Reportage Guter Tourist, schlechter Tourist? Sächsische Schweiz ringt ums Image

Politikfeindlich und von querdenkendem Gedankengut geprägt - so haben Urlauber ihren Besuch in Bad Schandau in der Sächsischen Schweiz empfunden. Die öffentliche Kritik schlug Wellen. Doch ist die Stimmung wirklich so? Wie sehen Einwohner, Gewerbetreibende und der Bürgermeister die Kritik? MDR SACHSEN hat vor Ort nachgefragt.

Wanderer stehen an einem Aussichtspunkt auf dem Berg Lilienstein und betrachten die Elbe und den Nationalpark Sächsische Schweiz.
Die Sächsische Schweiz - auch ein Kletterparadies - zieht wegen der Schönheit der Landschaft Jahr für Jahr Zehntausende Touristen an. Sie sind die wichtigste Einnahmequelle der Region. Doch wenn sich die Besucher an politischen Einstellungen der Einheimischen, die nicht zu übersehen sind, stören, tut man sich schwer. Mitunter heißt es: Dann sollen sie eben nicht mehr kommen. Bildrechte: dpa

Bad Schandau: Majestätisch, fast stoisch fließt die Elbe durch die Landschaft. Ein Hauch von Urlaub schwingt mit bei der Überfahrt zum anderen Elbufer, kleine Wellen schwappen an den Fähranleger. Für einen kurzen Moment erscheint die Sächsische Schweiz wie ein Paradies, wie die Schablone eines Sehnsuchtsortes.

Die Elbe bei Bad Schandau
Die Fähre bringt Urlauber und Einwohner vom Bahnhof Bad Schandau bis zur Innenstadt. Zehn Minuten dauert die Überfahrt. Ganz genau nimmt man es mit der Maskenpflicht hier nicht. Bildrechte: Katrin Tominski

"Corona-Kritiker? Kennen wir aus unserer Heimat"

Gabriele und Wolfgang flanieren fast allein über das historische Pflaster am Ufer der Elbe. Haben sie von den Vorwürfen über die feindselig empfundene Stimmung einiger Touristen gehört? "Gute oder schlechte Berichterstattung, wir sind hier, um uns selbst ein Bild zu machen", erklärt Gabriele, die als Lehrerin in der Region Aue arbeitet. "Meinen Sie die Rechten und radikalen Corona-Kritiker. Das kennen wir aus unserer Heimat", erklärt ihr Mann Wolfgang. "Bei uns gibt es auch die Aufmärsche. Rechte und Corona-Leugner sind gerade überall." Gabriele schüttelt daraufhin gleich den Kopf. "Sich in diese Diskussion einzumischen, bringt nicht viel, das sehen wir ja im Bekanntenkreis."

Werden Probleme von den Medien hochgespielt?

Gabriele und Wolfgang haben sich kurzfristig für die Sächsische Schweiz entschieden, sie wollten Winterurlaub ohne Schnee, die letzten Winterferien genießen vor der Rente. "Wir kennen die Region", erzählt Gabriele und wird nachdenklich. "Ich habe das Gefühl, dass vieles von den Medien hochgespielt wird. Die ständige Wiederholung macht viel kaputt."

Ihr Mann nickt. Viele seien der Corona-Berichterstattung überdrüssig. "Verstehen Sie mich nicht falsch, wir sind geimpft und geboostert". Gabriele setzt wieder an: Viele Meinungen der Eltern tauchten in Schule wieder auf, alles federe zurück. Gabriele und Wolfgang beschäftigt auch etwas Anderes: "Wir waren erschüttert über den Zustand der Wälder. Im Erzgebirge ist es schon stellenweise schlimm, doch hier waren wir wirklich schockiert."

