Dresdner, die Rikuo Ueda bei seiner Arbeit in der Altstadt antrafen, blieben fasziniert stehen. Bildrechte: Anja Schneider

Auszeichnung & Ausstellung Wind-Kunst: Dresdner Hans Theo Richter-Preis für Rikuo Ueda

30. September 2023, 06:01 Uhr

Der japanische Künstler Rikuo Ueda ist am Freitagabend in Dresden mit dem Hans Theo Richter-Preis 2023 geehrt worden. Die Auszeichnung wird von der Sächsischen Akademie der Künste für bedeutende Leistungen auf dem Gebiet Zeichnung und Grafik vergeben. Sie ist mit 20.000 Euro dotiert und mit einer Ausstellung in Dresden verbunden. Für seine Arbeiten zeichnet Rikuo Ueda nicht selbst, sondern entwickelt Konstruktionen, die den Wind zur schöpferischen Kraft machen.

Der Dresdner Maler Max Uhlig hat Rikuo Ueda für den Hans-Theo-Richter-Preis 2023 vorgeschlagen. Die Jury der Sächsischen Akademie der Künste war sofort überzeugt. Am Freitagabend ist dem japanischen Windkünstler die Auszeichnung in Dresden übergeben worden.

Wind kostet nichts.

Rikuo Ueda, Hans-Theo-Richter-Preisträger 2023

Den Wind als Partner

Dass Wind nichts kostet, ist praktisch für Rikuo Ueda. Denn seine Kunst entsteht mit dem Wind. Ueda sieht ihn als Partner, als Kompagnon, als Gefährten. Er knüpft Stifte an Äste und Zweige, legt Blätter darunter – mitunter auch auf Wasser schwimmende Papiere. Die darauf entstehenden Zeichnungen, manchmal wird auch Grafik draus, werden von der Windbewegung gesteuert.

"Die Menschen vergessen oft, dass sie nicht allein da sind", sagte Rikuo Ueda am Freitag in Dresden. "Wir sind Teil der Natur. Das sollten wie nie vergessen", betonte er anlässlich der Übergabe des diesjährigen Hans-Theo-Richter-Preises.

Eine Konstruktion an einem Ast, an deren Ende Farbe auf weißes Papier gebracht wird
Der Wind in den Zweigen führt auch den Stift: Der japanische Künstler Rikuo Ueda nutzt die Naturkraft schöpferisch. Bildrechte: Anja Schneider

Kunstwerdung unter dem Himmel Dresdens

Eine Woche lang konnte Rikuo Ueda in einem kleinen Park vor diesem Gebäude, passenderweise direkt gegenüber vom Japanischen Palais, unter freiem Himmel tätig sein. Dort versah er das Blattwerk einer großen Buche mit Papierblättern. Er befestigte an einzelnen Ästen und Zweigen Stifte, die mal Striche und Punkte aufs Blatt brachten, mal kleine Schraffuren sowie Andeutungen schwungvoller Bögen. Wie nebenher zog Ueda die Aufmerksamkeit von Spaziergängern auf sich, die stehen blieben, ihn bei der Arbeit beobachteten und fotografierten.

Im sächsischen Spätsommer wehten nur milde Lüftchen. Dementsprechend wirken die hier entstandenen Blätter beinahe kalligrafisch. Doch Rikuo Ueda hat auch schon Bilder in einem Taifun entstehen lassen, wie in der Ausstellung zu sehen ist, die mit der Ehrung einher geht. Dort finden sich massive Farbschichten, in denen die Energie der Windkraft zu sehen ist. Die meisten Arbeiten aber sind sanft, geradezu zart, eine stille, tief verinnerlichte Kunst.

Dünne, blaue Striche auf weißem Untergrund
Rikuo Ueda konstruiert Apparaturen, die den Wind zur schöpferischen Kraft machen: Wenn nur milde Lüftchen wehen, sind die Striche zart wie Kalligrafien. Bildrechte: Anja Schneider

Kuratorin Stefanie Buck findet, die Windzeichnungen passten gut in eine Tradition, bei der Natur sehr ernst genommen werde: "Das alles rührt einen schon sehr an. Wenn man diese Werke sieht, entschleunigt man selbst und fragt sich natürlich, wie das entstanden ist."

