Corona-Folgen für Kinder und Jugendliche Wann bitte geht das Leben los? Eine 15-Jährige und ihr Leben im Lockdown

Seit Monaten debattieren Politiker, Eltern und Bildungsvertreter über Kinder und Jugendliche, und welche Spuren die Pandemie in ihrem Leben hinterlassen wird. MDR SACHSEN hat persönlich nachgefragt. Luzia Manuwald ist jetzt 15 Jahre. Nach einer Durststrecke hat sie viel über sich gelernt und weiß heute, wie wertvoll allein ein Schwimmbad- oder Kinobesuch sein kann.

Luzia Manuwald
Blick nach vorn: Für die 15-jährige Luzia Manuwald liegt die Herausforderung der Pandemie im Unsichtbaren. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Luzia hat bei der Interviewanfrage gleich zugesagt. "Sie hat richtig Lust", erklärte ihr Vater noch vorab am Telefon. "Wir müssen nicht dabei sein", sagte ihre Mutter. "Da ist sie viel freier." Jetzt sitzt Luzia auf einer Bank an der Elbe, die Vögel zwitschern, die Kirschen blühen – rein äußerlich deutet nichts auf eine weltweite Pandemie, die viele als die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnen.

Jungen Menschen zuhören

Luzia lacht zur Begrüßung, ihre langen Haare flirren in der Sonne, die Strickjacke leuchtet wie das Rot der Blüten. Warum war sie gleich bereit, mit uns zu sprechen? "Ich finde es schön, wenn man uns mit einbezieht, wir haben ja auch eine Meinung", erklärt die Dresdnerin. Es sei doch wichtig, jungen Menschen zuzuhören. "Nur so kann man eine Gesellschaft gesund aufbauen."

Ziemlich kluge Sätze. Während diese noch nachflackern, fragt sich die Autorin klammheimlich: War sie so vernünftig mit 15 Jahren? War sie so reflektiert? Leichter Zweifel wedelt hinten am Bewusstseinshorizont. 15 Jahre – das war doch die Zeit, als sie mit dem Fahrrad von Dorf zu Dorf, Disco zu Disco oder Freibad zu Freibad zogen. Das alles kann Luzia nicht machen. Schon seit mehr als einem Jahr nicht. Nichts mit Partys, nichts mit Tanzen und Musik und vielen Freunden auf einem Fleck. Wann bitte geht das Leben los?

Die Herausforderung des Unsichtbaren

Für Luzia liegt die große Herausforderung im Unsichtbaren. "Ich finde es schlimm, dass so viele Menschen sterben, doch man sieht es nicht", sagt die 15-Jährige. Neulich habe ein positiver Fall in der Klasse wieder mal gezeigt, "wie nah alles ist". Trotzdem, das kauft man der Neuntklässlerin sofort ab: "Mir reicht's", sagt sie. "Ich will endlich wieder etwas Normalität." Luzia glaubt nicht, dass das Virus bald verschwindet. Desto mehr hofft sie, "dass wir lernen, damit zu leben."

Für mich ist es traurig, weil ich nur wenige Freunde sehen kann. Du kannst Zeit nicht einfach wieder zurückholen. Die Jugend bekommt man nicht wieder.

Luzia Manuwald
Luzia Manuwald hofft auf baldige Normalität: "Wir müssen lernen mit dem Virus zu leben." Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Doch Luzia will nicht falsch verstanden werden. "Ich gehe nicht raus und mache einen auf 'egal', das finde ich respektlos, gegenüber denen, die gestorben sind." Während sie das sagt, beginnt das Glockenspiel am Japanischen Palais zu läuten. Radfahrer ziehen vorbei. Im Hintergrund drehen ein paar Japanerinnen Videos vor blühenden Kirschbäumen.