Menschen an einer Bootsanlegestelle
Gabriele und Wolfgang kommen aus Aue und haben keine schlechten Erfahrungen gemacht. Sie plädieren für Zurückhaltung. Bildrechte: Katrin Tominski

Bürgermeister mit E-Mails überhäuft

Im Rathaus von Bad Schandau sitzt Bürgermeister Thomas Kunack (parteilos) an seinem Schreibtisch. Die Vorwürfe des Touristen hätten riesige Wellen geschlagen, erzählt er am Telefon. Er sei mit E-Mails überhäuft worden, von Urlaubern, Einheimischen, Vertretern der Wirtschaft und vielen mehr. Kunack wirkt leicht mitgenommen, nachdem er tagelang mit dem medialen Aufschrei zu kämpfen hatte. Er startet gleich mit seiner Kritik, die auch weitere Protagonisten teilen werden. "Warum hat sich denn dieser Tourist nicht mit Namen gemeldet, wir wären doch auf ihn zugegangen?". Die Art und Weise, sich anonym zu beschweren, habe immer eine gewisse Ambivalenz. Dann bricht es fast aus ihm heraus, alles, was in den vergangenen Monate passiert ist.

Zeitungsausschnitte an Ladentür
Schaufenster wie diese in Bad Schandau hinterlassen bei einigen Touristen ein mulmiges Gefühl. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Emotional aufgeladener Bürgerdialog auf dem Marktplatz

Nachdem Anfang des Jahres etwa 120 Leute vor der Stadtratssitzung aufgetaucht seien, um ihren Unmut über die Corona-Situation kundzutun, habe er sich entschieden, einen Bürgerdialog anzubieten.

Auf dem Marktplatz stellte er sich den Fragen seiner und aus der Umgebung angereister Bürger. "Für viele war der Aufhänger Corona, doch es offenbarte sich ein ganzer Themen-Blumenstrauß", erklärt Kunack. Die Sorgen reichten von Impfpflicht bis Leerstand. "Es war auch eine Herausforderung für mich, plötzlich 600 emotionalen Menschen gegenüberzustehen." Der Bürgermeister erklärt sich schließlich bereit, die Anliegen zu sammeln und an die entsprechenden Ministerien in Dresden weiterzuleiten. Ein erster Schritt. Inzwischen denkt Kunack über eine Fortsetzung des Bürgerdialoges nach.

Ein Mann mit Mütze steht auf einem Platz und hört zu. Um ihn herum stehen viele Menschen
Bürgermeister Thomas Kunack stellte sich am 25. Januar bei einem Bürgerdialog auf dem Marktplatz den Fragen der Einwohner. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hat die Zivilgesellschaft versagt?

Doch, was ist nun? Hat die Zivilgesellschaft versagt? "Ich bin neutral, als Bürgermeister muss ich für alle da sein", sagt Kunack. "Die Kritik des Touristen ist eine punktuelle Betrachtung, über die man reden muss." Doch grundsätzlich seien alle Gastgeber hier positiv eingestellt, Tourismus sei der einzige Wirtschaftsfaktor. "Wir freuen uns auf eine Saison." Und, die Zivilgesellschaft?

Nein, das kann ich nicht teilen. Die Zivilgesellschaft hat nicht versagt. Wir sind eine weltoffene Stadt.

Thomas Kunack Bürgermeister Bad Schandau (parteilos)

Das habe sich laut Kunack auch die gesamte Region auf die Fahnen geschrieben. Und: Man dürfe nicht vergessen, viele Leute kämen für die Demonstrationen aus der Region angereist.

AfD-Politiker ist Vorsitzender des Tourismusvereins

Ivo Teichmann (AfD), Landtagskandidat im Wahlkreis 51 - Sächsische Schweiz (l-r) zeigt Alice Elisabeth Weidel (AfD), Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion auf der Aussichtsplattform der Bastei seine Heimat.
2019: Landtags-Kandidat Ivo Teichmann führt die AfD-Co-Vorsitzende Alice Weidel durch die Sächsische Schweiz. Bildrechte: dpa

Abseits individueller und gefühlter Einschätzungen über die Sächsische Schweiz lohnt sich ein Blick in Wahlergebnisse sowie den Verfassungsschutzbericht. Bei der Europawahl 2019 war die AfD im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge mit 32,9 Prozent stärkste Partei, weit vor der CDU auf Platz 2 (23,3 Prozent).

