Trauerbewältigung in Meißen Gedenken an Corona-Tote: Die Sprachlosigkeit nimmt zu

Zum nationalen Gedenktag für die Corona-Toten am Sonntag wird auch die St.-Urbanskirche in Meißen allen Trauernden offen stehen. Der Gedenkort war einer der ersten in Sachsen überhaupt, an dem Trauernde und Betroffenen der Pandemie täglich Raum hatten für Trauer und Gesprächsbedarf.

Coronagedenken Trauer
Bildrechte: MDR /dpa / imago / Wilhelm Mierendorf / imago / Uwe Meinhold

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat alle Kommunen und Institutionen dazu aufgerufen, sich auf ihre Art und nach ihren Möglichkeiten am zentralen Gedenktag für die Corona-Toten einzubringen. Das soll am Sonntag mit Kerzen und Blumen an Gedenkorten geschehen, mit Traueranzeigen der Stadtverwaltungen, Schweigeminuten, Trauerbeflaggung vor Rathäusern oder Glockenläuten. In der Oberlausitz beteiligen sich mehrere Kirchgemeinden am Corona-Gedenken. In Leipzig will das Universitätsklinikum an die Patientinnen und Patienten erinnern, die in den vergangenen Monaten am UKL ihren Kampf gegen das Virus verloren haben.

Krise erschwert Abschiedsrituale

"Der offizielle Gedenktag ist wichtig, denn die Pandemie betrifft mittlerweile alle in diesem Land. Jeder ist von Einschränkungen beeinflusst oder kennt jemanden, der gestorben ist", sagt Pfarrerin Renate Henke von der Johanneskirchgemeinde Meißen-Cölln. Ein Team ihrer Gemeinde und sie gestalten täglich mittags und abends Andachten in der St. Urbanskirche - nicht nur am nationalen Gedenktag.

Lieber Papa, ich wünsche Dir eine gute Reise und hoffe, dass du nun keine Schmerzen mehr hast und glücklich mit Deinen Eltern vereint bist.

Angehörige in Meißen aus einem Brief an der Erinnerungstafel

Anfang März hatte die Kirchgemeinde die Kirche zum offiziellen Gedenk- und Andachtsort für Corona-Opfer in der Stadt und im Landkreis Meißen ernannt. Seither kommen regelmäßig Menschen in die kleine Kirche. Kinder haben ein Herz gebastelt, es werden Kerzen angezündet, hinterbliebene Ehepartner haben Briefe an eine Erinnerungstafel gepinnt, Töchter und Söhne verabschieden sich schriftlich von ihren Eltern. Unter den Fotos von Verstorbenen sind auch treue Mitglieder der Kirchgemeinde.

Uns belastet sehr, dass wir nicht Abschied von Dir nehmen konnten, von Dir, lieber Vati...

Angehörige in Meißen Auszug aus einem Schreiben an der Gedenkwand

Sprachlosigkeit und viel Redebedarf

Gegenüber der Tafel steht eine Art Klage-Wand, an der Betroffene ihren Kummer, ihre Gedanken, aber auch Wünsche anbringen können. "Es herrscht allgemein eine große Sprachlosigkeit über die Corona-Toten. Auf der anderen Seite haben die direkten Angehörigen einen großen Redebedarf, weil das Trauern in Corona-Zeiten noch schwerer ist, als sonst", meint Pfarrerin und Seelsorgerin Henke.

Mein Vati ist im November an Corona verstorben. Kann das bis heute nicht verarbeiten. Das Schlimme war, dass man nicht ins Krankenhaus konnte. Erst als es zu spät war. Es war so grausam.

Frau S. aus Scheibenberg Angehörige und selbst an Corona erkrankt

Viele hätten sich gar nicht verabschieden können, Beerdigungen seien nur in kleinem Rahmen möglich und wegen der Kontaktbeschränkungen fehlten Kontakte und Nähe. "In Gesprächen merke ich, dass die Menschen fast schon menschenscheu geworden sind. Die Sprachlosigkeit nimmt zu. Besonders bei denen, die keine Schwäche zeigen wollen", meint Renate Henke.

Zeichen der Hoffnung

Umso wichtiger seien Räume und Anlässe, in denen es Ruhe und Zeit gebe, zu trauern. Am zentralen Gedenktag für die in der Pandemie Verstorbenen ist auch die Urbanskirche am Sonntag offen. Von 11 bis 18 Uhr werden Frauen aus der Gemeinde Zeit für Gespräche haben. Denn, das betont Pfarrerin Renate Henke: "Es ist wichtig, ein Zeichen zu setzen - eines der Hoffnung."

Eine junge Frau kniet vor einer Treppenstufe und zündet kleine Kerzen an. Hinter den Kerzen steht ein breites Schuld mit den Worten: Wir gedenken der Corona-Toten in der Pandemie. Bei der Frau handelt es sich um Kirchgemeindemitglied Antje Elßner in Meißen.
Antje Elßner zündet Erinnerungskerzen für Verstorbene in der Corona-Pandemie an. Sie arbeitet mit im Team, das in der Urbanskirche Meißen täglich Andachten für die Opfer und Trauernden organisiert. Bildrechte: Kathrin König

Ich bete für meinen lieben Schwiegervater. Danke für alles Gute, was ich mit ihm erleben durfte.

Fürbitte einer Schwiegertochter

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR extra: Trauer in der Pandemie – Mitteldeutschland nimmt Abschied“ | 18. April 2021 | 16:50 Uhr

Mehr aus Meissen

Mehr aus Sachsen