Wenn sich die Zeit wie Kaugummi zieht

Als die Pandemie begann, war Luzia 14 Jahre alt. Jetzt hat sie ihren 15. Geburtstag gefeiert. Die Pandemie dauert also schon ein Fünfzehntel ihres Lebens. Das hieße übertragen für eine oder einen Vierzigjährige(n), dass die Corona-Zeit bereits zweieinhalb Jahre dauern würde. Verdammt lang! Und kein Ende in Sicht. Es gab Tage, da hat sich die Zeit für Luzia ewig gezogen. Da ist sie stumm geworden. Ihre Freundinnen auch. "Es gab eine Phase, da konnten wir nicht mehr reden, da gingen uns die Themen aus", erinnert sich Luzia. Alles sei gleich gewesen, keine Abwechslung, alles öde. Die Stimmung ganz unten, die Zahlen ganz oben. Auf einmal verschlechterte sich ihre Haut dramatisch. "Da habe ich mitbekommen, wie schlecht es mir eigentlich geht."

Der schwierige Kampf gegen die Einsamkeit

Luzia kann sich genau erinnern, wann das begonnen hat, zu Beginn des zweiten Lockdowns im November. "Ich bin in eine Depression gefallen, weil ich so allein war - und ich war vorher nie allein." Die Freunde, die Erlebnisse – irgendwie fehlte ihr alles. "Mir ging es superschlecht, ich habe ja nur ständig Aufgaben erledigt und hatte überhaupt keinen Spaß." Ihre Freundinnen zogen sie wieder hoch, wohnten zwischenzeitlich bei ihr. Drei Herzen, eine Seele. "Sie haben sich sehr gekümmert", erzählt Luzia. "Wenn wir zusammen waren, fühlte ich mich glücklich. Doch kaum allein, spürte ich wieder die Einsamkeit."

Alle haben Hobbys - und ich?

Dann kam der Punkt, als es Klick machte. Sie merkte, dass sie etwas ändern muss. "Da habe ich mir gesagt, raff‘ dich wieder auf", erinnert sich Luzia. "Das Problem war ja, ich hatte keine Hobbys. Alle machten Musik, Kunst, spielten Klavier oder konnten sich in andere Dinge endlos vertiefen." Sie begann sich also, eine Beschäftigung zu suchen. Irgendetwas Schönes, was sie nach den Schulaufgaben machen konnte. Es wurden keine Gemälde, kein Klavier, keine gestrickten Pullover - dafür Sport und Torten. Kunstvolle Gebilde aus zarter Sahne, Früchten und Teig. Neue Kreationen, Schokolade neben Himbeeren. Liebevoll drapiert. Eine Liebeserklärung an die Kunst des süßen Genusses.

Später den Eltern erzählt

Und die Eltern? Wie haben sie reagiert? "Ich glaube, meine Eltern haben es am Anfang gar nicht bemerkt, wie schlecht es mir ging", sagt Luzia. "Ich denke, das ist die Depression, du spielst." Trotzdem habe sie gefühlt, dass ihre Eltern für sie da waren, auch "wenn wir nicht geredet haben".

Ich habe es ihnen später erzählt. Ich glaube, es ging ihnen sogar ähnlich.

Erlösung Wechselunterricht

Die Glocken am Palais schlagen erneut. Die letzte Stunde verging wie im Flug. Jetzt schlägt es zwölf Uhr. Plötzlich drängt sich das zerrende Gefühl eines schlechten Gewissens auf. Müsste Luzia nicht in der Schule sein? "Nein", sagt sie lachend. "Wir haben jetzt Wechselunterricht. Montag, Dienstag und Mittwoch Präsenz in der Schule, Donnerstag und Freitag selbstständiges Arbeiten mittels zugesandter Aufgaben. "Ich bin sehr sozial. Wenn ich Menschen um mich herum habe, kann ich einfach viel besser arbeiten", erklärt Luzia. Probleme in der Schule habe sie immer durch Mitarbeit ausgeglichen. Das sei allerdings mit Homeschooling unmöglich geworden. "Immer nur dieser Bildschirm", Luzia blickt schon unbewusst genervt, als sie das erzählt.

