Unterricht trotz Corona Altenberger Schulleiter hält Wechselmodelle für nicht praktikabel

Glück-Auf-Gymnasium Altenberg - Direktor, Klassenzimmer, Hausflur
Unterricht im Glcük-aif-Gymnasium Altenberg. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sachsens Schulen versuchen trotz der Corona-Krise den Unterricht aufrechtzuerhalten. Ein oft diskutiertes Wechselsystem, bei dem die Hälfte der Schüler Präsenzunterricht hat und die anderen Schüler daheim Fernunterricht erhalten oder nachmittags in die Schule kommen, kommt nicht bei allen Schulen gut an.

Der Schulleiter des Glück-auf-Gymnasiums in Altenberg im Osterzgebirge, Volker Hegewald, sagte MDR SACHSEN, im ländlichen Raum sei ein solches Modell, bei dem die Klassen getrennt und abwechselnd vor- und nachmittags unterrichtet werden, schon wegen des öffentlichen Personennahverkehrs nicht umsetzbar. So werden abgelegene Dörfer abends gar nicht mehr von Schulbussen angefahren.

Glück-Auf-Gymnasium Altenberg - Direktor, Klassenzimmer, Hausflur
Schulleiter Volker Hegewald verbringt den Großteil seines Tages damit, Coronamaßnahmen zu managen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wir sind hier in einer Schule im ländlichen Raum. Nachmittagsunterricht würde de facto, wenn ich unseren öffentlichen Personennahverkehr betrachte und die Orte, aus denen unsere Kinder kommen, nicht funktionieren.

Volker Hegewald Schulleiter Glück-auf-Gymnasium Altenberg

Schule übernimmt Aufgaben des Gesundheitsamtes

Schulleiter Hegewald beklagt, dass er die Hälfte seiner Arbeit aktuell dafür verwende, Aufgaben des Gesundheitsamtes zu übernehmen. Dazu gehörten beispielsweise das Führen von Kontaktlisten oder die Ermittlung von Kontaktpersonen. Auch in seinem Gymnasium sind aktuell zwei Klassen und fünf Lehrer in Quarantäne - so muss er Löcher in Dienstplänen stopfen, um Unterrichtsausfall zu minimieren.

Dem sächsischen Kultusministerium scheint die Lage an den Schulen durchaus bewusst zu sein. Kultusminister Christian Piwarz hält ebenfalls nichts vom Teilen der Klassen. Die Lehrer müssten sich bei Wechselmodellen zugleich um Präsenzunterricht und um Homeschooling kümmern. Das würde erheblichen Mehraufwand für die Lehrkräfte bedeuten, sagte der CDU-Politiker. "Ich habe die Lehrer nur einmal zur Verfügung. Ich bräuchte quasi doppelt so viele Lehrer. Für die Lehrer bedeutet Wechselmodell deutlich mehr Mehraufwand."

Gewerkschaft will Lehrplan ausdünnen

Aus einer aktuellen Umfrage* der GEW Sachsen geht derweil hervor, dass 86 Prozent der Lehrer kleinere Lerngruppen befürworten. Mehr als zwei Drittel gaben der Gewerkschaft zufolge an, sich für gestaffelten Unterricht einzusetzen. Die kompletten Umfrageergebnisse sollen nächste Woche veröffentlicht werden.

Uschi Kruse von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) glaubt unterdessen nicht daran, dass der gesamte Lehrstoff angesichts von coronabedingten Unterrichtsausfällen zu schaffen sei. Es werde Zeit, in Sachsen darüber zu sprechen, auf welche Inhalte verzichtet werde und wie daraufhin die Prüfungen angepasst werden, fordert sie.

Mehr als 9.000 Schüler waren nach Recherchen von MDR SACHSEN im Freistaat Ende vergangener Woche in Quarantäne.

*Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Artikel nach Veröffentlichung um die ersten Ergebnisse dieser Studie ergänzt - am 28. November um 19:09 Uhr.

Quelle: MDR/lam

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 23.11.2020 | 19:00 Uhr

18 Kommentare

Anita L. vor 24 Wochen

"Die Kids hätten ganz sicher keine Probleme damit. Und so viel Geld wie befürchtet kostet das auch nicht, die meisten Kinder haben sowieso die nötigen Geräte zu Hause, und für den Rest könnte man sie günstig anschaffen."

Sie wären erstaunt, wie viele Schüler das betrifft. Mal abgesehen von der Tatsache, dass vielleicht viele Kinder über ein digitales Endgerät verfügen, es deswegen aber noch lange nicht im Sinne des gezielten Wissenserwerbs bedienen können.

Man kann nicht von heute auf morgen, auch nicht in wenigen Monaten, auf Fernunterricht umstellen, das bedarf eines langsamen Übergangs.

Zum Schluss kommt noch hinzu, dass nicht jeder Schüler mit Home Schooling und Selbstorganisation zurecht kommt.

Die Idee ist toll und zukunftsweisend. Als allgemeingültige Lösung im aktuellen Fall ist sie nicht geeignet.

NochJemand vor 24 Wochen

Wie kann man so naiv sein anzunehmen, dass das Virus vor dem Schultor Halt macht. Man sieht doch, dass das nicht der Fall ist.
Für Lösungen wie Fernunterricht fehlt aber wohl das technische Verständnis bei den Entscheidern. Die Kids hätten ganz sicher keine Probleme damit. Und so viel Geld wie befürchtet kostet das auch nicht, die meisten Kinder haben sowieso die nötigen Geräte zu Hause, und für den Rest könnte man sie günstig anschaffen.
Wenn dann noch mit dem kaputtgesparten ÖPNV argumentiert wird, weil in der Fläche am Nachmittag kein Bus mehr fährt, dann zweifle ich echt am Verstand dieser Leute. Meine Güte, dann müsst Ihr da halt wieder hinfahren! Es stehen genug Reisebusse rum, deren Fahrer wären froh um einen Job .
Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Wo der Wille nur halbherzig da ist, passiert nichts. Gut für das Coronavirus.

Anita L. vor 24 Wochen

Ich möchte diese Einschätzung nicht als "Fake News" einstufen. Auch unser Kollegium sieht den Wechselunterricht kritisch. Einerseits wegen der Doppelbelastung der Lehrer, denn sowohl Präsenz- als auch digitaler Unterricht will geplant und nachbereitet werden, was parallel laufend kaum zu stemmen ist. Hinzu kommt, dass viele unserer Kollegen mit digitalem Material und Technik nicht vertraut sind. Aber nicht nur die Lehrer, auch Schüler waren und sind nicht oder unzureichend auf digitale Wissensvermittlung eingestellt.
Des Weiteren mussten wir feststellen, dass ein nicht geringer Teil unserer Schüler mit dem selbstorganisierten Lernen von zuhause aus hoffnungslos überfordert sind. Wir hatten im Frühjahr so schwer damit zu kämpfen, diese Schüler nicht zu verlieren, dass unsere Schulleiterin die elften Klassen bereits eine Woche vor dem offiziellen Termin wieder in die Schule holte.
Ich finde die Forderung der GEW NRW korrekt, den Schulen Freiraum für individuelle Lösungen zu finden.

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