Menschenhandel Wie bulgarische Frauen in Deutschland ausgebeutet wurden

Zuhälterei, Zwangsprostitution und Menschenhandel: Das wird den drei Angeklagten vorgeworfen, die seit Januar in Dresden vor Gericht stehen. MDR exactly hat recherchiert, was genau in Dresden passiert sein soll und aus welcher schwierigen Lebenslage die Betroffenen kommen.

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Milena musste sich in Dresden prostituieren und das Geld ist ihr fast vollständig abgenommen worden. (Zeichnung) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Milena hatte geglaubt, dass sie das große Glück und die Liebe gefunden hat. Sie war 2016 mit einem Mann aus Bulgarien nach Deutschland gegangen, in der Hoffnung auf ein neues und besseres Leben. Doch als sie hier ankamen, realisierte sie, dass ihr Freund bereits "eine feste Beziehung hat und mit einer Frau zusammenlebt", berichtet ihre Anwältin Gesa Israel. Für sie begann eine schlimmere Zeit, als je zuvor.

Milena heißt eigentlich anders. Sie muss anonym bleiben. Bozhidar J. und seine richtige Freundin sollen Milena gezwungen haben, sich zu prostituieren. Das Geld hätten sie ihr fast vollständig abgenommen, sagt Gesa Israel.

Milena lebt inzwischen wieder in Bulgarien. Und Bozhidar J. steht in Dresden vor Gericht. Als sogenannter Loverboy soll er noch weiteren Frauen eine Liebesbeziehung vorgespielt haben, um sie nach Deutschland in die Sex-Arbeit zu bringen. Hier soll er als Zuhälter agiert und die Sex-Arbeiterinnen brutal geschlagen haben. MDR exactly hat fast ein Jahr lang den Prozess begleitet. Die Recherchen zu den Hintergründen führen die Reporter:innen bis nach Bulgarien.

Angeklagt ist auch Gabriela P. Die Staatsanwaltschaft in Dresden geht davon aus, dass sie die Geschäfte mit ihrem – inzwischen verstorbenen Mann Hristofor M. – geführt hat. Sie soll mit den Freiern die Sex-Praktiken ausgemacht haben, welche die Sex-Arbeiterinnen auszuführen hatten.

Nachtclub lief in Dresden über Jahre

Die Geschäfte in Dresden sollen mindestens seit 2016 gelaufen sein – und scheinen sich für die Chefs gelohnt zu haben. Hristofor M. besaß eine Villa in der Dominikanischen Republik inklusive großem Swimming-Pool. Er habe die Villa ganz nach seinen Vorstellungen gebaut, prahlte der Chef in einem Chatverlauf, den das Team von MDR exactly in den Gerichtsunterlagen findet. Verschiedene Quellen hatten den Reporter:innen die Papiere zugesandt.

"Die Vorwürfe sind, dass Milena aus Bulgarien nach Deutschland gebracht worden ist und zwei Monate quasi als Gefangene in dem Etablissement gehalten worden ist", sagt ihre Anwältin Gesa Israel. "Sie ist geschlagen worden, ihr ist gedroht worden, dass man sie von der Brücke schmeißen würde." Ihr sei der Pass abgenommen worden, so dass sie auch keine Möglichkeit mehr gehabt hätte, das Land irgendwie zu verlassen.

In Deutschland ist Zwangsprostitution die bei Weitem häufigste Form von Menschenhandel. Das Zentrum der Geschäfte in Dresden soll ein Nachtclub namens "Night Bunnies" gewesen sein. Dort habe Milena jeden Tag und "ohne Pause" für Freier arbeiten müssen. Nach monatelangen Observationen wurden im Jahr 2019 bei einer Razzia zehn weitere Frauen gefunden. Der Laden wurde geschlossen.

Alter Laden mit neuem Namen offenbar wieder in Betrieb

Jetzt steht an dem in roter Farbe gestrichenen Flachbau ein neuer Name: "Night Affair". Offenbar gibt es inzwischen einen neuen Betreiber. In einem Gebäude mit Massagestudio und Pension soll ein weiteres Bordell gewesen sein. Hier fand das Team eine Telefonnummer.

Als der Reporter dort anrief, wurden ihm die Konditionen für sexuelle Dienstleistungen erklärt. Die Person am anderen Ende der Leitung erklärt, die angeklagte Chefin Gabriela P. zu sein: "Ich bin dran. Ich bin immer noch da", erklärt sie auf Nachfrage des MDR-Reporters, der sich als potenzieller Kunde ausgab. Doch wie kann es sein, dass diese Frau, die wegen 40-facher Zuhälterei und Menschenhandel angeklagt ist, immer noch Kunden an Sex-Arbeiterinnen vermittelt? Haben die Behörden das im Blick? Dazu später mehr.

