ganzen Krisen damit rechnen müssen, dass halt insgesamt weniger Unternehmen da sind." Das bedeute, es gebe viele Bereiche, die stark einbrechen und auch ganz vom Markt verschwinden würden. "Und das können sie auch staatlicherseits kaum abfedern."
Geld verdienen mit grüner Energie?
Marc Bernhardt hat einige Sorgen, doch eine hat ich ihn zuletzt gar nicht mehr losgelassen: Die Kühe werden automatisch gebürstet und gemolken. Bei einem Blackout in Deutschland würde der gesamte Betrieb stillstehen. "Spätestens nach sechs sieben Stunden würde man das hören", sagt der Junior-Chef. Die Tiere würden unruhig. "Weil sie den Druck im Euter spüren und darüber entstehen Krankheiten und Entzündungen und und und…"
Auch aus Angst, die Energieversorgung könnte ohne russisches Gas zusammenbrechen, hatte sich Marc Bernhardt für eine eigene Lösung entschieden: Er möchte auf dem Dach des Hauses eine Photovoltaik-Anlage installieren. Mit einer Anlage mit 200 Kilowatt (KW) würden die Bernhardts nicht nur ihren eigenen Hof versorgen, sondern dazu auch Strom ins Netz einspeisen und so mit grüner Energie Geld verdienen.
Da schluckste schon das erste Mal und stellst fest: Der Energieversorger hat offenbar gar kein Interesse, dir deinen grünen Strom abzunehmen.
Doch der Plan ging nicht auf. "Ich muss den Strom ins Netz einspeisen und da besteht schon die erste Hürde", berichtet Marc Bernhardt. Der Energieversorger habe mitgeteilt, dass das Netz nicht für 200 KW ausgelegt sei. "Da schluckste schon das erste Mal und stellst fest, der Energieversorger hat offenbar gar kein Interesse, dir deinen grünen Strom abzunehmen." So sei es wirtschaftlich für den Familienbetrieb nicht sinnvoll.
"Also installieren wir nun 30 KW", sagt der Landwirt. Das falle genau unter die gesetzlichen Anforderungen und die Leitung halte es aus. "Aber ist halt wesentlich unter dem, was gehen würde." Mit diesen 30 KW wird Marc Bernhardt gerade einmal 20 Prozent seines Energiebedarfs decken können.
Bauer über Hof und Kühe: "Es hängt dein Herz dran"
Doch trotz aller Widrigkeiten: Marc Bernhardt will nicht aufgeben. Gemeinsam mit anderen Landwirten aus der Region sucht er nach Lösungen. Sie wollen abseits der eingefahrenen Strukturen Ideen entwickeln, wie Landwirtschaft Zukunft haben kann. Denn inzwischen ist zwar der Anstieg der Inflation gestoppt, doch der Milchpreis ist wieder eingebrochen.
Auch wenn es wirtschaftlich knapp werde: "Das wirfst du jetzt nicht einfach mal weg. Gerade hier mit Tieren", sagt Marc Bernhardt, während er in der Mitte des Stalls sitzt. "Ja, es hängt dein Herz dran. Und wer schenkt sein Herz einfach mal so her und sagt hier: Tschüss, liebe Kühe. Das war´s. Ich baue hier einen Indoor-Freizeitpark rein?"
Quelle: mpö
Dieses Thema im Programm: Das Erste | ARD Story: Krisenland | 24. Februar 2023 | 22:20 Uhr