Rinderhaltung Wie funktioniert ökologische Landwirtschaft? – ein Beispiel aus Sachsen

Viele reden über "bio" und ökologische Landwirtschaft. Wir haben uns bei einem Öko-Bauern in Mahlitzsch angesehen, was das in der Praxis bedeutet. 80 Milchkühe werden dort versorgt – und alle haben auch einen Namen. Dazu zählen etwa Ukara, Feilchen oder Usambara.

Kühe in einem Stall
Die Kühe werden ganzjährig an der frischen Luft gehalten; im Winter in einem offenen Laufstall. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Kühe im landwirtschaftlichen Betrieb in Mahlitzsch wollen ab fünf Uhr gemolken werden. "Wenn man da mal eine halbe Stunde nicht kommt, da gibt’s schon Ärger", lacht Nikola Burgeff, er verantwortet die Milchviehherde. "Es ist so ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Die Kühe wollen gut behandelt werden und dann lassen sie auch die Milch laufen."

Keine Homogenisierung der Milch

Die 80 Milchkühe werden ganzjährig an der frischen Luft gehalten. Im Sommer haben sie vollen Auslauf auf der Weide. Das Winterquartier ist ein offener Laufstall mit viel Stroh und Heu. Jede Kuh auf dem Hof hat einen Namen. "Und der Melker muss auch die Namen wissen, damit er die Kuh ansprechen kann. Das ist sozusagen Gesetz bei uns", sagt Burgeff.

Über einen Rohmilchtank fließt die Milch direkt in die Molkerei. Hier wird sie kurz pasteurisiert, also erhitzt, um eventuelle Keime abzutöten. "Was wir definitiv nicht tun, ist homogenisieren. Also wir verzichten darauf, die Fettstruktur in der Milch zu zerstören, weil wir davon ausgehen, dass es der Gesundheit nicht zuträglich ist", erklärt der Öko-Landwirt. Schon eine halbe Stunde nach dem Melken ist die Milch in der Flasche und steht ein, zwei Stunden später bereits im Laden. Frischer geht’s nicht. In der Flasche steckt nur die dort entstandene Biomilch. Das ist bei größeren Molkereien anders. Hier kommt in der Regel Milch von verschiedenen Höfen zusammen.

Die Milch schmeckt, wie man füttert

Der Landwirt ist sich zudem sicher, dass die Milch so schmeckt, wie man füttert. Im Winter anders als im Sommer. "Wir füttern jetzt Heu und Silage. Und im Sommer, wenn die Kühe auf die Weide gehen und junges Gras fressen, dann sinkt zum Beispiel der Fettgehalt. Und auch der Geschmack verändert sich damit", erklärt Nikola Burgeff.

Um satt zu werden, fressen die Kühe bis zu 50 Kilo Heu und Silage am Tag. Gefüttert wird nur das, was auf den Feldern rund um den Hof wächst. Mit der Konsequenz, dass in den Jahren, wo es wenig regnet, wie im Dürrejahr 2018, schlussendlich weniger Milch gemolken werden kann. Seit rund 30 Jahren wird auf dem Hof Mahlitzsch ökologische Landwirtschaft betrieben. Die Betriebsgemeinschaft wurde von drei Familien gegründet. Heute sind rund 60 Mitarbeiter auf dem Hof beschäftigt.

Kartons mit Biomilch verschiedenener Hersteller stehen auf einem Tisch. 8 min
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Umschau Di 25.01.2022 20:15Uhr 08:06 min

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"Ammengebundene" Kälberaufzucht

Die artgerechte Tierhaltung beginnt in Mahlitzsch bereits bei der Aufzucht der Kälbchen. Die werden normalerweise direkt nach der Geburt von ihren Müttern getrennt, damit deren Milch gemolken werden kann. In der konventionellen Landwirtschaft werden die Kälber daher mit der Flasche oder einem Milchautomaten groß gezogen. Auf dem Biohof Mahlitzsch übernimmt das eine Ammenkuh. "Das sind in aller Regel gutmütige Tiere, die willens und in der Lage sind, zwei bis drei Kälber aufzuziehen."

Rein wirtschaftlich gesehen, bedeutet das für den Landwirt, dass er auf diese Kuh beim Melken verzichten muss und weniger Milch verkaufen kann. Doch die Vorteile für die Tiere liegen auf der Hand. "Die Kälber haben immer warme Milch. Sie haben immer ausreichend Milch. Und sie haben immer eine Milchquelle, die sich gleichzeitig um die Kälber kümmert, sie sozialisiert." Zudem sind die Kälbchen, die so artgerecht aufwachsen dürfen, weniger krank. Sie bekommen keine Durchfallerkrankungen, die für die kleinen Kälber tödlich enden können.

Schlachtung mit Achtung

Es ist der Lauf der Dinge, dass auch auf einem Biohof die Milchkühe irgendwann zum Schlachter gehen. Doch auch hier macht man sich in Mahlitzsch viele Gedanken, wie der letzte Gang optimal gestaltet werden kann: "Wenn ein Tier, das sieben Jahre bei uns gelebt hat, jeden Tag gemolken und immer pfleglich behandelt wurde, in seinen letzten Lebensstunden Stress erfährt, weil es auf dem Schlachthof nicht gut behandelt wird, dann schüttet das Tier so viel Adrenalin aus, dass man am Schluss Fleisch hat, was in der Verarbeitung schwierig ist."

Der Hof gibt seine Tiere daher seit Jahren nur noch an ausgewählte Schlachter. Demnächst wird auch ein Schlachtmobil angeschafft, dass den Tieren den Transport zum Schlachter ganz erspart.

Zwei Männer betrachten Stroh und Mohrrüben
Öko-Bauer Nikola Burgeff hat "Hauptsache Gesund"-Moderator Dr. Carsten Lekutat Einblicke in seine Arbeit gewährt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schon gewusst? Im Prozess der Milchabfüllung ist das Waschen der Flaschen das Teuerste, da es die meiste Energie verbraucht. So kostet das Säubern der Flasche aktuell zwischen 16 und 18 Cent. Mit den steigenden Gaspreisen erwartet man auf dem Hof Mahlitzsch bald Kosten von über 20 Cent pro Flasche.

Ist Bio wirklich so viel teurer?

Die Umweltorganisation WWF hat nachgerechnet. Das überraschende Ergebnis: Würden wir uns strikt an die Vorgaben für gesunde Ernährung halten, könnten wir uns viel mehr Bioprodukte leisten. Und würden am Ende das gleiche bezahlen. Wer im Sinne der Ernährungsempfehlungen weniger Fleisch, Fertigprodukte und Softgetränke kauft, erhält einen größeren finanziellen Spielraum für Bioprodukte.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 03. Februar 2022 | 21:00 Uhr

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