Pandemie Ein Jahr Ort des Gedenkens für Corona-Tote in Meißen

Hunderte Corona-Kranke starben während der Lockdowns allein in ihren Betten, ohne dass Angehörige Abschied nehmen konnten. Um der Trauer Raum zu geben, hat die Johanneskirchgemeinde Meißen vor einem Jahr die St.-Urbanskirche als offiziellen Ort des Gedenkens geöffnet. Am Mittwoch ziehen die Initiatoren ein Fazit.

Mit einem gestalteten Gottesdienst wird am Mittwochmittag in der St. Urbanskirche Meißen an die Toten erinnert, die im Zusammenhang mit Corona oder an Corona gestorben sind. Seit genau einem Jahr steht die Kirche an der Dresdner Straße als Gedenkort für Hinterbliebene und Trauender offen. Vor zwei Jahren war am 2. März der erste bestätigte Corona-Infizierte in Sachsen registriert worden. Vor einem Jahr öffnete der Gedenkort als erster in Sachsen seine Tür. Auch daran soll am Mittwoch 12 Uhr und am Abend um 18 Uhr erinnert werden, kündigt Pfarrerin Renate Henke im Gespräch mit MDR SACHSEN an.

Ein Arbeitskreis der Johanneskirchgemeinde hatte den Gedenkort vor etwas mehr als einem Jahr angeregt, als Meißen bundesweiter Corona-Hotspot war. Nach Angaben des Landratsamtes Meißen (Stand: 1. März 2022) sind seit Beginn der Pandemie im Landkreis 911 Menschen an oder mit Corona gestorben. Vor einem Jahr waren es 531.

Klage und Anklage häufiger als geteilte Erinnerungen

Der Gedenkort sei "ein leiser Ort", der angenommen worden ist, urteilt die Pfarrerin, fügt aber hinzu: "anders, als wir es vor einem Jahr gedacht haben". Der Arbeitskreis und sie hatten erwartet, dass trauernde Menschen das Gespräch suchen würden, um über ihre toten Angehörigen oder Arbeitskollegen zu sprechen. Immerhin seien viele Erkrankte allein und ohne Beistand in isolierten Krankenhäusern gestorben. Abschiednehmen sei anfangs kaum, später nur eingeschränkt möglich gewesen. Eine Tafel als Erinnerungswand für Namen, Bilder oder Erinnerungen vor dem Altar in der Urbanskriche sei aber nur spärlich genutzt worden. Eine zweite Wand, an die Klagen oder Anklagen geheftet werden können, werde häufiger beschrieben.

Weinen in der Stille

"Insgesamt ist zu beobachten, dass sich die Menschen sehr ins Private und Innerliche zurückgezogen haben. Mit Maske kann man ja auch kaum miteinander sprechen", meint Henke. Unlängst habe ihr ein Besucher das wieder vor Augen geführt. Der Mann sei mit dem Fahrrad in die Kirche gekommen, habe das Rad bis vor den Altar geschoben, dann eine Kerze angezündet und sich still weinend in eine Bank gesetzt. "Erst auf Nachfrage erzählte er mir: 'Ich habe meinen Vater verloren'".

Krisen und Krieg

Zwischen zehn bis 20 Menschen aus Meißen, Dresden oder Besucher des nahegelegenen Friedhofs kämen tagsüber in die Kirche. Wie viele genau es innerhalb eines Jahres waren, weiß keiner.

Wir halten die Urbanskirche weiter dauerhaft offen, weil es uns ein Bedürfnis ist. Die Kirche soll ein Erinnerungsort für alle in Sachsen sein, die trauern, auch, wenn sie keiner Konfession angehören.

Renate Henke evangelische Pfarrerin

Neben der Pandemie spiele in diesen Tagen auch die politische Weltlage und Russlands Krieg gegen die Ukraine eine Rolle und würden in den Gebeten aufgegriffen.

Ein Kirche steht auf einem Friedhof. Der Himmel über der Kriche strahlt frühlingshaft hell und sonnig. Man blickt auf den Turm und Eingang der St. Urbanskirche in Meißen, die auch als Freidhofskirche genutzt wird.
Die St. Urbanskirche in Meißen ist täglich zwischen 7 und 20 Uhr geöffnet. Bildrechte: Kathrin König

MDR (kk)

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