Gedenkkultur Erstmals Stolperstein in Heidenau verlegt

Stolpersteine, die an die Menschen erinnern, die von den Nazis verschleppt und ermordet wurden, gibt es bereits in 1.200 deutschen Städten. Die Idee dazu stammt vom Künstler Gunter Demnig, der seit 1996 Stolpersteine in Deutschland und anderen europäischen Staaten verlegt. Mittlerweile sind es mehr als 75.000 in den Boden eingelassene Gedenktafeln. In Heidenau ist ein weiterer Stolperstein hinzugekommen. Mit ihm wird dem ersten Bürgermeister der Stadt, Paul Gröger, gedacht, der 1933 umkam.

Stolpersteinverlegung Heidenau
An der Verlegung des Stolpersteins für den von den Nazis misshandelten SPD-Bürgermeister nahm auch Sachsens SPD_Vorsitzender Martin Dulig teil (r.). Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Heidenau ist am Dienstag erstmals ein Stolperstein verlegt worden. Mit dem Stein wird an Paul Gröger, den ersten Bürgermeister der 1924 gegründeten Stadt erinnert. Gröger war 1933 von den Nazis ins KZ gebracht und dort schwer misshandelt worden. Kurz nach seiner Entlassung wählte er den Freitod. Initiiert hatte die Verlegung des Stolpersteins vor dem Rathaus der Stadt der ehemalige Heidenauer Marco Boltz. Beim Alternativen Kultur- und Bildungszentrum (Akubiz) Pirna fand er Verbündete für das Vorhaben. Der nach einem formellen Antrag vor zwei Jahren im Stadtrat gefasste Beschluss wurde am Dienstag umgesetzt.

Auf einer Staffelei ist das schwarz gerahmte Bild von Paul Gröger, einem Mann mit Schnauzbart, zu sehen.
Paul Gröger, der von 1924 bis 1933 Bürgermeister der neu gegründeten Stadt Heidenau war, wählte nach Inhaftierung und schwerer Misshandlung durch die Nazis den Freitod. Bildrechte: AKuBiZ e.V.

Paul Gröger Paul Gröger wurde am 1. Januar 1873 in Naundorf bei Merseburg geboren. In Heidenau arbeitete er als Werkmeister in der Rockstroh-Werke AG. Ab Ende 1919 war er als Abgeordneter des Gemeinderates Vorsitzender der Verschmelzungskommission, die zur Vereinigung der Gemeinden Mügeln, Heidenau und Gommern zur Stadt Heidenau konstituiert worden war. Ab dem 1. April 1924 war er Erster Bürgermeister der Stadt Heidenau.

Während seiner Amtszeit setzte Paul Gröger im Stadtparlament durch, dass außer den kommunalen Verwaltungen auch Einrichtungen zur Bildung, Kultur und Sport geschaffen wurden. In diese Zeit fiel u. a. der Bau des Licht- und Luftbades, dem heutigen "Albert Schwarz"-Bad. Zudem entstanden ein Sportanlagenkomplex und eine Radrennbahn. Die Bildung von Siedlungs-Genossenschaften unterstützte er ebenfalls.
Nach der Reichstagswahl 1933 verweigerte er den Nazis die Gefolgschaft und wurde am 22. April 1933 beurlaubt. Am 19. Juni 1933 brachte man ihn in das Konzentrationslager Hohnstein. Während seiner Gefangenschaft misshandelten ihn die stationierten SA-Leute mehrfach brutal.
Am 12. Juli 1933 wurde Paul Gröger schwer erkrankt aus dem Konzentrationslager Hohnstein entlassen.
Am 27. August 1933 nahm er sich auf Grund der im Konzentrationslager erlittenen Misshandlungen das Leben. Quelle: AKuBiZ e.V. Pirna

Lange Diskussion im Vorfeld des Ratsbeschlusses

Ein Messingstein mit den Lebensdaten von Paul Gröger als Teil einer gepflasterten Fläche.
Der Künstler Gunter Demnig, der seit 25 Jahren Stolpersteine in deutschen und europäischen Städten verlegt, legte auch in Heidenau selbst Hand an. Bildrechte: AKuBiZ e.V.

Dem Ratsbeschluss um das Verlegen des Stolpersteins war eine lange und kontroverse Diskussion vorausgegangen. Bürgermeister Jürgen Opitz (CDU) sagte dem MDR, dass man sich die Entscheidung nicht leicht gemacht habe. "Wir gedenken jedes Jahr am 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus. Dabei stehen ebenfalls ganz konkrete Schicksale von Opfern des NS-Regimes im Mittelpunkt." Bei der Vorbereitung des Gedenktages arbeite eine Gruppe zusammen, in der sich Gläubige, Atheisten und Menschen ganz verschiedener politischer Überzeugungen zusammengefunden hätten, die das gemeinsame Anliegen verbinde. Auch gebe es bereits konkrete Planungen für einen Gedenkstein auf dem Friedhof mit den Namen der Opfer. "Daher wollten und wollen wir ein 'Wettrennen' um die Erinnerungskultur vermeiden", sagte Opitz. Nach langer und intensiver Diskussion mit den Fraktionen des Stadtrates habe man sich für beide Arten des Gedenkens entschieden.

Wir können das eine tun, ohne das andere zu lassen.

Jürgen Opitz Bürgermeister Heidenau
Stolpersteinverlegung Heidenau
In wenigen Tagen jährt sich der Todestag von Paul Gröger. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Heidenau hat bereits einen Stadtratsbeschluss zur Verlegung eines zweiten Stolpersteins gefasst. Er wird an den jüdischen Kaufmann Maximilian Reiner erinnern, der 1943 von den Nazis nach Theresienstadt verschleppt wurde. Gleichzeitig laufen die Planungen für einen zentralen Gedenkstein auf dem Friedhof der Stadt weiter. Er soll nach Möglichkeit bereits 2022 aufgestellt werden.

Quelle: MDR/tfr

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 24. August 2021 | 19:00 Uhr

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