Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
SachsenSachsen-AnhaltThüringenDeutschlandWeltLeben
Fielmann-Niederlassungsleiter Michael Bornemann (re.) und sein Nachfolger Christoph Schumann halten die Kapsel und das Eisenseil in den Händen, mit denen 2002 während der Flut der Betrieb des Geschäfts aufrechterhalten wurde. Bildrechte: MDR/Stephan Hönigschmid

20 Jahre FlutAls in der Innenstadt von Meißen italienische Verhältnisse herrschten

von Stephan Hönigschmid, MDR SACHSEN

Stand: 10. August 2022, 20:58 Uhr

Not macht erfinderisch, sagt der Volksmund. Der Niederlassungsleiter einer Optikerkette in Meißen bewies zur Flut 2002 genau das. Dank des Einfalls einer Mitarbeiterin konnte er seinen Betrieb trotz der widrigen Bedingungen fast nahtlos fortführen. Auch andere Menschen meisterten die Situation auf ihre Weise oder hielten sie auf Fotos für die Nachwelt fest. MDR SACHSEN hat sich in der Domstadt einmal umgehört.

Gerade einmal sechs Wochen alt war das Fielmann-Geschäft am Meißner Kleinmarkt, dann kam im August 2002 die Flut. "Ich stand zur damaligen Zeit mit jemandem in Kontakt, der im Krisenstab war. Zunächst sagte er: Es passiert schon nichts. Wenig später korrigierte er sich: Es wird schlimmer als gedacht", erinnert sich der frühere Niederlassungsleiter der Optikerkette, Michael Bornemann.

Er habe sich das Ausmaß nicht vorstellen können. Mit seinen 15 Mitarbeitern habe er die Stühle auf die Tische gestellt und gedacht, dass das reichen könnte. "Am Ende stand das Wasser der Elbe aber 1,25 Meter im Laden. Die Schubkästen der Schränke wurden nach oben gedrückt und viele Brillen schwammen im Wasser herum", sagt der 65-Jährige.

Die rettende Idee kam dann von einer Mitarbeiterin. Sie sagte: Warum machen wir es nicht wie die Italiener mit ihrer Wäsche und spannen einfach Leinen quer über den Platz?

Michael Bornemann | früherer Niederlassungsleiter von Fielmann in Meißen

Neustart im Nachbarhaus

Trotz der schwierigen Situation sorgte der Niederlassungsleiter dafür, dass der Betrieb schnell wieder lief. "Ich hatte gesehen, dass schräg gegenüber in der Marktgasse ein Haus leer stand. Dort habe ich Räume in der 1. Etage angemietet und den Verkauf eröffnet." Allerdings gab es ein Problem, denn die Werkstatt befand sich weiter im Haus am Kleinmarkt in der 2. Etage.

So sieht die Seilwinde aus, mit der die reparierten Brillen per Kapsel transportiert wurden. Bildrechte: MDR/Stephan Hönigschmid

 "Der weite Weg zwischen Verkauf und Werkstatt war für unsere tägliche Arbeit unpraktisch", sagt Bornemann und fügt an: "Die rettende Idee kam dann von einer Mitarbeiterin. Sie sagte: Warum machen wir es nicht wie die Italiener mit ihrer Wäsche und spannen einfach Leinen quer über den Platz?" Mit Hilfe einer an einem Edelstahlseil befestigten Kapsel konnte der Optiker sein Geschäft dann tatsächlich effektiv fortführen. "Bei der Flut 2013 waren wir dann schon vorbereitet und haben die Seilbahn reaktiviert", sagt Bornemann.

Läden erinnern mit Fotos an die Flut

Flut-Geschichten aus dieser Zeit hat so mancher zu erzählen. Einige haben diese bewegte Zeit auch auf Fotos festgehalten. Zum 20. Jahrestag der Flut sind sie jetzt in den Schaufenstern von verschiedenen Ladengeschäften zu sehen. Sie zeigen eine vollkommen zerstörte Innenstadt. Laut Stadtverwaltung waren es am Ende 12.000 Tonnen Müll und Schlamm, die beseitigt werden mussten. Der Schaden lag den Angaben zufolge bei 212 Millionen Euro.