Bei den Landtagswahlen 2019 gewann Ivo Teichmann für die AfD in seinem Wahlkreis ein Direktmandat, mit rund 1.000 Stimmen Vorsprung vor dem CDU-Mitbewerber.

Teichmann ist Vorsitzender des Tourismusvereins Elbsandsteingebirge und AfD-Kandidat für die Landratswahl am 12. Juni dieses Jahres. Trotz einer schweren Covid-19-Erkrankung, die im Dezember 2021 im Krankenhaus behandelt werden musste, ist er weiterhin ein entschiedener Impfpflicht-Gegner. Negative Äußerungen von Touristen seien ihm noch nicht untergekommen, teilte er MDR SACHSEN auf Anfrage mit.

Verfassungsschutz: AfD-"Flügel" als Scharnier zum Extremismus

Laut dem Verfassungsschutzbericht Sachsen für das Jahr 2020 ist der sogenannte "Flügel", der rechtsextreme Personenzusammenschluss innerhalb der AfD, eine bedeutende extremistische Vereinigung in der Sächsischen Schweiz. Ziel des AfD-"Flügels" sei es, "auch nicht-extremistische Veranstaltungen zu instrumentalisieren, um die eigenen Positionen in weite Teile der Gesellschaft zu tragen und sie dort anschlussfähig zu machen". Der "Flügel" nehme dabei laut Verfassungsschutz eine "Scharnierfunktion" ein, welche die Entgrenzung zwischen demokratischen, radikalen und extremistischen Positionen in der Gesellschaft fördere.

Der Flügel propagierte ein Szenario, nachdem die Bundes- und Landesregierung unter dem Deckmantel der Pandemie-Bekämpfung eine (Impf-)Diktatur errichten wollten.

Verfassungsschutzbericht Sachsen 2020

Eine gegen Corona-Maßnahmen gerichtete Veranstaltung im Sommer 2020 in Sebnitz, bei der die "Rechtsextremisten und Flügel-Aktivisten Andreas Kalbitz und Jens Maier als Redner auftraten", zeige das Wirkpotenzial des Flügels auf den AfD-Kreisverband. Zudem habe es weitere vom "Flügel" dominierte Veranstaltungen in verschiedenen Orten im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge gegeben. Das Motto "Mit dem Lockdown in die Krise?".

Weitere Touristin melden sich bei MDR SACHSEN

Während Bürgermeister Kunack in Bad Schandau versucht, die Wogen zu glätten, tippt Lieselotte* aus Dresden eine E-Mail an MDR SACHSEN. "Ich schreibe Ihnen anlässlich Ihres Artikels. Mein Partner und ich haben Anfang 2020 fast 1:1 dieselbe Erfahrung gemacht – noch vor Corona", schreibt die ehemalige TU-Mitarbeiterin, die jetzt am Städtischen Klinikum arbeitet. Während ihres Wellness-Wochenendes in Bad Schandau seien sie auf einen "rechtskonservativen bis rechtsradikalen Faschingsumzug" gestoßen, der sich mit der "damals noch minderjährigen Greta Thunberg" beschäftigte. Sie schreibe auch, "weil Ivo Teichmann keine vergleichbaren Äußerungen von Touristen bekannt sind".

*Der volle Name ist der Redaktion bekannt.

Gaskammer beim Faschingsumzug nachgestellt

"Ein 'Fuck-you-Greta'-Wagen stellte eine Gaskammer nach. Oben war ein langer Schornstein angebracht, die Leute auf dem Wagen trugen Schutzanzüge und Gasmasken. An der Seite hingen Ballons mit Gesicht und Greta-Zöpfen, im Stile von Schrumpfköpfen", erzählt Lieselotte**. "Das Absurde war, dass es der offizielle Faschingsumzug war, die Wagen aufwändig gestaltet. Dort waren viele Familien mit ihren Kindern. Außer uns schien niemandem etwas komisch vorzukommen."

