Klimaneutrale Wirtschaft Chef der Stahlwerke Riesa fordert CO₂-Steuer auf Importe

Grüner Stahl bleibt nur wettbewerbsfähig, wenn faire Wettbewerbsbedingungen garantiert sind. Das erklärt Christian Dohr, Chef der ESF Elbe Stahlwerke Feralpi GmbH, im Gespräch mit MDR SACHSEN.

Blick in die Ofenhalle der ESF Elbe-Stahlwerke Feralpi GmbH in Riesa
Blick in die Ofenhalle der ESF Elbe-Stahlwerke Feralpi GmbH in Riesa. Bildrechte: dpa

Der Chef der Stahlwerke Riesa fordert eine CO₂-Steuer auf Importe. "Wir müssen uns mit einer CO₂-Steuer auf Importe beschäftigen", sagte Christian Dohr, Chef der ESF Elbe Stahlwerke Feralpi GmbH, MDR SACHSEN. Das sei ein wichtiges und auch nicht einfaches Thema. Bei dem Schritt dürfe der Wettbewerb nicht außer Acht gelassen werden.

Ein Abwandern der Industrie in Regionen mit weniger Auflagen muss verhindert werden. Wir wollen ja nicht über den Wettbewerb ausgehebelt werden, der nicht in allen Ländern klimaneutrale Anstrengungen in gleichem Maße übernimmt.

Christian Dohr CEO der ESF Elbe Stahlwerke Feralpi

Regierung hat Verordnung über Carbon-Leakage beschlossen

Das Bundeskabinett hat erst am Mittwoch eine Verordnung über Maßnahmen zur Vermeidung von Carbon-Leakage beim nationalen Brennstoffemissionshandel beschlossen. Sie gewährt im internationalen Wettbewerb stehenden Unternehmen unter anderem aus der Stahl-, Chemie- und Automobilbranche Kompensationen für Teile der CO₂-Abgabe auf Öl, Gas und Kohle. Für die Entlastungen, die ab 2021 gelten, sollen die betroffenen Unternehmen im Gegenzug in klimafreundliche Technologien investieren.

Ein Porträt von Christian Dohr mit Bauhelm
Christian Dohr, Chef der ESF Elbe Stahlwerke Feralpi, will "grünen Stahl" produzieren, fordert dafür aber faire internationale Wettbewerbsbedingungen. Bildrechte: Christian Dohr

Diskussionen über CO₂-Emissionen

Wegen der hohen Emissionen in der Stahlindustrie wird der Umgang mit CO₂-Zertifikaten seit Jahren intensiv diskutiert. Experten fürchten, dass durch die teuren Zertifikate die Weltmarktpreise nicht gehalten werden können und Geld für Klimaschutzinvestitionen fehlt. "Bei einem CO₂-Preis von 40 Euro pro Tonne entstehen der Stahlindustrie in Deutschland pro Handelsperiode Mehrkosten von 5,2 Milliarden Euro. Durch die immer weiter steigenden Kosten werden den Unternehmen damit die für Klimaschutz-Investitionen dringend benötigten finanziellen Mittel entzogen", erklärte Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Mit ausreichend Emissionszertifikaten und Entlastungen bei höheren Strompreisen müsse man vor der Abwanderung, der sogenannten Carbon-Leakage, schützen. Der Chef der Stahl-Wirtschaftsvereinigung sieht eine CO₂-Import-Steuer jedoch kritisch. Sie könne die freie Zuteilung von Zertifikaten lediglich ergänzen, jedoch nicht ersetzen.

Die ESF Elbe-Stahlwerke Feralpi GmbH in Riesa (Sachsen)
Die ESF Elbe-Stahlwerke Feralpi GmbH in Riesa (Sachsen) müssen klimafreundlicher werden aber dennoch auf dem Weltmarkt bestehen. Bildrechte: dpa

Konkurrenz aus China

Die deutsche Stahlindustrie ist seit Jahren einer starken Konkurrenz aus China ausgesetzt. In kurzer Zeit ist China zum weltweit größten Hersteller vom Stahl geworden und hat damit die Weltmarktpreise fallen lassen. Davon sind auch die Stahlwerke in Sachsen betroffen. "Chinas Stahl hat das Potenzial, die deutsche Stahlproduktion abzulösen", sagte Stefan Ehly von der IG Metall Dresden und Riesa. Lange galt gute Qualität als einzige Option, um gegen den billigen Stahl aus Asien zu bestehen. Immer häufiger wird jetzt jedoch auch auf die nachhaltige Herstellung von "grünem Stahl" verwiesen.