Die schwierige Situation der Frauen in der Roma-Community

Um herauszufinden, wie Milena und andere Betroffene in das Netzwerk hineingeraten konnten, reisen die Reporter:innen nach Bulgarien. Milena kommt aus der Stadt Jambol in Bulgarien – ebenso wie die echte Freundin des "Loverboys", die mit ihm das Geld von den Sex-Arbeiterinnen eingetrieben haben soll und jetzt ebenfalls vor Gericht steht. Sie wird in diesem Text "Tamara" genannt. Beide Frauen gehören zur stigmatisierten Roma-Community.

Viele Rom:nja hätten in Bulgarien kaum gute Möglichkeiten Geld zu verdienen, berichtet Sozialarbeiterin Kina Asenova, die ebenfalls zur Community gehört und diese unterstützt. Deshalb versuchten viele im Ausland ein höheres Einkommen zu erzielen. "Wenn der Mindestlohn in Bulgarien bei umgerechnet 325 Euro im Monatliegt, dann ist das in Deutschland bestimmt dreimal höher."

Zur Arbeit von Kina Asenova und ihrem Kollegen Asen Stoyanov gehört auch, über die Gefahr von Menschenhandel aufzuklären: Wann ist etwas ein seriöses Jobangebot und wann könnte Ausbeutung dahinterstecken? Bulgarien ist eines der Länder in der EU, in denen die meisten Menschen im Rahmen von Menschenhandel ausgebeutet werden. Gerade viele der Rom:nja in Bulgarien seien in so schwierigen Lebenssituationen, dass sie jeden Ausweg nehmen, der sich ihnen biete, sagt Asen Stoyanov.

Hoffnung auf Heirat, Familie und ein Leben im Ausland

"Viele hier kommen aus schwierigen Verhältnissen", sagt Anna Nikolova. Sie betreut ein Schutzhaus im Randbezirk einer größeren Stadt in Bulgarien. Dorthin können sich Frauen flüchten, die Opfer von Menschenhandel geworden sind. Viele der Untergebrachten kämen aus Familien, in denen sie häusliche Gewalt erlebt hätten. Einige sind in Heimen oder Pflegefamilien aufgewachsen. Ihnen fehlte, seitdem sie klein waren, so etwas wie "elterliche Fürsorge."

Keine der Bewohnerinnen des Schutzhauses will sich vor der Kamera zeigen. Es wäre sehr gefährlich für sie, weil die Täter noch frei sind oder ihre Familien nichts wissen dürfen. Deshalb erklärt Anna Nikolova, wie sie in die Zwangsprostitution hineingeraten sind: "Eine romantische Beziehung oder eine Heirat, ein Leben im Ausland, eine Familie: Das sind Dinge, nach denen sich viele der Mädchen immer gesehnt haben. Wenn es plötzlich scheint, als könntest du es haben, dann willst du auch glauben, dass das deine Rettung sein kann."

Viele, die in einer der Schutzwohnungen untergebracht sind, wurden in Deutschland ausgebeutet. "Ich denke, die deutschen Behörden müssen sich mehr anstrengen, Ausbeutungsfälle zu identifizieren", kritisiert Anna Nikolova. Diese müssten unterscheiden können zwischen denen, die wirklich freiwillig arbeiten und denen, die Opfer von Menschenhandel sind. Sie müssten auch sichergehen, dass die, die freiwillig arbeiteten, nicht ausgebeutet würden. "Ich glaube, das ist das, was in Deutschland nicht gut klappt."

Fälle in Dresden von Bulgarien aus aufgeklärt

So wurden etwa die Fälle, die in Dresden nun vor dem Gericht verhandelt werden, von Jambol aus aufgeklärt. Allerdings nicht durch den Fall Milena. Sie konnte sich 2016 befreien und hat sich nie an die Behörden gewandt. Die wurden erst 2018 aufmerksam, als eine andere Frau aus einem Nachbarort von Jambol in die Dresdner Bordelle geraten war. In diesem Artikel heißt sie "Sara". Sie hatte damals ihrer Familie gesagt, sie würde in England als Erntehelferin arbeiten. Aber ihre Großmutter wurde misstrauisch. Erst nach Wochen kann sie ihre Enkelin erreichen, die sich ihr dann anvertraute. Die Großmutter wendete sich an die bulgarische Polizei. Das war der Anstoß – so konnte es zu dem Prozess gegen die mutmaßlichen Menschenhändler in Dresden kommen.