Klaus Koppe hat die Flut 2002 in Meißen auf Fotos dokumentiert. Einige seiner Bilder sind im Rathaus zu sehen. Bildrechte: MDR/Stephan Hönigschmid

Neben den Bildern in den Geschäften gibt es außerdem eine umfangreiche Fotoschau im Rathaus. Fünf Bilder hat dazu auch Klaus Koppe beigesteuert. "Ich habe insgesamt bestimmt 100 Fotos geschossen." Besonders einprägsam findet der 79-Jährige ein auf dem Kopf liegendes Auto im Triebischtal, zeigt es doch die Wucht des kleinen Flusses Triebisch, der Meißen noch vor der Elbe zusetzte. "Ich wollte diese Eindrücke gern festhalten, um zu dokumentieren, wie es war."

Meißens Kino-Chef Alexander Malt vor einem Bild des überfluteten Theaterplatzes. Bildrechte: MDR/Stephan Hönigschmid

Die Flutschutzmauer hat 2013 zwar nicht verhindert, dass erneut Wasser ins Gebäude eindringt, aber sie hat uns einen Tag Zeit verschafft, um die wichtigsten Dinge in Sicherheit zu bringen.

Alexander Malt | Leiter des Meißner Kinos

Dankbar für den Flutschutz

Der Leiter des Meißner Kinos, Alexander Malt, denkt ebenfalls bedrückt an die gewaltigen Wassermassen zurück und ist umso dankbarer für die Flutschutzmaßnahmen, die nach 2002 umgesetzt wurden. "Die Flutschutzmauer hat 2013 zwar nicht verhindert, dass erneut Wasser ins Gebäude eindringt, aber sie hat uns einen Tag Zeit verschafft, um die wichtigsten Dinge in Sicherheit zu bringen", sagt der 41-Jährige. Das sei für das Kino bedeutsam, weil es keine Versicherung mehr gebe. "Die Versicherung hat den Vertrag nach der Flut 2002 gekündigt", so Malt.

2,20 Meter hoch stand das Wassser im Meißner Kino. Die blaue Linie erinnert daran. Bildrechte: MDR/Stephan Hönigschmid

Mein Hase und mein Meerschweinchen waren noch in meiner Wohnung. Ich habe dann telefonisch mit den Behörden Kontakt aufgenommen, damit ich die Tiere holen darf.

Marika Nagy | Anwohnerin am Meißner Theaterplatz

Nicht ohne meine Tiere

Nicht weit vom Kino entfernt ist auch Marika Nagy am Theaterplatz zu Hause. Sie ergriff 2002 auf eigene Initiative die Flucht. "Als das Wasser 20 Zentimeter hoch stand, bin ich mit meinen drei Enkelkindern zu meiner Cousine nach Zabeltitz gefahren. Die hatte viel Platz und dort war es fast wie im Urlaub." Dennoch hatte die 69-Jährige ein Problem. "Mein Hase und mein Meerschweinchen waren noch in meiner Wohnung. Ich habe dann telefonisch mit den Behörden Kontakt aufgenommen, damit ich die Tiere holen darf."

Auch in einem Waschmaschinengeschäft am Theaterplatz sind Fotos von der Elbe-Flut aufgehängt. Bildrechte: MDR/Stephan Hönigschmid

Mit dem Boot zur Wohnung

Das sei ziemlich abenteuerlich gewesen. An der Altstadtbrücke sei sie in ein Boot eingestiegen und zu ihrem Haus gefahren worden. "Weil jedoch das Wasser gegen die Haustür drückte, ging die nicht auf. Mir hat dann ein Mann geholfen und die Tür irgendwie aufgehebelt. Es gab einen lauten Knall und dann war sie offen." Obwohl der Theaterplatz als einer der tiefsten Punkte in der Innenstadt nach wie vor hochwassergefährdet ist, möchte Marika Nagy dort nicht wegziehen. "Ich wohne gern hier. Es ist noch preiswert und man kommt überall gut hin."

Mehr zum Thema:

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN | Regionalnachrichten aus dem Studio Dresden | 10. August 2022 | 10:30 Uhr

Kommentare

Laden ...
Alles anzeigen
Alles anzeigen