Ein Jahr Corona Meißner Pflegedienstleiterin: "Auf so ein Jahr hätt' ich gern verzichtet"

Vor einem Jahr wurde der erste Corona-Fall im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge bestätigt. Seitdem ist die Pandemie in Sachsen real - vor allem für Menschen in der Pflege. Eine Pflegedienstleiterin in Meißen zieht am Ende ihres Berufslebens auch eine ganz persönliche Corona-Bilanz.

eine Frau in weißem Kittel steht an einer Mauer und blickt auf die vorbeifließende Elbe. Es ist die Pflegedienstleiterin Frau Sperlin aus Meißen, die zum 1. März 2021 in Rente geht.
Wenn gar nichts mehr ging wegen der Corona-Belastungen, schnappte Martina Sperling im Park frische Luft und erinnerte sich an ihre Krisenerfahrungen, die sie notgedrungen bei Hochwasserkatastrophen in Meißen sammelte. Ihre Arbeitsstelle befindet sich unmittelbar an der Elbe Bildrechte: Kathrin König

Martina Sperling hat in der Corona-Krise immer wieder bedauert, dass sie keine Hellseherin ist. "Hätte man nur geahnt, was alles auf uns zukommt, hätten wir doch viel mehr Schutzkleidung, Material und Desinfektionsmittel auf Vorrat in die Schränke gepackt", sagt die Pflegedienstleiterin. Die Preise für einstige Pfennigartikel seien heute teilweise zehn Mal so hoch, ärgert sich die 63-jährige Altenpflege-Chefin. Ihr Berufsleben im Senioren-Park Carpe Diem endet nun - genau ein Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie in Sachsen.

Ich habe schon viele Krisen und Hochwasser im Berufsleben überstanden. Aber auf so ein Jahr hätte ich gern verzichtet.

Martina Sperling Pflegedienstleiterin in der Altenpflege

Hoffnung, gut durch die Krise zu kommen

Anfangs habe sie noch gedacht, ihre Einrichtung und Bewohner kämen gut durch. "Wir hatten Krisenerfahrungen mit Hochwassern, Grippewellen, Norovirus und dachten, uns passiert nichts", erinnert sich Martina Sperling an die Stimmung vor einem Jahr unter den 70 Mitarbeitern, für die sie zuständig war. Dann der erste Lockdown. Mitarbeiterinnen konnten nicht arbeiten kommen, weil sie zu Hause Kinder betreuten. "Da stand ich vor dem Dienstplan und jonglierte hin und her." Währenddessen mussten die 118 Bewohner in ihren Zimmern bleiben und hatten keine Kontakte mehr untereinander. "Das war anstrengend für sie und auch eine Herausforderung." Corona-Fälle gab es da im Heim noch nicht.

Im Sommer entspannte sich die Lage: Die Bewohner durften wieder Kontakte und Besuche haben, das Restaurant an der Anlage war offen, Begegnungen und Beschäftigungen waren im Freien im Park möglich, erzählt Martina Sperling. Mitte November wurden die ersten Schnelltests durchgeführt und Stationen im Haus und Mitarbeiterteams strikt voneinander getrennt, blickt die Pflegedienstleiterin zurück.

Tränen, Kranke und Tote

Ab November gab es immer mehr positiv Getestete, drei Stationen wurden behördlich geschlossen. 40 Mitarbeitende und 73 Bewohner hatten Corona. "Direkt an oder mit dem Virus sind acht Bewohner verstorben", sagt Heimleiter Lars Weber. Die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt Meißen habe in jenen Wochen "nicht gut geklappt". Weber habe Konzepte, Quarantänebescheide und Pläne eingereicht. "Ich merkte, sie sind bei der Bearbeitung nicht hinterher gekommen", urteilt Weber.

Einfach handeln, von Tag zu Tag, und gucken, wie man es hinkriegt.

Martina Sperling gelernte Kinderkrankenschwester und Pflegedienstleiterin

Jene Herbst- und Winterwochen seien an die Substanz gegangen, meint Pflegedienstleiterin Sperling. "Einige Wohnbereichsleiter sind auch mal in Tränen ausgebrochen." Martina Sperling hat sich in solchen Momenten an die Hochwasserkatastrophen 2002 und 2013 in Meißen erinnert. Damals habe sie auch viel geweint. Im Corona-Jahr halfen ihr diese Erfahrungen: "Wir haben doch solche Zeiten durchgestanden. Es wird auch wieder vorwärts gehen", sagte sie sich zur Stärkung.

Krise schweißt zusammen

Am meisten habe sie der Zuspruch vieler Senioren im Heim beeindruckt, die die Mitarbeiter immer wieder ermuntert hätten. Auch die Mehrzahl der Angehörigen hätten anerkannt, dass die Kontaktbeschränkungen - "so schlimm und bedrückend sie für alle waren" - dem Schutz der Bewohner gegolten hätten. Nur eine Handvoll Angehörige habe verständnislos reagiert, resümiert Martina Sperling. Einige hätten die Hygieneregeln missachtet oder die Heimleitung in Mails und Briefen bedroht.

"In Krisen ist der Zusammenhalt immer am besten", hat Martina Sperling festgestellt. Sie hofft, dass die Pandemie und die Einschränkungen bald enden. Nach 27 Jahren Arbeit in mehreren Pflegeheimen in Meißen freut sie sich auf ihr Rentenleben. "Zu Hause und im Garten gab es weder Lockdown noch Homeoffice. Ich habe da viel zu tun."

Die Finger zweier Hände einer Frau sind zusammengefaltet auf einen Schoß gelegt. Es sind die Hände von MArtina Sperling aus Meißen, die nach 45 Jahren Arbeit und Ausbildung im März 2021 in Rente geht.
Nach 15 Jahren als Kinderkrankenschwester und 27 Jahren in der Altenpflege sollen sich Martina Sperlings Hände erst einmal um Haus, Garten und Ehemann kümmern, sagt die 63-jährige Neu-Rentnerin. Bildrechte: Kathrin König

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR | 01.01.2021 | 00:01 Uhr

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