Ausbaupläne Bahn will mit Tunnel Züge nach Berlin und Leipzig drei Minuten schneller machen

Die Deutsche Bahn AG will Tempo beim Ausbau der Strecke Dresden–Berlin machen. Derzeit laufen Vorplanungen für eine Streckenbegradigung zwischen Niederau und Kottewitz im Landkreis Meißen. Dort soll ein etwa zwei Kilometer langer Tunnel aus zwei Röhren entstehen, geht es nach den Projektplanern der Bahn. Das Vorhaben hat der Verkehrskonzern am Dienstagabend allen Interessierten bei einem ersten Bürgerdialog online präsentiert.

Eine schwarze E-Lok zieht einen Kesselwagenzug über eine zweigleisige Bahnstrecke.
Etwa an dieser Stelle unterhalb des Gellertbergs soll die Strecke Richtung Berlin begradigt werden. Bildrechte: MDR/L. Müller

Rund 120 Teilnehmer haben nach Angaben der Bahn am Dienstagabend die Präsentation der Tunnelbaupläne nahe des Ortes Niederau online verfolgt und Fragen gestellt. So interessierten sich örtliche Feuerwehren bereits für Tunnelrettungen, Anwohner sorgten sich um sinkende Grundwasserstände und Umweltschützer um gefährdete Tierarten. Die Bahn muss für ihr Vorhaben auch Grund erwerben, was Bauern in der Region beunruhigt. Einer wollte wissen, wie er künftig zu seinen Feldern kommt. Andere kritisierten die hohen Baukosten, bei einem Fahrzeitgewinn von drei Minuten.

Schließlich stellte sich noch die Frage, wieso in diesem Jahr bei Gröbern eine Straßenbrücke über eine Bahnstrecke erneuert wird, deren Gleise dort in zehn Jahren unter die Erde sollen. Der Straßenbau liegt nach Angaben der Bahnvertreter beim Landesamt für Straßenbau und Verkehr. Laut Bahn sei die Straßenbrücke marode und müsse noch zehn Jahre dem Autoverkehr standhalten.

Streckenkarte der Eisenbahn mit einem geplanten Tunnel bei Niederau im Landkreis Meißen
Diese Karte zeigt den geplanten Tunnel. Die Berliner Bestandsstrecke mit dem Bogen ist in Orange hinterlegt. Links daneben in Weiß ist die alte Leipziger Strecke zu sehen. Diese wird vorrangig von Regionalzügen genutzt. Bildrechte: Deutsche Bahn AG

Züge nach Berlin und Leipzig

Über diesen Streckenabschnitt bei Niederau fahren alle Züge zwischen Dresden und Berlin sowie die Fernreisezüge und Güterzüge zwischen Dresden und Leipzig, die seit zehn Jahren den Knoten Coswig umfahren und bei Böhla auf eine Neubaukurve abbiegen, um dann zur alten Leipziger Strecke nach Weißig zu fahren. Bislang verläuft die alte Berliner Strecke bei Niederau durch zahlreiche Kurven. Die Bahn will sie nun durch einen schnurgeraden Tunnel flach unter dem Kockelsberg führen.

Diese Reisezüge fahren derzeit auf der betroffenen Strecke:

  • ICE-Linie Dresden - Leipzig - Frankfurt/Main - Wiesbaden alle zwei Stunden
  • IC-Linie Dresden - Leipzig - Hannover - Köln alle zwei Stunden
  • EC-Linie Budapest - Prag - Dresden - Berlin - Hamburg - Kiel/Westerland alle zwei Stunden
  • Railjet Graz - Wien - Prag - Dresden - Berlin einmal pro Tag

ICE-Zug mit Neigetechnik der Deutschen Bahn bei Dresden
Auch die ICE-Züge zwischen Dresden und Frankfurt sollen ab Mitte der 2030er-Jahre von einer begradigten Strecke bei Niederau profitieren. Bildrechte: MDR/L. Müller

Gemeinde Niederau rechnet mit regem Bürgerinteresse

Niederau ist besonders von den Umbauplänen der Bahn betroffen. Die Gemeinde sei bisher aber noch nicht mit Stellungnahmen in das Projekt involviert, sagte Bürgermeister Steffen Sang. Man rechne jedoch mit regem Interesse der Bürger. Dem Rathaus wurden bisher mehrere Varianten vorgestellt, die der Bürgermeister nicht näher kommentieren wollte.

Wichtig sei der Gemeinde, dass das Naherholungsgebiet am Waldbad Oberau und am Gellertberg für alle Fahrzeuge erreichbar bleibt. Die dortige Forststraße, die an einem beschrankten Bahnübergang die alte Eisenbahntrasse quert, diene auch als Umleitungsstrecke für Linienbusse und müsse auch ortsnah die künftige Bahnstrecke ohne Einschränkungen queren.

Niederauer an Bahnlärm gewöhnt

Ob Landwirte ihren Boden für die neue Streckenführung zu einem Tunnel hergeben, vermag der Bürgermeister nicht zu beurteilen. Mindestens ein Anwesen sei inklusive Immobilie dem Bahnbau im Weg. Sang verweist darauf, dass Grund und Boden als möglicher Ausgleich in der Region Mangelware seien.