** Die beschriebene Szene ist ab Minute 9:30 zu sehen.

Ich bin selbst Dresdnerin und kein Fan von Sachsen-Bashing. Aber Greta Thunberg-Schrumpfköpfe und Gasmasken zwischen verkleideten Kindern? Rechtsradikales Denken ist dort offensichtlich mitten in der Gesellschaft angekommen.

Lieselotte (Ehemalige) Urlauberin

Keinen Urlaub mehr in der Sächsischen Schweiz

Lieselotte und ihrem Freund hat der Ausflug in die Sächsische Schweiz damals gereicht. Sie wollen nie wieder Urlaub dort machen. "Wir haben auch eine Tafel an einem wunderschönen Haus gesehen mit einem Spruch, der mit den Worten endete: 'was ist aus meiner Heimat geworden?'", erinnert sich Lieselotte. "Ich dachte, ich hätte als Dresdnerin ein grobes Verständnis für die Region, doch womit wir nicht gerechnet hatten, was dieses Ausmaß."

Tourismusverband: Zivilgesellschaft hat nicht versagt

Andere Touristen berichten im Netz von Maskenverweigerern, Reichkriegsflaggen an Wegesrand, diffamierenden Plakaten oder feindseliger Stimmung. Bleiben diese Erfahrungsberichte im Internet oder erreichen sie auch den Tourismusverband Sächsische Schweiz – den Dachverband aller örtlichen Tourismusvereine?

"Wir bekommen die Wahrnehmung der Touristen verschieden gespiegelt", erklärt Tino Richter, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Sächsische Schweiz. "Das betrifft grundlegende Fragen der Region, die auch dort geklärt werden müssen." Dass die Zivilgesellschaft in der Region versagt habe, könne er nicht teilen. "Es ist aber auch nicht meine Aufgabe als Tourismusverband dies zu bewerten", so Richter. Bislang habe der Verband jedoch nicht bemerkt, dass Gäste wegen des gesellschaftlichen Klimas in der Sächsischen Schweiz absagen.

Tino Richter
Tino Richter, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Sächsische Schweiz: Wir sind eine offene Region. Bildrechte: Amac Garbe

"Viele Gäste kommen wegen der Landschaft und den tollen Angeboten", sagte Richter. "Wir sind eine offene Region und begrüßen alle." Schon vor Jahren sei eine Erklärung für Weltoffenheit und Toleranz veröffentlicht worden, diese Grundwerte seien ein Konsens der touristischen Anbieter.

Corona-Normalität beim Bäcker

Zurück auf dem Marktplatz von Bad Schandau. Der Besuch beim Bäcker wirkt wie die Gegendemonstration aller Kritik. Gäste, die eintreten und sich setzen wollen, werden umgehend nach ihren Nachweisen gefragt. Alle Gäste und Mitarbeiter tragen eine Maske – bis über die Nase. Die Stimmung ist entspannt, niemand schimpft, ist wütend oder regt sich auf. Selbst die Ankündigung, dass der Brötchenlieferservice eventuell durch die hohen Spritpreise nicht mehr alle Touren fahren kann, sorgt für ein verständnisvolles Nicken.

Verstörende Plakate im Schaufenster gegenüber

Ganz anders der Eindruck im Eiscafé "Vivaldi" gegenüber. Die Plakate im Schaufenster suggerieren eher einen Ausnahmezustand als Normalität. "Politik heißt den Menschen, so viel Angst einzujagen, dass ihnen jede Erlösung recht ist" oder "Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht", steht in großen Lettern in dem seit November für die Winterpause geschlossenem Café.

