Finanz-Skandal Infinus: Aufstieg und Fall eines Dresdner Finanz-Unternehmens

Der Finanzdiensleister Infinus soll mehr als 20.000 Anleger um über eine halbe Milliarde Euro betrogen haben. Nun beschäftigt sich der BGH mit den Vorwürfen. Wie konnte es zu dem mutmaßlichen Finanz-Skandal kommen?

Der Infinus-Finanzskandal beschäftigt seit 11. Oktober auch den Bundesgerichtshof. Es handelt sich hier um eines der größten Wirtschaftsstrafverfahren in der Geschichte Deutschlands, bei dem den Ex-Managern des Unternehmens banden- und gewerbsmäßiger Betrug vorgeworfen werden. Die Hauptangeklagten wurden vor drei Jahren zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, legten aber Berufung vor dem BGH ein. Wie wurde Infinus groß? Wieso konnte das Unternehmen das ihm vorgeworfene Schneeballsystem aufbauen? Wieso hegten Kunden keine Zweifel? Ein Rücklick auf die Ereignisse.

Werbewirksame Auftritte von Prominenten

Seit Mitte der 2000er-Jahre hatte die Infinus-Gruppe einen glanzvollen Aufstieg zu verzeichnen. Die Niederlassungen des Finanzdienstleisters befanden sich in Villen in den begehrtesten Lagen Dresdens. Den Infinus-Managern war es jahrelang gelungen, den Eindruck zu erwecken, sie würden mit Versicherungen und Immobilien glänzende Geschäfte machen. Insgesamt sollen über 50.000 Anleger rund zwei Milliarden Euro bei Infinus-Firmen investiert haben.

Prominente zeigten sich gerne mit den Infinus-Managern: Franz Beckenbauer etwa, Oliver Kahn, Katharina Witt. Sie nahmen für ihre Stiftungen hohe Spenden von der Infinus-Gruppe entgegen. Gleichzeitig sorgten bundesweit mehr als 1.000 Vertreter dafür, dass Anleger ihr Geld in Infinus-Zinspapiere steckten und sogenannte Orderschuld-Verschreibungen zeichneten.

Katharina Witt
Katharina Witt bei der Übernahme eines Spendenschecks von Infinus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Anlegerin, die anonym bleiben will, berichtete der Umschau 2014, sie habe auf Anraten eines Infinus-Vertreters ihre Lebensversicherung gekündigt und das Geld in Anleihen einer Infinus-Firma gesteckt. "Ich stehe jetzt eigentlich vor dem Nichts, weil das meine ganze Vorsorge für meine Rente war", sagte sie. Die Pleite des Unternehmens traf sie völlig überraschend . "Man wollte das gar nicht wahrhaben, dass es so etwas gibt".

Man wollte das gar nicht wahrhaben, dass es so etwas gibt.

Eine der mutmaßlich über 20.000 geprellten Anleger und Anlegerinnen

Razzien 2013: Zahlreiche Beschlagnahmungen

Im November 2013 durchsuchten hunderte Polizisten die Infinus-Geschäftsräume in Dresden, beschlagnahmten Luxusautos, Unterlagen und Computer. Die Chefs der Infinus-Firmen wurden verhaftet. Die dominante Figur bei Infinus war Jörg B. Er ist der Hauptangeklagte. Bei ihm zu Hause fanden Ermittler knapp einen halben Zentner Goldbarren im Wert von über einer halben Millionen Euro.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Infinus-Manager die Zinsen für die Anleger stets pünktlich bezahlt. Das war aus Sicht der Staatsanwaltschaft aber nur möglich, weil ständig neue Anleger frisches Geld in die Kassen brachten – ein Schneeballsystem. "Das wäre nach unseren Erkenntnissen nicht mehr lange gut gegangen", sagt Lorenz Haase von der Staatsanwaltschaft Dresden.

Grußworte Kurt Biedenkopfs in Firmenbroschüre verliehen Seriösität

Einer, der Infinus-Anlagen an Kunden vermittelt hatte, ist Axel Nagel. Das Besondere: Er war schon damals Bürgermeister einer Thüringer Gemeinde. Gutgläubig vertrieb er die Infinus-Anlagen auch an die Leute aus seinem Ort. An der Seriösität der Firma hatte er nie Zweifel. 2014 legte er im Rahmen einer Umschau-Berichterstattung eine Firmenbroschüre vor. Der ehemalige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf hatte darin ein Grußwort für eine Infinus-Firma verfasst. "Das war für mich und für die Kunden ein ganz wichtiger Baustein in vielen Beratungsgesprächen", sagte Nagel damals. Man habe nicht befürchten müssen, dass das nicht seriös sei.