Homeschooling ist deswegen für mich gar nichts. Das liegt aber nicht an den Lehrern, sondern schlichtweg an der Motivation auf beiden Seiten, die von Stunde zu Stunde schwindet.

Jetzt also zumindest die teilweise Wiedereröffnung der Schulen. Der Wechselunterricht wie eine Erlösung. Endlich kann sie wieder Schulfreunde sehen. Und noch einen Vorteil gibt es: "Der Wechselunterricht ist cool, um wieder reinzukommen. Es geht nicht plötzlich von Null wieder auf hundert."

Und die Liebe?

Luzia Manuwald
Luzia freut sich über den Frühling. Im Winter sind ihr und ihren Freunden beim Spazieren fast die Finger eingefroren. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Ja, und wie funktioniert das mit der Liebe und den Flirts? Ist nicht die Jugend das Alter, in dem man schwärmt und bauchkribbelnd Erfahrungen sammelt? Luzia lächelt ein wenig ertappt, gibt dann aber dennoch Auskunft. "Man lernt sich im Chat kennen und schreibt sich", erzählt sie. "Snapchat ist in diesen Zeiten sehr beliebt." Die sympathischen Jungs habe sie dann getroffen. Doch wohin in dem langen kalten Winter? Das erste Date kann man ja nicht gleich zu Hause - bei den Eltern! - empfangen. "Man geht in die Stadt, läuft herum und redet." Wenn es zu kalt wurde, bot die Altmarktgalerie mit offenen Lebensmittelgeschäften Temperaturen über Null. "Manchmal sind uns die Hände abgefroren."

Kein Verständnis für "Querdenker"

Und die Zukunft? Wie geht es jetzt weiter? "Ich wünsche mir, dass die Politiker die Augen aufmachen und sehen, wie wir leiden", erklärt Luzia. Am liebsten wäre der Neuntklässlerin ein "neuer strammer Lockdown mit zwei Wochen Vollquarantäne, um die Infektionen einzudämmen und den Sommer zu retten." Für Luzia gibt es jedoch ein Grundproblem: "Man muss das in einer Gemeinschaft durchhalten, je mehr wir uns an die Regeln halten, umso schneller geht es vorbei." Für die "Querdenker" hat sie deswegen Null Sympathien übrig - wie alle ihre Freunde und Bekannten. "Dass die 'Querdenker' demonstrieren, finde ich respektlos."

Wir Kinder und Jugendliche würden auch auf die Straße gehen, doch wir machen es nicht, weil man so etwas in einer Pandemie nicht tut.

Augen zu und durch

Also? "Augen zu und durch", sagt Luzia fast schon kämpferisch. Vielleicht ist diese Pandemie eine Zeit, in der die Älteren viel von jungen Menschen lernen können. Luzia jedenfalls, das erzählt sie, hat für sich selbst schon viel gelernt. "Niemals vorher war mir bewusst, wie wertvoll allein ein Tag im Schwimmbad oder im Kino sein kann – oder auch Weihnachten in Familie." Ja, das wünscht sie sich. Ein kleines Stück Normalität. Ihre Cousinen, Cousins, Tanten und Onkels endlich wieder zu sehen. Und Gesundheit – für ihre Familie und überhaupt, alle.

Was bleibt?

Eine Sache wird Luzia jedoch nie vergessen: Als sie im ersten Lockdown drei Monate im Feriendomizil der Eltern im Erzgebirge verbringen musste - mit schlechtem Internet. "Damals stand ich im strömenden Regen auf der Straße, um im WLAN Filme zu laden und Freunden Videos zu senden. War das beschissen." Jetzt ist über ein Jahr vergangen, was bleibt? "Man lernt durch Corona, Zeit mit Freunden und Familie mehr wertzuschätzen."

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 04. Mai 2021 | 20:00 Uhr

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