An den Eisenbahnverkehr der beinahe parallel und in Sicht- und Hörweite verlaufenden Bahnstrecken Dresden–Leipzig und Dresden–Berlin mit den Geräuschen der Züge rund um die Uhr habe sich der Ort seit mehr als 100 Jahren gewöhnt. Und zu beurteilen, ob die Kosten für einen Tunnelbau den Fahrzeitgewinn von wenigen Minuten rechtfertigen, liege nicht in der Kompetenz der Kommune, ergänzt Bürgermeister Sang.

Bahn muss Grund kaufen

Eine Bahnsprecherin berichtete auf Anfrage von einem "Austausch mit den Gemeinden Niederau und Priestewitz". Man erlebe "bisher eine sehr konstruktive Zusammenarbeit". Es werde voraussichtlich Grunderwerb für die Umsetzung notwendig, so die Konzernsprecherin weiter. "Die genauen Daten dazu werden sich in den kommenden Planungsphasen ergeben." Mit einem direkt betroffenen Eigentümer befindet sich die Bahn bereits im Austausch. Man strebe einvernehmliche Lösungen an.

Die nahegelegene Deponie Gröbern wird nach jetzigen Planungen von dem Tunnelbau nicht berührt. Der Tunnel verläuft laut Projektstudien östlich der Deponie, die Bestandsstrecke jetzt noch westlich davon. Er beginnt Richtung Berlin nahe der Grenzstraße in Niederau und endet etwa 550 Meter südlich der Ortschaft Großdobritz.

Ein Eurocity-Zug fährt an einem trüben Tag durch Dresden.
Eurocity zwischen Dresden und Berlin sollen schon in wenigen Jahren die Strecke in 1:20 Stunde schaffen. Bildrechte: MDR/L. Müller

Tunnel bringt drei Minuten Fahrzeitgewinn

Mit den Vorplanungen will die Deutsche Bahn bis Jahresende fertig werden. Der weitere Zeitplan sei abhängig von der Finanzierung und Vergabe der Entwurfs- und Genehmigungsplanung, so die Sprecherin. "Im günstigsten Fall ist ein Baubeginn zum Ende des laufenden Jahrzehnts möglich."

Reisezeiten zwischen Dresden und Berlin (Auszug)
Fahrplanjahr/Zug Reisezeit Strecke Quelle
1985/86 Schnellzug "Progreß" 2:08 Stunden Dresden Hbf - Berlin-Lichtenberg Kursbuch Deutsche Reichsbahn
1995 Eurocity "Porta Bohemica" 1:54 Stunde Dresden Hbf - Berlin-Lichtenberg Fernbahn.de
2015 Eurocity 2:04 Stunden Dresden Hbf - Berlin Hbf DB AG
seit 2017 Eurocity 1:47 Stunde Dresden Hbf - Berlin Hbf DB AG
ab Ende 2022 Eurocity 1:42 Stunde Dresden Hbf - Berlin Hbf DB AG
ab Ende 2025 Eurocity 1:32 Stunde Dresden Hbf - Berlin Hbf (über wiederaufgebaute Dresdner Bahn in Berlin) DB AG
ab Ende 2028 Eurocity 1:20 Stunde Dresden Hbf - Berlin Hbf DB AG

Laut Planern könnte der fertige Tunnel die Fahrzeiten um weitere drei Minuten verkürzen. Die Kosten lägen schätzungsweise im dreistelligen Millionen-Bereich, hieß es. Allerdings dürfe die Begradigung nicht separat betrachtet werden, sondern sei ein Mosaikstein im gesamten Eisenbahnnetz, zu dem südwärts auch der geplanten Eisenbahntunnel durch das Erzgebirge Richtung Prag gehöre. Die Bahnvertreter betonten, die Streckenbegradigung sei zudem im Bundesverkehrswegeplan gesetzlich verankert und müsse deshalb umgesetzt werden. Aus diesem Grund könnten die Gelder nicht anderweitig, etwa für eine Sanierung der nahe gelegenen Regionalstrecke Meißen–Döbeln verwendet werden.

Quelle: MDR/lam

Dieses Thema im Programm von MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 14.04.2021 | 06:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus Dresden

6 Kommentare

Beatrice123 vor 22 Wochen

Geld für die Strecke Dresden-Döbeln muss trotzdem da sein und das wird es, da die Bus-Linie Meissen-Döbeln eingestellt wird das daraus gewonnene Geld fliesst dann in die Züge! Rosswein und Nossen wollen endlich wieder ans Bahnnetz!

oehajo vor 22 Wochen

Warum Unsummen ausgeben für nur 3 min Zeiteinsparung? Deutschlands Bahnhöfe sind marode, selbst in den Landeshauptstädten findet man zT. nachts keine geöffneten Toiletten. Beheizte Warteräume für Reisende, wenn überhaupt vorhanden, sind meist zu klein und bieten keine ausreichenden Sitzmöglichkeiten. An vielen Umsteigebahnhöfen steht man selbst bei Minusgraden 1 Stunde und länger auf unüberdachten Bahnsteigen. Weder Getränkeautomat (zum Aufwärmen) oder Toiletten sind vorhanden. Das sind die Bedürfnisse, die ein Bahnreisender wirklich hat. Drei Minuten Zeiteinsparung braucht niemand.

GEWY vor 22 Wochen

Nicht zu vergessen, die durchgehende Verbindung der ca. 170km langen Strecke wurde schon 3 Jahre nach dem "Befehl des Königs" zu bauen, in Betrieb genommen. Das war 1875. Nach 3 Jahren ist heute noch nicht mal die Planfeststellung durch.

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