Axel Nagel
Axel Nagel zeigte 2014 die Broschüre mit dem Grußwort Kurt Biedenkopfs vor. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tausende Geschädigte klagen

Viele Infinus-Firmen meldeten Insolvenz an. Geschädigte erfuhren hier oft erstmals, dass sie womöglich den Großteil ihrer Ersparnisse verloren haben. Die meisten wollten sich damit nicht abfinden. Sie versuchten ihr Geld zu retten, klagten gegen die Vermittler, gegen Firmenchefs und Wirtschaftsprüfer. Das führte zur einer Prozesswelle, die 2014 auf die Gerichte zurollte. "Abgesehen von dem immensen Aktenumlauf, den die Geschäftsstellen zu bewältigen hatten, der auch Platzbedarf benötigt hat, musste eine neue Kammer eingerichtet werden, auf die dann diese Fälle spezialisiert worden sind", sagt Jens Hebert vom Landgericht Leipzig. Bis heute sind allein dort noch immer noch 400 Verfahren anhängig.

Jens Hebert vom Landgericht Leipzig
"Es musste natürlich auch eine neue Kammer extra eingerichtet werden, auf die dann diese Fälle spezialisiert worden sind", erklärt Jens Hebert vom Landgericht Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Insolvenzverfahren soll 2022 abgeschlossen sein

Nach der Pleite der Infinus-Firmen sollen Insolvenzverwalter noch vorhandene Werte der Infinus-Firmen zu Geld machen und an die Gläubiger auszahlen. Die Immobilien der Firmen-Gruppe, viele davon in Dresden, kamen größtenteils schon 2014 unter den Hammer. Das Insolvenzverfahren ist nach acht Jahren aber immer noch nicht abgeschlossen. "Diese Gemengelage von verschiedenen Vermögenswerten in verschiedenen Größenordnungen ist hier in diesem Verfahren sicher eine Besonderheit", sagt Insolvenzverwalter Frank-Rüdiger Scheffler.

Im kommenden Jahr soll das von ihm geführte Insolvenzverfahren aber abgeschlossen werden. Die Gläubiger könnten damit rechnen, zwischen 15 und 20 Prozent ihres Geldes zurückzubekommen. Bei den meisten Managern der Infinus-Gruppe dürfte indes kaum mehr etwas zu holen sein. Sie haben größtenteils Privatinsolvenz angemeldet.

Ex-Manager zu Haftstrafen verurteilt - Revision am BGH läuft

2018 hat das Landgericht Dresden sechs Ex-Manager des Infinus-Konzerns in erster Instanz schuldig gesprochen und zu Haftstrafen verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass sie die Anleger getäuscht, Bilanzen gefälscht und ein Schneeballsystem betrieben haben. Gegen die für viereinhalb bis acht Jahre verhängten Freiheitsstrafen sind die Ex-Manager in Revision gegangen. Die Urteile werden derzeit am BGH geprüft. Im Oktober soll die Entscheidung verkündet werden.

Ulf Israel ist der Verteidiger des Hauptangeklagten. Der Rechtsanwalt verlangt weiter einen Freispruch. Die Infinus-Gruppe sei eine seriös betriebene Firma gewesen, erklärt Ulf Israel: "Das war ein gut gehendes Unternehmen. Ob es so gut ging, wie die Kunden sich vorgestellt haben oder nicht, das ist eine Frage, auch, was da das Urteil dazu sagt, und da haben wir größte Zweifel. Und ich glaube, auch der Maßstab, den das Gericht, insbesondere natürlich der Vorsitzende, dort angestellt hat, ist falsch. Das werden wir mit dem Bundesgerichtshof auch diskutieren", sagte Ulf Israel im Vorfeld des Revisionstermins am 11. Oktober.

Ende Oktober will das Gericht eine Entscheidung verkünden. Dass es hier tatsächlich zu einem Freispruch kommen sollte, halten Fachleute für unwahrscheinlich.

Quelle: MDR Umschau

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 12. Oktober 2021 | 20:15 Uhr

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