Hinweisschilder an einer Schaufensterscheibe
Umstrittene Plakate: Die Besitzer des Cafés sollen im Ausland verweilen. Bildrechte: Katrin Tominski

Bürgermeister Kunack schlägt am Telefon gefühlt die Hände über dem Kopf zusammen, als er auf das Thema angesprochen wird. "Die Plakate hängen schon seit langer Zeit. Damit haben wir schon im vergangenen Jahr Probleme gehabt", erklärt er. "Ich habe mit einigen aus dem Ort gesprochen, die auch solche Plakate angebracht haben. Manche haben davon abgelassen und sind meiner Bitte sie abzunehmen gefolgt, aber nicht alle." Kunack scheint sauer zu sein, besonders auf den Fall "Vivaldi", obwohl er sich zusammenreißt und kein böses Wort verliert. "Die Eigentümer wissen, was dort für Plakate hängen. Die Folgen für uns spüren sie jedoch nicht“, sagt Kunack. "Sie sind derzeit im Ausland und nur teilweise vor Ort."

Geschäftsschließungen im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge

MDR SACHSEN hat im Februar alle zehn sächischen Landkreise und die drei Großstädte gefragt, wie oft sie Geschäfte oder Gaststätten wegen Verstoßes gegen die Corona-Maßnahmen zwischen 2021 und Februar 2022 geschlossen haben. Auf diese Frage hat das Landratsamt keine Antwort übermittelt. In dem Antwortschreiben heißt es lediglich: "Schließungen von Einrichtungen wurden im Landkreis während der Lockdownphase im Frühjahr/Sommer 2020 angeordnet und bei Verstößen dagegen vereinzelt Bußgelder verhangen." Weiter heißt es, es seien Bußgelder zwischen 500 und 3.000 Euro verhängt worden. Eine Einzelstatistik werden nicht geführt. Eine Auflistung könne wegen des "zusätzlichen Mehraufwandes" gegenwärtig nicht vorgelegt werden.

"Eine ganze Region wird niedergemacht"

In einem kleinen Laden daneben plaudern zwei Frauen beim Tee. Sie wollen ihren Namen nicht nennen. "Schlechte Erfahrungen mit Medien gemacht", erklärt die Inhaberin. Nennen wir die Frauen Johanna und Gabi. Auf die Kritik des Urlaubers angesprochen, wissen beide sofort, worum es geht. "Es wird hochgespielt, die ganze Region wird niedergemacht, schimpft Johanna. "Wegen einer Person wird hier alles kaputt gemacht", sagt Gabi traurig. Johanna fährt fort: "Wir sind weder Nazis, noch sonstwas. Wenn sich Leute nicht wohlfühlen, können sie woanders hingehen und müssen nicht eine ganze Region verunglimpfen".

Sie wird langsam wütend: "Warum hat sich dieser Mensch nicht mit Namen geäußert?*** Und diese Plakate, sie hängen seit zwei Jahren, jetzt gibt es den Aufschrei, das ist doch absurd." Gabi nippt an ihrer Teetasse. "Diese Kritik ist eine Stimme, sie wird so groß gemacht. Doch es gibt doch ganz viele Stimmen", erklärt sie. "Demonstrationen und Spaziergänge gibt es in ganz Deutschland, das ist kein Alleinstellungsmerkmal der Sächsischen Schweiz."

*** Anmerkung der Redaktion: MDR SACHSEN ist der Name des Touristen, der mit uns gesprochen hat, bekannt. Er wollte aus Angst vor persönlichen Anfeindungen anonym bleiben.

Bad Schandau
Der Marktplatz von Bad Schandau: Idylle. Bildrechte: Katrin Tominski

Hoteldirektor aus Wehlen: Fokus auf die positiven Dinge legen

Während Gabi erzählt, läuft Mario Lucia im Urlaub fernab der Heimat den Strand entlang und ist immer noch sauer. Er hat sich so aufgeregt, erzählt er MDR SACHSEN. Vor 15 Jahren ist er nach Wehlen gezogen und hat eine Nudelmanufaktur gegründet. Heute führt er mit seiner Frau auch das Manufakturhotel in Wehlen.

