Urlaub zu Hause Steigen Sie Ihrer Heimat aufs Dach - die Domtürme in Meißen

In den Sommerferien hatten wir den Meißner Dom besucht. Und wir haben uns gedacht: Was im Sommer einen Ausflug wert war, kann auch in den Herbstferien ein lohnenswertes Ausflugsziel sein. Deshalb lesen Sie hier noch einmal unsere Reportage und lassen Sie sich zu einem Ausflug inspirieren.

Von unten blickt man auf einen Berg, auf dem eine Burg steht, viele alte Häuser und dahinter zwei große Türme das alles überragen. Es ist der Burgberg in Meißen an der Elbe.
Bildrechte: MDR/imago

Gehören Sie auch zu den Touristen, die im Urlaubsort gleich auf jede Aussichtsplattform, Stadtmauer oder Kirche kraxeln, um sich die Stadt von oben anzusehen? Und jetzt Hand aufs Herz: Wann haben Sie das zuletzt zu Hause gemacht? Oder überhaupt schon mal? Ich gebe es zu: Seit genau vier Jahren nehme ich mir vor, einmal auf den höchsten Kirchturm meiner Stadt zu steigen. Jetzt mache ich Urlaub zu Hause. Auf geht's auf die Westturmanlage des Meißner Doms.

Die Sache mit den Schuhen

"Aus sicherheitstechnischen Gründen ist der Aufstieg nur bei einer Führung möglich. Besucher sollten trittfest und schwindelfrei sein", schreibt die Domverwaltung auf ihrer Homepage. Wanderschuhe habe ich zwar nicht angezogen, aber Turnschuhe. Damit stehe ich in einer Gruppe mit 15 oder 16 anderen Interessierten. Bevor wir die ersten Stufen zur Westempore hochsteigen, fällt mein Blick auf eine Wand rechts mit zwei toll restaurierten Gemälden. Sie zeigen überlebensgroß die Reformatoren und Freunde Martin Luther und Philipp Melanchthon.

Doch was um Himmels willen ist mit deren Schuhen passiert? Sind sie nicht fertig gemalt worden? Später erklärt eine Gästeführerin, dass die Schuhe wahrscheinlich in der Cranach-Werkstatt von Schülern mit Schablonen gemalt wurden. Meister Lucas Cranach der Jüngere hatte vor 500 Jahren sein Augenmerk wohl eher auf die Köpfe und Umhänge der Abgebildeten gelegt und die Schüler werkeln lassen...

Man muss beeindruckt sein - selbst Kulturbanausen

Auf der Westempore angekommen, blicke ich ins Kirchenschiff, betrachte die sandsteinfarbenen Säulen, großen Glasfenster, in weiter Ferne den Kreuzaltar (auch aus der Cranach-Werkstatt) und noch weiter hinten im Hohen Chor kunstvolle Fenster, die teilweise noch original erhalten sind. Ich denke, an dieser Stelle muss auch der größte - oder kleinste - Kulturbanause und Religionskritiker staunen, was Handwerker und Baumeister vor 700 Jahren erschaffen haben. All die Mühe, wo es doch weder Strom noch Computer im Mittelalter gab! Mein Respekt gilt auch den Generationen von Restauratoren und Bauleuten, die so ein Gebäude für uns Heutige erhalten haben.

Blick in einem großen, hellen Kirchenraum, in den durch große Fenster links und rechts Licht ins Kirchenschiff fällt. Es ist der gotische Dom in Meißen.
Das Langhaus von der Westempore aus betrachtet. Die Empore ist die erste Station für Gäste bei einer Turmführung. Bildrechte: Kathrin König

Vor langen Jahren waren die Baustile der Welt ja alle Thema im Kunstunterricht. Dunkel erinnere ich mich, dass beim Thema Gotik die Rede war von Kathedralen des Lichts, bei denen Baumeister die Außenwände mit hohen Fenstern durchbrochen, Mauern und Gewölbe irgendwie auf ein Minimum reduziert hatten. Genau wie hier in Meißen. Das hält seit 1250, als erste Bauarbeiten begannen! Doch Zeit zum Philosophieren muss ich mir für später aufheben, die Gruppe ist schon weiter emporgestiegen.

