Immer mehr Referendare und Seiteneinsteiger Viele neue Lehrer - ein gewaltiger Kraftakt für Sachsens Schulen

03. Dezember 2018, 17:04 Uhr

An Sachsens Schulen gibt es immer mehr Referendare und Seiteneinsteiger. Für Lehrer, die Referendare als Mentoren betreuen, bedeutet das jetzt schon einen immensen zusätzlichen Aufwand. Auch die jungen Lehramtsanwärter selbst müssen allerhand verkraften können - und ihre Schüler ebenfalls. Seiteneinsteiger bleiben oft sich selbst überlassen.

1.531 Lehramtsanwärter und 3.180 Seiteneinsteiger sind nach Angaben des Sprecher des Kultusministeriums, Dirk Reelfs, derzeit die Schulen in Sachsen tätig. Sie verteilen sich sehr ungleich auf die verschiedenen Schularten, weil viele Lehramtsanwärter ans Gymnasium wollen und wenige nur an die Oberschule wollen. An den Gymnasien sind es 678 Referendare, aber nur 106 Seiteneinsteiger. An den Oberschulen versuchen sich 1.036 Seiteneinsteiger, doch lediglich 221 Referendare.

Die Situation scheint vielerorts ähnlich zu sein: Schulleiter und Lehrer berichten, dass sich die Mentoren überfordert fühlen, ihre Mühe nicht adäquat honoriert sehen. Die Lage dürfte sich noch verschärfen, wenn nach MDR SACHSEN-Informationen im Februar 2019 gleich 510 Bewerber ihren Vorbereitungsdienst an Gymnasien im Bereich des Landesamtes für Schule und Bildung, Standort Dresden, antreten wollen. Das sind mehr als doppelt so viele wie im August dieses Jahres. Da waren es 223 Bewerber.

Schüler müssen häufigen Lehrerwechsel in Kauf nehmen

Elf Referendare wollen im Februar ihre Ausbildung am Gymnasium Cotta in Dresden aufnehmen, teilt Schulleiter Jürgen Karras auf Nachfrage von MDR SACHSEN mit. Jeder bekomme zwei Mentoren an die Seite - einen für jedes Fach. Im ersten Halbjahr beispielsweise müssen die Mentoren durchgängig im Unterricht ihres Referendars hospitieren, jede Stunde mit ihm vor- und auch nachbereiten und ihm beratend zur Seite stehen. Das bringt mitunter sowohl den Referendar als auch den Mentor an seine Grenzen. "Wir haben nur eine begrenzte Anzahl von Kollegen, die sich als Mentoren eignen - ihnen sollte für diesen Aufwand mehr als nur eine einzige Abminderungsstunde pro Woche zugebilligt werden", fordert Karras. Nicht vergessen werden sollte, dass sie letzten Endes mit den Referendaren Lehrer ausbildeten, die künftig besser bezahlt würden als sie selbst, sagt er mit Blick auf die Verbeamtung junger Pädagogen. Die Schüler müssten wegen der vielen Referendare zudem häufigen Lehrerwechsel in Kauf nehmen. Vor allem vor den Prüfungen sei das fatal.

Mehr Abminderungsstunden für Mentoren gefordert

Thomas Lorenz, Leiter der 128. Oberschule Dresden-Reick, hat im Moment zwei Referendare und gleich sechs Seiteneinsteiger an seiner Schule. Tendenz steigend. Sie machen fast ein Viertel der Lehrerschaft aus, denn 30 Kollegen unterrichten insgesamt an der "128.". Auch Lorenz plädiert für mehr Abminderungsstunden für Lehrer, die den Neulingen als Mentoren zur Seite stehen. Das Kultusministerium wollte sich auf Anfrage nicht dazu äußern, ob die Abminderungsstunden ausreichen. Lorenz zufolge gibt es weitere Ungereimtheiten. Während Referendare nach zehn Semestern Studium zunächst nur vier, dann sechs und später acht Stunden pro Woche Unterricht geben, würden Seiteneinsteiger ohne grundständiges Lehramtsstudium im schlechtesten Fall (nach einem Vierteljahr Fortbildung) mit voller Stundenzahl (26) vor die Klasse gestellt. Dazu kommt: Im Gegensatz zu den Referendaren teilen sie sich ihre Klasse nicht mit ihrem Mentor. "Weil das nicht zu schaffen ist, stellen viele Seiteneinsteiger erst einmal einen Antrag auf Teilzeit", weiß der langjährige Schulleiter.

Abminderungsstunden ... oder auch Anrechnungsstunden bedeuten, dass Lehrer bei gleichem Gehalt wöchentlich eine bestimmte Stundenanzahl weniger unterrichten müssen. Grund ist der Mehraufwand für besondere Aufgaben und Tätigkeiten, wenn sie z.B. als Mentoren Referendare oder Seiteneinsteiger betreuen.

Nach Ansicht von Steffen Thiele, seit 30 Jahren Lehrer am Beruflichen Schulzentrum für Bau und Technik Dresden, benötigen Seiteneinsteiger eigentlich deutlich mehr Betreuung als Referendare. "Die Mentoren müssten vier bis sechs Stunden pro Woche bei Seiteneinsteigern hospitieren können und umgekehrt", meint er. Das sei aber vielfach nicht zu machen, weil die Mentoren gar nicht die Zeit für den Besuch in einer anderen Klasse hätten. "Die meisten stehen ja selber 26 Stunden pro Woche vor ihren Klassen", erklärt er. Man wisse daher oft gar nicht, wie gut oder schlecht die Seiteneinsteiger eigentlich unterrichteten. Im Interesse der Schüler müsse das Ziel aber sein, guten Unterricht zu halten - und nicht nur, Stundenausfall zu verhindern.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 01.12.2018 | 16:00 Uhr in den Nachrichten

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