"Ich habe noch nie negative Rückmeldungen von Urlaubern bekommen. Ich kann nicht nachvollziehen, dass man es so hochpuscht. Für die Touristen entsteht ein immenser Schaden", erklärt er am Telefon aus dem Urlaub, während der Seewind mit in die Ohrmuschel rauscht. "Wir brauchen viel mehr positive Geschichten. Es gibt doch auch so viele Leute, die hier normal sind und sich engagieren." Überall gebe es Menschen mit einer seltsamen Meinung, die sich versammeln. Doch dem müsse man sich ja nicht anschließen. "Der Fokus muss doch auf der positiven Entwicklung liegen."

Gäste reagieren auf die Plakate - einige sagen ab

Nach positiver Stimmung sehnt sich auch Michaela Mitscherlich, die mit ihrem Mann das "Elbhotel" in Bad Schandau betreibt. "Uns haben viele Gäste auf die Plakate angesprochen. Ja, und es hat auch Absagen gegeben", erklärt Mitscherlich und appelliert gleichzeitig. "Wir brauchen Normalität." Der Tourismus sei durch die Pandemie ohnehin gebeutelt, die Stimmung vieler Einwohner am Boden. "Wir sitzen alle im gleichen Boot", erklärt Mitscherlich. "Und wir haben eine Chance: Wir leben in einer wundervollen Region und Frühling und Sommer liegen vor uns."

Bad Schandau an der Elbe.
Bad Schandau an der Elbe. Die Touristiker hoffen auf Frühling und Sommer. Bildrechte: IMAGO

Die Zivilgesellschaft tut zu wenig

Detlev Boller lebt in Pirna und engagiert sich in der Gruppe "Solidarität für Pirna". Seitdem er in Rente ist, hat er noch mehr Zeit dafür. "Ich halte die Kritik des Urlaubers für vollkommen glaubwürdig", erklärt er. "Solche Gespräche führe ich öfter. Dass mich Leute fragen: Was ist denn bei Euch los? Es gibt diese Verwunderung von außen."

Boller stammt aus Südniedersachsen und lebt seit 1997 in Sachsen, seit 2006 in Pirna. Er betrachtet die gegenwärtige Entwicklung mit Argwohn. "Ja, die Zivilgesellschaft versagt hier, leider", erklärt er. "Wenn eine Ordnungsamtsmitarbeiterin, die jeder in Pirna kennt, bei einer Demonstration Polizisten bespuckt und das keine Folgen hat, ist das für mich ein Versagen der Zivilgesellschaft."

Entwickelt eine ganze Region ein kollektives Querdenken?  "Nein, das kann ich ganz klar sagen, nein", winkt Boller ab. "Wenn Montagabend 400 Leute auf dem Marktplatz laufen, davon viele von außerhalb, ist das nur ein kleiner Teil."

Auf einem Schild wird vor einem Cafe auf die vorrübergehende Schließung wegen der 2G-Regel hingewiesen.
Auch in Pirna zeugten Plakate in der Vergangenheit von wenig Verständnis für die Corona-Maßnahmen. Bildrechte: dpa

Die Radikalen sind keine Mehrheit. Doch die Zivilgesellschaft tut zu wenig.

Detlev Boller Senior, engagiert sich bei "Solidarität für Pirna"

Es müssten mehr Leute aufstehen. Doch auch er sei  manchmal ein 'fauler Sack'. Der Mehrheit der Bevölkerung sei die Entwicklung egal, sie sei mit dem Alltag beschäftigt. Das berge jedoch auch Gefahren.

Ich befürchte, wir erleben eine Radikalisierung, die wir nicht wieder einfangen können.