Die Gruppe will weiter, höher

Eine Steintreppe führt auf einen Turm hinauf.
304 Stufen geht es bei der üblichen Turmbesteigung hinauf - und wieder hinab. Bildrechte: Kathrin König

Als Letzte eile ich hinterher und höre Turmführer Jan Albertus gerade noch sagen, dass wir in der Halle der Engel angekommen sind, eine Art Durchgangsebene über dem Kirchenschiff. Wenig engelsgleich pfeift der Wind - aber zum Glück etwas lauter als meine Lungen. Jetzt nützt mir die mit hochgetragene Jacke doch noch etwas.

Hallen für Engel und Glocken

Jan Albertus erzählt unterdessen, das die beiden 81 Meter hohen Domtürme erst zwischen 1903 und 1909 im Stil der Neugotik fertiggestellt wurden. Zwei Gruppenteilnehmer blicken skeptisch: Geht's etwa bis ganz hinauf? Bis an die Spitze gelangen Bauarbeiter mit spezieller Kletterausrüstung. Touristen werden nur bis auf 65 Meter hinauf geführt. Den Skeptikern genügen schon die ersten Ausblicke auf Meißen. Sie wollen in der zugigen "Engels-Halle" warten. Offenbar hatten sie ihre Schwindelfreiheit etwas größer eingeschätzt.

Eine große Glocke hängt in einem Geläut verankert. Vor der Glocke steht ein Mann, der sich an einem geländer festhält.
Die große Johannesglocke wurde vom einstigen Leiter der Porzellan-Manufaktur Emil Börner entworfen. Die Glocke wiegt 7,8 Tonnen. Bildrechte: Kathrin König

Weiter oben in der "Glockenhalle" sind mehrere kleine und die Johannesglocke angebracht. Die riesige Glocke wurde zur 1000-Jahr-Feier Meißens 1929 gegossen. Ich muss an die Petersglocke im Geläut des Kölner Doms denken. Die kennt fast jedes Kind als "dicken Pitter". Alle sind dort stolz darauf und erkennen den Klang der tontiefsten freischwingenden Glocke der Welt in ihrem Dom sofort. Die Johannesglocke über der Elbe in Meißen ist mit 7,8 Tonnen zwar drei Mal leichter als der "Pitter", aber formschöner. Sie gilt als figurenreichste Glocke der Welt. Wieder etwas gelernt.

Ein Mann steht auf einem Tuerm und spricht mit anderen Menschen. Es ist Gästeführer Jan Albertus auf einem der beiden Westtürme des Doms zu Meißen.
Bildrechte: Kathrin König

Mich fasziniert die Geschichte in ihrer Gesamtheit. Es ist wie eine Zeitkapsel hier, dazu der Wetterwechsel und die Ausblicke.

Jan Albertus Gästeführer im Dom zu Meißen

Geschafft, wow!

Nach der Glockenhalle windet sich die Steintreppe bis zum Aussichtspunkt 65 Meter über dem Domplatz. Turmführer Albertus zeigt in Richtung Dresden. Hätte ich gute Augen oder ein Fernglas dabei, könnte ich die Dresdner Altstadt miniklein erkennen, dahinter die Sächsische Schweiz. Eindrucksvoll auch der Blick über die sanierte Albrechtsburg, die Dächer der Altstadt und über die Elbe. Jetzt muss der Turmführer uns Staunende ein wenig antreiben. Die nächste Gruppe will nach oben.

Blick über Dächer einer Altstadt, daneben ein Fluß und weite, grüne Hänge. Es ist der blick aus 62 Metern Höhe über die stadtr Meißen Richtung Dresden und Sächsische Schweiz.
Blick über die Altstadt Meißens, die Elbe in Richtung Dresden und Sächsische Schweiz am Horizont. Bildrechte: Kathrin König

Zurück geht es auf dem selben Weg. Die 304 Stufen fühlen sich etwas beschwerlicher an als auf dem Weg hinauf, weil sie unterschiedlich hoch sind. Vorhin war mir das nicht so aufgefallen. Ich muss mich beim Abstieg konzentrieren, damit mir nicht schwindelig wird. Mit wackeligen Knien stehe ich nach einer Stunde Turmführung wieder neben den Cranach-Gemälden unter der Westempore, atme durch und verabschiede mich von Luthers Entenschnabel-Schuhen.