Rikuo Uedas Werk macht eine ganz eigene, magische Welt auf.

Stefanie Buck, Direktorin des Dresdner Kupferstich-Kabinetts

Was würde der Wind zeichnen?

Rikuo Ueda wurde 1950 in Osaka geboren, als junger Mann unternahm er eine dreijährige Weltreise. Das habe ihm, sagt er rückblickend, großen Respekt vor der Natur eingeflößt. Bei seiner Arbeit sehe er sie tatsächlich als Partner und frage sich: "Was würde der Baum malen? Was würde der Wind zeichnen?"

Diesen sehr besonderen Entstehungsprozess hält Stefanie Buck für unglaublich wichtig: "Das ist etwas ganz Eigenes für die Kunstgeschichte, weil Rikuo Ueda diese enorme Spiritualität mitbringt."

Kleine Blätter mit dünnen Strichen in blau und braun in einem Bilderrahmen aus Glas und dünnem Holz
Rikuo Uedas Kunst ist bis Februar 2024 in einer Sonderausstellung in Dresden und im dortigen Kupferstichkabinett zu sehen. Bildrechte: Anja Schneider

Ein Windkünstler ist dieser stets freundliche, zierlich und betont sanft wirkende Mann. In seiner Dresdner Ausstellung präsentiert er nicht nur fertige Zeichnungen, sondern mitsamt den Stiften auch eine Auswahl von Ästchen und Zweigen, an denen sie für das jeweilige Kunstwerk befestigt waren. In einer eigens gestalteten Holzbox finden sich zudem 40 Dosen mit bereits 1984 eingefangenem Wind.

Windkunst aus Japan in Dresden

Nicht nur Stefanie Buck ist vom Windkünstler fasziniert. Auch Akademiepräsident Wolfgang Holler, dessen Büro nun von einigen Arbeiten Uedas geschmückt ist, zeigt sich begeistert: "Unsere Räume sind nicht sehr groß, doch nun lebt die Kunst mit uns und wir leben mit der Kunst. Die Besucher werden sehen, dass da eine lebendige Akademie ist, dass da Leute etwas schaffen, etwas tun.“

Stift malt durch Windbewegungen 1 min
Bildrechte: Adina Rieckmann

Besucht werden kann die Schau mit Werken des japanischen Windkünstlers Rikuo Ueda noch bis zum 1. Februar 2024 in den Räumen der Sächsischen Akademie der Künste in Dresden. Zudem verfügt das Dresdner Kupferstichkabinett über einige Werke von Rikuo Ueda.

Richter-Preis in Gedenken an Dresdner Maler und Grafiker

Der Dresdner Maler und Grafiker war 1998 der erste Preisträger des von Hans Theo Richters Witwe Hildegard Richter gestifteten Preises. Die Ehrung ist mit 20.000 Euro und einer Ausstellung in den Räumen der Akademie am Dresdner Palaisplatz verbunden. Über die Vergabe des Theo Richter-Preises entscheidet eine Jury. Dieser gehören Mitglieder der Klasse Bildende Kunst der Sächsischen Akademie der Künste, der Vorstand der Hildegard und Hans Theo Richter Stiftung sowie Stefanie Buck als Direktorin des Kupferstich-Kabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden an.

Hans Theo Richter wurde 1902 im sächsischen Rochlitz geboren, wirkte als Professor für Grafik an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Er verstarb 1969 in Dresden.

Der Dresdner Maler Max Uhlig.
Dresdner Maler Max Uhlig hat den diesjährigen Hans Theo Richter-Preisträger empfohlen. Er selbst hat die Auszeichnung 1998 als erster Preisträger erhalten. Bildrechte: imago images/Uwe Meinhold

Quelle: MDR KULTUR, Sächsische Akademie der Künste
redaktionelle Bearbeitung: ts, bh

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 30. September 2023 | 07:40 Uhr

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