Detlev Boller Senior, engagiert sich bei "Solidarität für Pirna"

Boller hat für sich seine persönlichen Konsequenzen beschlossen. "Wenn an Kneipen steht, 'kein Eintritt für Landes- und Bundestagsabgeordnete' sehen die von mir keinen Pfennig mehr."

"Geimpft mit Sonne, Liebe und guter Laune"

In dem kleinen Laden am Bad Schandauer Marktplatz sind Johanna und Gabi immer noch beim Tee. Am Schaufenster klebt ein Zettel: "Wir sind geimpft mit Sonne, Liebe und guter Laune". Johanna überlegt: "Wir empfangen jeden. Wir wollen aber gerecht behandelt werden", sagt sie. "Was hier passiert, hat nicht allein mit der Pandemie zu tun, die da oben haben etwas anderes vor." Eine Kundin betritt den Laden.

Hinweisschilder an einer Schaufensterscheibe
"Wir sind geimpft mit Sonne, Liebe und guter Laune" steht auf dem Zettel eines Ladens in Bad Schandau. Bildrechte: Katrin Tominski

Impfen - die schwere Entscheidung

Gabi erzählt, sie laufe bei den Spaziergängen montags nicht mit. "Meine Eltern sind beide schwer an Corona erkrankt, mein Vater ist gestorben." Ihr Blick wandert geradeaus und man spürt förmlich, wie sich eine Schmerzwelle durch ihren Körper schiebt. "Heute sind wir geimpft, Gottseidank, auch meine Mutter", sagt Gabi und wird auf einmal leise. "Das war für mich nicht leicht, alle haben auf mich eingeredet, ich war verängstigt."

Reaktionen beim Instagram-Kanal von MDR SACHSEN auf den Touristen-Artikel

Das ist das Problem was Sachsen hat. Leute die im Gestrigen leben und Veränderungen nicht wahrhaben wollen. Schade um Sachsen. So hat es keine Zukunft und die Probleme werden vor Ort noch größer werden. 

Nur, weil EINEM das da nicht mehr gefällt, muß man Bad Schandau durch den Dreck ziehen? Soll es für sich behalten und schweigen!

Es ist traurig wenn man das lesen muss. Viele Menschen arbeiten in der Tourismusbranche in unserer Region und zeigen grosses Engagement. Es ist für uns seit mehreren Jahren traurig, dass man im Winter nirgendwo gemütlich auf eine Tasse Kaffee, ein Stückchen Kuchen oder ein Eis eingeladen wird. [...] Unser Image sollte nicht länger von einer Personengruppe dominiert werden. Tretet nicht länger mit Füßen was viele Menschen über Jahre aufgebaut haben. Die Sächsische Schweiz ist unsere Heimat. Es ist Zeit sich auf einen guten Weg zu machen!

Herrliches Örtchen! Was eine Kampagne gegen das Image eines Ortes so ausrichten kann sehen wir ja an vielen Dörfern Städtchen im wundervoll schönen Sachsen. [...] Soll doch endlich mal Vernunft Einkehr halten anstatt zu verletzen, zu meckern und und... und, die Leute in den Orten als Schwirbler oder sonst was zu bezeichnen, was soll das eurer Meinung nach bewirken? . Glaubt ihr wirklich das die Menschen damit positiv erreicht werden und sich damit was ändern wird? 

Oh, ich muss mal wieder in die Sächsische Schweiz kommen und ein bisschen Geld da lassen...scheinen vernünftige Menschen dort zu leben.

Schade, dass hier kaum jemand auf die Gründe eingeht, die für das Unbehagen genannt worden. Die Plakate und der Aufzug (Video im Beitrag) sind schon echt nicht zu unterstützen. Das Problem ist nicht die Reaktion der Touristen sondern das Verhalten vor Ort. Man muss sich auch angemessen verhalten wenn man Touristen begrüßen will und dazu gehört solche Demokratie- und Wissenschaftsfeindlichkeit zu unterbinden.