Fazit

Die Turmbesichtigung ist einen Ausflug wert, allein oder auch mit der Familie, auch an regnerischen Tagen in den Sommerferien. Schöner ist die Weitsicht natürlich bei Sonne. Weil man nur mit einem Gästeführer oder einer -führerin nach oben kommt, erfährt man viel, kann Fragen stellen und sich einen Überblick übers Elbtal verschaffen. Barrierefrei ist der Aufstieg nicht. Es gibt keinen Aufzug.

Nicht nur in Meißen kann man Kirchen oder Industrietürme besteigen. In vielen Städten und Gemeinden sind Türme zugänglich. Tipp: Am Sonntag, 12. September, ist wieder Tag des offenen Denkmals. Dann öffnen auch Gebäude, die sonst verschlossen sind.

Bildergalerie Ein- und Ausblicke auf dem Meißner Dom

Albrechtsburg und Dom in Meißen an der Elbe.
Zum Dom und zur Albrechtsburg gelangt man am romantischsten zu Fuß über die Gassen aus der Altstadt kommend. Bildrechte: imago images/Vitalii Kliuiev
Albrechtsburg und Dom in Meißen an der Elbe.
Zum Dom und zur Albrechtsburg gelangt man am romantischsten zu Fuß über die Gassen aus der Altstadt kommend. Bildrechte: imago images/Vitalii Kliuiev
Aus einem Fenster blickt man über Dachflächen auf eine meisterlich gebaute Fassade eines Schlosses. Es ist der blick aus dem Dom Meißen aus ca. 20 Metern Höhe auf die prächtige Albrechtsburg in Meißen.
Bei einer geführten Turmbesichtigung eröffnen sich immer wieder reizvolle Ausblicke auf die Albrechtsburg und ihren prächtigen Großen Wendelstein. Bildrechte: Kathrin König
In einem Holzregal steht ein Gipsmodell. Es zeigt einen Mann mit nacktem Oberkörper. Der Mann steckt seine rechte Hand in den Mund. Es ist das kleine Modell einer großen Sandsteinfigur, die als Wasserspeier am Dom Meißen Regenwasser im hohen Bogen vom Bauwerk ableitet, damit es keine Bauwerksschäden gibt.
Vor der Westempore im Dom stehen in Regalen einige kleine Gipsmodelle der Wasserspeier. Diese Figur hier hat irgendwie genug, könnte man meinen... Bildrechte: Kathrin König
An einem Dach eines Kirchturmes ist eine Figur aus Sandstein am Ende einer Wasserrinne angebracht worden. Diese Figur ist ein Wasserspeier in Form eines Mannes, der seine Hand in den Mund steckt.
...im Großformat sieht der Wasserspeier mit Hand im Mund dann so aus. Die Sandsteinelemente am Ende von Rohren oder Rinnen dienen zur Wasserableitung an den Traufrinnen der Dächer. Bildrechte: Kathrin König
Von einem Turm aus blickt man auf ein großes alten Gebäude, dass auf einem Plateau steht. Es ist der Blick vom Dom Mei0ßen auf das ungenutzte Baudenkmal namens Kornhaus auf dem Meißner burgberg.
Blick vom Turm aufs 600 Jahre alte Kornhaus auf dem Burgplatz. Das sanierungsbedürftige Denkmal steht seit 2008 leer, wurde verkauft, hochfliegende Hotelpläne folgten, die im Nichts endeten. Ende 2020 stand es bei einem Online-Immobilienportal zum wiederholten Mal zum Verkauf. Und nun? Bildrechte: Kathrin König
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Anreise

  • ÖPNV: mit der S1 (bei Bahnstreik auf Busersatzverkehr ab Coswig achten!) aus Dresden bis S-Bahnhof-Halt Meißen-Altstadt, dann zu Fuß durch die Altstadt auf den Burgberg
  • oder ab Neumarkt/S-Bahn-Halt Meißen-Altstadt mit dem Kleinbus der Meißner Verkehrsbetriebe, ab 10 Uhr fahren alle 30 Minuten Busse zum Burgberg (Saison ist bis zum Reformationstag, 31.10.)
  • mit dem Auto die B6 oder B101 bis Meißen und auf einem der ausgeschilderten Elbeparkplätze parken oder zu Füßen des Burgbergs im Parkhaus am Panorama-Aufzug, Meisastraße 5, 01662 Meißen.

