Corona-Hilfe Ein Satz mit Nebenwirkungen: Als Helferin freiwillig ins Pflegeheim Meißen

Susanne Singers Mutter und Schwiegermutter sind von den Corona-Schutzmaßnahmen im Pflegeheim betroffen, wie viele tausende Menschen in Sachsen auch. Die Tochter darf nicht zu Besuch kommen, das Personal hat Stress, muss in Quarantäne oder erkrankt selbst an Corona. Als zu Weihnachten eine ganze Station des Pflegeheims, in der ihre Angehörigen leben, unter Quarantäne gestellt wird, fragt Susanne Singer einfach den Heimleiter, ob er Hilfe braucht. Das hat Folgen.

Eine Altenpflegerin in Schutzausrüstunghält die Hand eines Bewohners.
Bildrechte: dpa

Heiligabend hatte Susanne Singer genug von Angehörigen und Bekannten gehört, die immer wieder auf Pflegeheime und das Pflegepersonal schimpfen. Als die Meißnerin am 24. Dezember Geschenke für ihre Mutter und Schwiegermutter am Eingang des Seniorenparks Meißen, "Carpe Diem", abgibt, spricht sie den Leiter an. "Kann ich denn helfen?" Damit hat Lars Weber nicht gerechnet. Gerade hatte das Gesundheitsamt die dritte Etage des Pflegeheimes unter Quarantäne gestellt, sodass die Bewohner ihre Zimmer nicht mehr verlassen durften und Mitarbeiter in Vollschutzkleidung arbeiteten. Zudem war ein Drittel der 130 Mitarbeitenden entweder selbst an Corona erkrankt oder als Kontaktpersonen in Quarantäne.

Einige Freunde haben zu mir gesagt: Du bist doch bekloppt, dass du das machst. Aber ich finde anfassen besser als immer nur zu schimpfen.

Susanne Singer Hilft freiwillig im Pflegeheim mit

"Im ersten Moment hat es mir die Sprache verschlagen. Sie war die Erste, die ernsthaft nachgefragt hat. Die Geste war berührend nach so viel Krisenmanagement und Geschimpfe", sagt Einrichtungsleiter Weber im Rückblick. Am 2. Weihnachtsfeiertag ruft er Susanne Singer zurück. Er bietet ihr einen Minijob an, damit die Hilfe auch versicherungsrechtlich abgesichert ist. Erst einmal bis Ende März hilft die studierte Pädagogin und Diätassistentin nun als Pflegeassistenzkraft mit.

Folgen des Corona-Ausbruchs im Heim

Anfangs ist sie auf der abgeschlossenen Corona-Station eingeteilt und hilft den Bewohnern in ihren Zimmern beim Essen, räumt ab und geht den Pflegerinnen und Bewohnern zur Hand. "Ich wurde ganz toll von den Schwestern aufgenommen. Sie haben sich sehr gefreut, dass ich mithelfe", sagt die 62-Jährige. "Ich bin von Zimmer zu Zimmer gegangen, habe mit den Bewohnern geredet, sie gefüttert, ihre Hand gestreichelt, eben die ganz einfachen menschlichen Dinge. Ich war die Neue, da waren alle handzahm zu mir", sagt Susanne Singer lachend über die ersten Tage auf der Quarantänestation. Weil sie selbst eine Corona-Infektion schon hinter sich hatte, konnte sie sich dort "recht angstfrei" bewegen.

Susanne Singer steht am Türrahmen in einem Pflegeheim. Im Hintergrund sieht man einen langen Gang. Es ist die Pflegeeinrichtung Carpe Diem in Meißen.
Susanne Singer steht im Gang der Pflegeeinrichtung, in der sie freiwillig aushilft. Bildrechte: Kathrin König

Wie die Pflegerinnen und Pfleger alle für ihre Senioren einstehen und helfen, alle Achtung! Ja, ich weiß, dass sie ihren Beruf ausüben. Aber sie sind wirklich bewundernswert.

Susanne Singer Pädagogin und gelernte Diätassistentin

Der Corona-Ausbruch im Heim verunsicherte auch die Mitarbeiterschaft, sagt Einrichtungsleiter Weber. Insgesamt wurden 70 Menschen als coronainfiziert registriert. Von Heiligabend bis 14. Januar 2021 starben 17 Bewohnerinnen und Bewohner. "Bei acht Bewohnern konnte man den Tod definitiv Corona zuordnen", erklärt Weber.

Kontaktsperre hinterlässt Spuren

Nur die Mutter und Schwiegermutter auf den Etagen unter der Quarantäne-Station besucht Susanne Singer anfangs nicht - obwohl sie immer wieder mit sich ringt. "Ich habe oft am Fenster gestanden und zu meiner Mutter geblickt, die auch Corona hatte. Aber ich habe mich strikt an die Absprachen gehalten, bin nicht hinunter gegangen. Es wäre auch unfair allen anderen Angehörigen gegenüber gewesen, die ja auch nicht zu ihren Lieben konnten." Als die Meißnerin nach zehn Wochen Kontakt-Unterbrechnung endlich das erste Mal ihre demenzerkrankte Mutter wiedersieht, erkennt die ihre Tochter nicht mehr. "Das war sehr bitter." Aber immerhin habe die mehr als 90 Jahre alte Mutter die Corona-Infektion "ganz gut weggesteckt".

Es ist wichtig, dass wir Angehörige haben, die sich auch mit einbringen.

Lars Weber Leiter des Seniorenparks Meißen

Mittlerweile ist die Personallage im Pflegeheim "Carpe Diem" etwas entspannter als zum Jahreswechsel. Die ersten Impfungen haben stattgefunden. Besucher können nach negativem Schnelltest ihre Angehörigen wieder besuchen. "Wir dürfen uns jetzt nicht in falscher Sicherheit wiegen. Bis der Impfschutz wirkt, braucht es zwei Wochen. Es gibt auch Menschen, die noch kein Corona hatten oder sich nicht impfen lassen", warnt Lars Weber auch mit Blick auf einen Corona-Ausbruch in einem Gröditzer Pflegeheim - trotz erster Corona-Impfung.

Eine Frau Anfang 60 steht mit Sicherheitsabstand einem Mann gegenüber. Es ist Susanne Singer aus Meißen, die mit dem Pflegeheimleiter Lars weber in Meißen spricht.
Auf Bitten der Fotografin lüpfen Susanne Singer (links) und Heimleiter Lars Weber für einen Augenblick ihre FFP2-Masken. Bildrechte: Kathrin König

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 20.01.2021 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Mustermann vor 15 Wochen

Was die Politik nicht hinbekommt, darf der Bürger ausbaden...Ich kann Frau Singers Einsatz nicht gut heißen. Denn, wie REXt schon sagt, hier wird wieder auf freiwilliger Helfer abgewälzt und der Staat ist wieder -scheinbar- ein Problem los. Evt. leidet Frau Singer auch an einem Helfersyndrom (nicht böse gemeint). Aber dieses falsch verstandene Mitleid kann nicht die Lösung sein. Hier werden die Probleme nur auf die lange Bahn geschoben.

Nein, die Politik braucht in dieser Sache Druck-Druck und nochmals Druck, damit sich in dieser Branche etwas ändert! Hier zeigt sich aber auch, wie menschlich die Politiker tatsächlich sind.

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