Hörer machen Programm Wie geht die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen im Bistum Dresden-Meißen voran?

An den katholischen Kirchen gibt es viele Missbrauchsfälle, deren Aufarbeitung nur schleppend vorangeht. Auch im Bistum Dresden-Meißen gab es seit 1945 über 50 Fälle von Missbrauch. MDR-AKTUELL-Hörer Gregor Albrecht fragt sich, ob und wie die Aufarbeitung im Bistum Dresden-Meißen vorangeht.

Das Grab des Ex-Pfarrers Herbert Jungnitsch
Das Grab von Priester Herbert Jungnitsch, der mindestens vier Minderjährige sexuell misshandelt hat, wurde vor wenigen Monaten eingeebnet. Bildrechte: dpa

Auf dem Südfriedhof in Heidenau erinnern nur noch ein paar Blumentöpfe an die Grabstätte von Herbert Jungnitsch. Der katholische Priester hat in den 1960er-Jahren mindestens vier Minderjährige schwer sexuell misshandelt. Das Bistum Dresden-Meißen hatte schon vor über 20 Jahren erste Hinweise erhalten. Vor wenigen Monaten wurde Jungnitschs Grab eingeebnet, 50 Jahre nach seinem Tod. Auch das ist eine Art Aufarbeitung, wenn auch reichlich spät.

Untätig sei man aber nicht, sagt Michael Baudisch, der Sprecher des Bistums: "Es ist so, dass wir auch schon mit Aufarbeitungsbemühungen begonnen haben. Wenn Sie zum Beispiel das Stichwort Heidenau nennen, sei es Gemeindeabende, Infoabende. Wir rufen auf, dass Betroffene sich weiterhin melden können. Es ist nicht so, dass in diesen Punkten nichts passiert ist."

Der Fall Jungnitsch ist nicht der einzige im Bistum Dresden-Meißen. 53 Missbrauchsfälle seit 1945 listet das Bistum aktuell auf seiner Webseite auf. Begangen von insgesamt 29 Klerikern oder Kirchenmitarbeitern. Die meisten dieser Fälle sexueller Gewalt kamen erst in den vergangenen Jahren ans Licht.

Beginn der Aufarbeitung

Noch hat das Bistum Dresden-Meißen keine offiziellen Untersuchungen oder Ähnliches in Auftrag gegeben. Doch in wenigen Wochen werde eine neunköpfige Aufarbeitungskommission ihre Arbeit aufnehmen, sagt Michael Baudisch: "Das Gremium ist derzeit zusammengesetzt. Wir sollen jährlich einen Zwischenbericht erhalten. Nach fünf Jahren erwarten wir einen vorläufigen Abschlussbericht. Wir gehen davon aus, dass das alles seinen Gang nimmt. Aber ein Enddatum werden wir jetzt nicht schon definieren können."

Derartige Aufklärungskommissionen soll es in allen deutschen Bistümern geben. Darauf haben sich vor zwei Jahren die Bistümer gemeinsam mit der Bundesregierung verständigt. Sie sollen unabhängig sein und vor allem: Sie sollen Betroffene einbeziehen. Doch das komme nur schleppend voran, beobachtet Kerstin Claus, die Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des Kindesmissbrauchs. Sie kritisiert, dass es Betroffenen an Informationen fehle.

Das habe sich in verschiedenen Bistümern gezeigt. Deswegen sei es schwierig, die Beteiligung der Betroffenen in den Gremien zu ermöglichen: "Auch für das Bistum Dresden-Meißen gilt, dass sich wenige Betroffene gemeldet haben. Aus meiner Perspektive ist das eine der offenen Baustellen, nicht nur in Dresden-Meißen, sondern auch in vielen anderen Bistümern, dass es bisher nicht gelungen ist, gute Wege der Beteiligung von Betroffenen zu finden und sich deswegen Betroffene gar nicht melden und beteiligen wollen. Hier muss etwas passieren", fordert Claus.

In der Aufarbeitungskommission des Bistums Dresden-Meißen werden zwei Betroffene mitwirken, außerdem wird es einen Betroffenenbeirat geben. Das gilt übrigens auch für das Bistum Görlitz, wo ebenfalls in wenigen Wochen eine Aufklärungskommission ihre Arbeit beginnen soll.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 26. Juli 2022 | 06:00 Uhr

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