Geeignet für

  • Familien, Kinder sollten ausreichend trittfest Treppen steigen können/wollen
  • neugierige, geschichtsinteressierte Menschen
  • schwindelfrei sollte man sein

Daran sollte man denken

  • Jacke einpacken, es ist recht zugig an einigen Stellen
  • trittfestes Schuhwerk
  • Zeit mitbringen: Schnell rein in den Dom, rauf auf den Turm und fix wieder weiter, womöglich noch zur Porzellan-Manufaktur, wird dem Burgensemble nicht gerecht. Das handhaben manche Touristengruppen zwar so, ist aber schade.

Tipp

  • Wenn Sie eine Turmführung beginnen, schauen Sie vor Betreten der Tür unter der Westempore einmal auf zwei große Gemälde rechts, die Luther und Melanchthon abbilden. Achten Sie auf die Schuhe. Sie werden schmunzeln.
  • Wenn Sie um die Mittagszeit die Turmbesteigung planen, nutzen Sie die Gelegenheit, 30 Minuten Orgelmusik zu genießen bei der Mittagsorgelmusik. Die beginnt immer um 12 Uhr (außer sonntags).
  • Liebhabern guter Käsesorten sei das Käsegeschäft Martin (Hahnemannsplatz 5) empfohlen. Käsesorten aus ganz Europa liegen im Kühlregal. Wenn eine Sorte doch nicht vorrätig sein sollte, bemühen sich die Inhaber, sie bei einem Senner aufzutreiben.

Eine Landkarte Sachsens ist uin Umrissen zu sehen, mitten drin eine Markierung, die auf die Stadt Meißen ander Elbe verweist und ein Infotext. Darin wird auf eine Rundweanderung verwiesen, die man unterhalb des Doms in Meißen machen kann.
Bildrechte: MDR

Wenn man schon mal da ist

  • ...kann man auch ein Kombi-Ticket für Turmaufstieg, Domführung und Albrechtsburg kaufen. So können Sie tief in die Geschichte eintauchen.
  • ... Pausen nicht vergessen, damit nicht zu viele Fakten auf Sie einströmen. Ein Bistro gibt es in der Albrechtsburg, Restaurants und Freisitze auf dem Burgplatz.
  • ...und trittfeste Schuhe trägt, sollte man unbedingt auch die Frauenkirche am Markt besuchen. Dort kann man den historischen Kirchturm besteigen und sieht von der Gegenseite den Dom und die Stadt. (Turmaufstieg dienstags bis sonnabends 10 bis 16:15 Uhr, sonntags ab 11:30 bis 16:15 Uhr, montags geschl., Eintritt: 2,50 Euro, erm. 1 Euro, Familien: 5 Euro.)
  • ...sich fest den nächsten Meißen-Ausflug vornehmen mit Besuch der Porzellanmanufaktur, des Stadtmuseums, Spaziergang an der Elbe, Weinverkostung...

Der Dom zu Meißen überragt die Altstadt
Auch die Frauenkirche (vorn links im Bild) lädt zu Turmbesichtigungen ein. Besucher müssen hier nur 193 Stufen bezwingen, auf dem Domturm sind es 304. Bildrechte: Ilong Göll

Bloß nicht

  • ...mit dem Auto auf den Burgberg hoch fahren. Sie verpassen die schönsten Ausblicke, schaden der historischen Bausubstanz und riskieren ein Knöllchen.
  • ...im Dom klösterliches Leben erwarten und/oder sich über die Eintrittspreise aufregen. Das Gotteshaus hat keine eigene Kirchgemeinde, finanziert Personal und das gotische Bauwerk zu großen Teilen mit Eintrittsgeldern.
  • ...den Turmführer die meist gestellte Frage fragen, wie oft er täglich auf den Turm steigt (bis zu vier Mal am Tag, er wechselt sich mit Kollegen ab).

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