Doch warum fielen Bozhidar J., Gabriela P. und Tamara der deutschen Polizei nicht auf? Die ist für die Kontrolle der Prostitutionsstätten zuständig. Der Polizeidienst Dresden will sich auf Anfrage von MDR exactly nicht äußern und verweist auf den laufenden Gerichtsprozess.

"Es handelt sich hier um ein sogenanntes Kontrolldelikt", sagt Prof. Yvette Völschow. Sie verweist auf Zahlen des Bundeskriminalamts. Es zeichne sich ab, dass es in Berlin, Bayern und Nordrhein-Westfalen deutlich mehr Ermittlungsverfahren gebe – im Gegensatz zu Sachsen. Das müsse aber nicht daran liegen, dass es in Sachsen weniger Fälle gebe. "Wenn die Kapazitäten personeller Natur entweder nicht da sind, oder nicht so stark in dem Bereich eingesetzt werden, dann findet man unter Umständen eben auch nicht so viele Fälle."

Keine Spezialeinheit für Sex-Arbeiterinnen in Dresden

Aus den Ermittlungsakten im Prozess geht hervor, dass der Polizeidienst Dresden auch nach den Aussagen der Großmutter nicht gut vorangekommen war. Die Beamten luden Sara zur Befragung auf die Wache. Sie erschien in Begleitung der Chefin Gabriela P. Sara sagte: Alles sei gut. Sie arbeite freiwillig. Doch wenig später floh sie, und als sie dann in Bulgarien noch einmal befragt wurde, erklärte sie: Sie sei zur Sex-Arbeit gezwungen worden, auch als sie krank und verletzt war. Sie habe sich nicht getraut auf der Wache in Dresden die Wahrheit zu sagen.

Viele der Opfer aus dem Prozess in Dresden stammen aus Jambol und Umgebung. Aber die offiziellen Fallzahlen seien ziemlich niedrig, berichtet Milen Bozhidarov, Staatsanwalt in Jambol. "In den vergangenen zehn Jahren haben die Strafverfolgungsbehörden in dieser Region 15 Ermittlungsverfahren eingeleitet." Doch nur bei drei Personen sei es zur Anklage wegen Menschenhandels gekommen. Nur eine Person, bei der es um Zwangsprostitution ging, sei verurteilt worden. Milen Bozhidarov geht von einer sehr viel höheren Dunkelziffer aus.

Doch woran liegt es, dass es den Behörden so schwerfällt, Fälle von Menschenhandel aufzudecken? "Das liegt daran, dass die Betroffenen häufig aus prekären Lebensverhältnissen kommen", sagt Staatsanwalt Milen Bozhidarov. Es fehle an finanziellen Ressourcen für sie und ihre Familien. Es fehle an Bildung. "Viele können nicht lesen oder haben die Schule früh verlassen. Für sie ist es viel schwieriger, nach Hilfe zu fragen."

Angeklagte Chefin vermittelt noch immer Kunden an Escort-Damen

Währenddessen kann Gabriela P. immer noch Kunden an Sex-Arbeiterinnen vermitteln. Auf Anfrage an ihre Anwälte, erklären diese schriftlich: Gabriela P. mache gelegentlich "Telefondienst" für die erwähnte Hotline, deren Nummer neben der Klingel zum Massagestudio steht. Über ihre Geschäfte teilen sie mit: "Derzeit werden vier Escort-Damen vermittelt. In der Regel bewerben sich Damen aufgrund Empfehlungen. Die Damen zahlen eine Vermittlungsprovision, die dem üblichen in der Branche akzeptierten Umsatzanteil entspricht. (…) Eine wucherähnliche Vertragskonstellation liegt nicht vor." Alles sei gemeldet und legal. MDR exactly erkundigt sich beim Landgericht nach Auflagen von Gabriela P.: Ihre wirtschaftliche Tätigkeit ist demnach nicht eingeschränkt.

Vor dem Gericht in Dresden hat es bereits 19 Prozesstage gegeben – es sind 14 weitere angesetzt. Ein Ende ist bisher nicht in Sicht. Wenn das Urteil fällt, könnten den Angeklagten lange Haftstrafen drohen. Menschenhandel kann mit bis zu zehn Jahren bestraft werden, hinzu kommen hier die Vorwürfe Zuhälterei und Zwangsprostitution.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 27. Oktober 2021 | 20:15 Uhr

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