Ich denke die Plakate sprechen für sich und der Urheber wird sich um die Außenwirkung und die damit verbundenen Konsequenzen im Klaren gewesen sein. Persönlich schüttle ich als Unternehmer den Kopf.

Da kann der gute Herr wahrscheinlich nirgendwo mehr hinfahren, weil fast jede Stadt hat irgendwo solche Plakate.

Wir haben beim letzten Bad Schandau Besuch ähnliche Erfahrungen gemacht. Wenn man an Läden vorbeigeht und sowas liest wie: "wir sind mit Sonnenlicht geimpft" muss man doch stark den Kopf schütteln. Und solche Sprüche hingen leider nicht nur vereinzelt an den Schaufensterscheiben.

Vielleicht sollte der Tourist mal tief in sich gehen, denn die Menschen dort sind immer noch die selben und haben ihm weder früher noch heute etwas vorgespielt. Wenn diese Menschen nun nicht so handeln wie er es gerne hätte dann soll er dort Urlaub machen wo ihm seine heile Welt vorgelebt wird.

Johanna hat die Kundin verabschiedet und stößt wieder dazu: "Warum machen wir solche Unterschiede zwischen Geimpften und Ungeimpften", fragt sie fast verzweifelt. "Für mich kommt eine Impfung aus persönlichen Gründen nicht in Frage." Johanna zuckt die Schultern und sieht auf einmal ganz aufgewühlt aus. "Thrombose-Risiko, aus der Kindheit." Die Tür öffnet sich wieder. Eine Bekannte tritt freudestrahlend ein. "Nachher, wie immer?", fragt sie Johanna. Es ist Montag 17 Uhr. In zwei Stunden beginnt einer der sogenannten "Spaziergänge".

39 Kommentare

Tom0815 vor 17 Wochen

Ups. Ich hatte mich wohl von den hängenden Köpfen, dem Schornsteinrauch und Gasmasken in die Irre führen lassen, die von Mitfahrern auf dem "Treibhaus" getragen wurden. Die sollten bestimmt auf die Gefahr von Pestiziden hinweisen. Ja bekanntlich eines der Hauptthemen mit denen sich Greta Thunberg beschäftigt und womit sie ja auch erst weltweit bekannt wurde.

JanoschausLE vor 17 Wochen

Erna,
also unsere Motorradgruppe, immerhin 12 Leute, waren letzten Sommer auf Tagestour dort. Was wir dort erlebten, spottete jeder Beschreibung. Ich ging z. Bsp allein mit Maske in die Tanke, um mir ne Flasche Wasser zu HOLEN, wurde von paar Einheimischen mit Molle deswegen blöd angemacht, hab's ignoriert. Blöde Sprüche. Als wir in die zuvor vorbestellte Kneipe wegen Mittagessen gingen, mit Maske, machten wir wegen blöder Sprüche von Teilen des Personals und der vielleicht 8 Gäste wegen der Maske gleich kehrt. Mussten wir uns zum Mittag nicht antun. Wir fuhren halt einen Umweg nach CZ und aßen da. Unsere Planungsgedanken, 2022 vielleicht eines unserer verlängerten WE-Touren mit Übernachtung in der sächs. Schweiz zu verbringen, mit 3 Übernachtungen (x12) haben wir sofort verworfen.
Der Wirt hatte 12 Gäste an jenem Tag vergraulen lassen, pro Person sicher irgendwo 20 bis 30 Euro. Naja, Hauptsache, man fühlt sich sinnfrei als Held, den Umsatz bringen ja die Einheimischen,die habens ja.

Fakt vor 17 Wochen

@Gohlis:

Wenn Ihnen - den schmalen Meinungskorridor gebe ich gerne an Sie zurück - andere Meinungen nicht in den Kram passen: in meinen Augen sind die Plakate hirnverbrannter Blödsinn irgendwelcher Verschwörungsideologen und Quertreiber.

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Bildrechte: Monika Werner