Der Green Deal - also eine ökologische Stahlproduktion mit Erneuerbaren Energien und Wasserstoff - ist die einzige Chance, damit unsere Standorte überhaupt überleben können.

Stefan Ehly IG Metall Dresden und Riesa

Green Deal: Stahlindustrie muss sich bis 2050 erneuern

Wie auch alle anderen Branchen muss sich die Stahlindustrie gemäß dem Green Deal bis zum Jahr 2050 klimaneutral aufstellen. Für die Stahlindustrie ist das eine besonders große Herausforderung, denn sie ist traditionell für einen großen Teil des CO₂-Ausstoßes verantwortlich. Auch die Stahlwerke Riesa arbeiten an einer klimafreundlichen Umstellung ihrer Produktionsverfahren. "In den vergangenen sechs Jahren ist es uns gelungen, die CO₂-Emissionen um 30 Prozent zu senken", erklärte der Riesaer Stahlwerkechef Dohr. Zudem werde in Zusammenarbeit mit der Abwärme des Stahlwerks Dampf erzeugt, der von einem naheliegenden Reifenwerk weiter verwendet würde.

Riesaer Stahlwerke wollen Energieeffizienz verbessern

Ziel ist laut Dohr grundsätzlich, die Energieeffizienz zu verbessern. Dafür sollen die Prozesse ständig verbessert werden. Mittelfristig sei im Gespräch, komplett auf elektrische Energie zur Erwärmung der Elektrohochöfen umzuschwenken – ohne Erdgas für die Hilfsbrenner. "Wir möchten die Prozesse der Erwärmung in Zukunft induktiv durchführen. Das ist die Investition, über die wir gerade sprechen", sagte Dohr. Zudem sei man im Gespräch mit Energieversorgern, um gezielt grüne Energie zu kaufen. Weil für die Herstellung von Stahl Temperaturen von über 1.400 Grad benötigt werden, brauchen Stahlwerke oft so viel Strom wie eine Kleinstadt. Ist der Ökostrom zu teuer, legt sich das wieder auf die Wirtschaftlichkeit der Stahlbetriebe, die ohnehin schon unter Druck stehen.

Gewerkschaft fordert Angestellte mitzunehmen

In Sachsen sind nach Angaben der IG Metall etwa potenziell 1.600 Angestellte in der Metallindustrie von dem Green Deal und den avisierten ökologischen Umbau der Wirtschaft betroffen. "Oftmals wissen die Leute nicht, was der Green Deal sein soll und was das für Folgen für sie hat", sagte Ehly. Der Green Deal könne den Verlust aber auch den Gewinn von Arbeitsplätzen bedeuten. Politiker und Unternehmer müssten Arbeitnehmer von Beginn an in die ökologische Transformation einbeziehen, nur so könne vermieden werden, dass es "Verlierer" gebe.

Für viele Menschen heißt Green Deal Arbeitsplatzverlust. Wenn sie nicht von Anfang an Leute einbeziehen und den Wandel sozialverträglich gestalten, dann führt es dazu, dass es eine Ablehnung gibt zu einem eigentlich guten Projekt.

Stefan Ehly IG Metall Dresden und Riesa

Stahlwerke bekunden weiter Investitionen in Entstaubungsanlagen

Die Elbe-Stahlwerke Feralpi GmbH (ESF) hatten im Jahr 2017 mit dem sogenannten "Dioxin-Skandal" für bundesweite Schlagzeilen gesorgt. Das Unternehmen bestätigte damals selbst zu hohe Chrom-Emissionen. Auch der Orientierungswert für Dioxine und Furane (PCDD/F) bzw. dioxinähnliche PCB und für Zink im Staubniederschlag soll überschritten gewesen sein. Nach Angaben des Stahlwerk-Chefs ist das Problem heute gelöst. "Heute gehört das Werk zu den modernsten Stahlwerken Europas. Seit vielen Jahren investiert der Riesaer Stahlhersteller in die Beste Verfügbare Technik (BVT), um Emissionswerte dauerhaft unterhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte zu halten", erklärte Dohr. "Die verwendete Technologie in den Entstaubungsanlagen filtert nahezu 100 Prozent der Staubemissionen sowie der Emissionen von Dioxinen, Furanen und PCB. Sie gilt derzeit als die effizienteste Abgasreinigung in Elektrostahlwerken. Auch für die Zukunft sind selbstverständlich weitere Investitionen geplant."

Quelle: MDR/kt

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 30. März 2021 | 20:00 Uhr

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