Fachkräftemangel Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse in Sachsen: Warten auf Chancen

Für viele Berufe braucht es in Deutschland eine formale Anerkennung. Das kann eine große Hürde sein, wenn man einen Abschluss aus dem Ausland mitbringt: Hohe Kosten, lange Wartezeiten und fehlende Anpassungslehrgänge können abschrecken. Hilfe können Betroffene von Fachstellen und Vereinen erhalten.

Eine junge Frau sitzt auf einer Parkbank, auf ihrem Schoß liegen Hefter.
Die Chinesin Dingdang Li ist derzeit dabei, ihr Sprachvisum in ein Arbeitsvisum umzuwandeln. Bildrechte: MDR/Laurie Stührenberg

Die deutsche Sprache kennt viele lange Wörter. Anerkennungsgesetz zum Beispiel. Oder Qualifikationsanalyse. Wörter, denen Dingdang Li auf ihrem Weg zur anerkannten Krankenschwester in Deutschland vielfach begegnet. Seit März 2020 lebt die 28-Jährige im sächsischen Machern, ihren Beruf hat sie in China gelernt. Eine Anerkennung der Ausbildung fehlt ihr bislang.

Formale Anerkennung für viele Berufe notwendig

Den rechtlichen Anspruch darauf, im Ausland erworbene Qualifikationen anerkennen zu lassen, gibt es in Sachsen seit 2014 – unabhängig von Staatsangehörigkeit und Aufenthaltsstatus. Laut Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung wurden im Jahr 2019 über 33.000 Anträge gestellt, fast 65 Prozent davon in medizinischen Gesundheitsberufen. Aber welche Berufe überhaupt wie anerkannt werden, kommt auf die Berufsgruppe an, genauso wie auf das Bundesland, indem der Antrag gestellt wird.

In Deutschland kümmern sich rund 1.500 verschiedene Stellen um die Anerkennung ausländischer Abschlüsse. Für nichtreglementierte Berufe (z.B. einige handwerkliche oder kaufmännische Ausbildungsberufe) braucht man nicht zwingend eine formale Anerkennung. Bei reglementierten Berufen ist sie dagegen verpflichtend.

Ein Regal in dem sich Informations-Flyer zu Themen wie Migration, Ausbildung und Arbeit befinden.
Unterstützung bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse gibt es von Fachstellen und Vereinen wie dem Mosaik e.V. in Leipzig. Bildrechte: MDR/Laurie Stührenberg

Wartezeiten führen zu Visakonflikten

So auch bei Li: Um ihren Antrag stellen zu können, muss sie ihre Zeugnisse für rund 400 Euro auf Deutsch übersetzen lassen – und dann heißt es warten. "Im Dezember 2020 habe ich meinen Antrag gestellt, aber im März lief mein Visum aus. Da war ich zu 99 Prozent sicher, dass ich zurück nach China gehe. Ich habe schon nach Flugtickets gesucht."

Von langen Wartezeiten und finanzieller Belastung berichtet auch Ward Awad. Der 26-Jährige hat vor kurzem seine Berufserlaubnis erhalten, seit Anfang 2021 arbeitet er als Assistenzarzt in einer Klinik in Chemnitz. "Ich brauchte zwei oder drei Monate, nur um einen Termin für die Fachsprachenprüfung zu kriegen. Damit ich die Prüfung überhaupt ablegen konnte, brauchte ich eine Interessensbekundung von einer Praxis oder von einem Krankenhaus. Das war sehr schwierig zu finden."

Ein junger Mann mit Bart steht auf einer belebten Straße.
Ward Awad hat eine Berufserlaubnis, um für zwei Jahre in Sachsen als Assistenzarzt zu arbeiten. Um eine Weiterbildung machen machen zu können, braucht er eine Approbation oder die fachliche Anerkennung. Bildrechte: MDR/Laurie Stührenberg

Die Kosten rund um die Antragstellung und die lange Wartezeit seien für viele ein Problem, auch wenn es teilweise Programme zur finanziellen Unterstützung gebe, sagt auch Kay Tröger vom Exis Europa e.V. Der Verein koordiniert das IQ Netzwerk Sachsen und verschiedene Informations- und Beratungsstellen für Zugewanderte. "Die Kapazität der Anerkennungsstellen ist nicht so gewachsen, wie wir das gerne hätten", schätzt er die Situation ein. Daher komme es häufig zu Koordinationsproblemen zwischen Anerkennungsprozess und Aufenthaltstitel.

Qualifizierungsangebote fehlen, Fachkräften ziehen weg

Kurz vor Ablauf ihres Visums bekommt Li endlich Post: Ihr chinesischer Abschluss wird anerkannt, aber nur teilweise. Sie muss eine Kenntnisprüfung ablegen oder praktische und theoretische Kenntnisse nachholen, durch einen sogenannten Anpassungslehrgang. Auf der Suche nach einem passenden Arbeitgeber wird Li ein unbezahltes Praktikum in einer Klinik in Machern angeboten. Keine Option, sagt sie. Bis August hat sie noch Zeit, eine bezahlte Stelle zu finden, bei der sie den praktischen Teil des Lehrgangs absolvieren kann. Denn dann beginnen typischerweise die theoretischen Kurse der Krankenpflegeschulen.

Eine junge Frau sitzt auf einer Parkbank und schaut in einen Hefter.
Li hat fünf Jahre in China den Beruf der Krankenschwester studiert, danach arbeitete sie in Japan. Für ein Arbeitsvisum in Deutschland benötigt sie eine formale Anerkennung. Bildrechte: MDR/Laurie Stührenberg

Praktikantinnen und Praktikanten als billige Arbeitskräfte einzusetzen, sei im Rahmen von Anpassungslehrgängen aber nicht zulässig, sagt Tröger. Er verweist darauf, dass es oft zu wenig Angebot in der Anpassungsqualifizierung gebe. "Das ist auch ein Grund, warum viele Leute wieder wegziehen aus Sachsen." Dabei würden Fachkräfte hier dringend gebraucht, vor allem im medizinischen Bereich.

Anerkannter Berufsabschluss schützt vor Kurzarbeit und Entlassung

"Auch wenn die berufliche Anerkennung rein praktisch nicht unbedingt notwendig wäre für die Berufsausübung, kann die Anerkennung Türen öffnen", sagt Maike Heinke vom Mosaik Leipzig e.V. Was ihr im Rahmen der Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer während der Pandemie aufgefallen ist: Vor allem Menschen ohne formale Berufsanerkennung seien in Kurzarbeit geschickt oder entlassen worden. "Das waren dann halt die Ersten, die gehen mussten, da hätte ein formaler Abschluss vielleicht eher geschützt."

Eine Frau und ein Mann mit Mund-Nase-Bedeckung sitzen vor einem Transparent mit der Aufschritf "Mosaik Leipzig e.V. Migrationsberatung für erwaschsene Zuwanderer (MBE)".
Maike Heinke (links) und Sarbast Akraui von der Migrationsberatung des Mosaik Leipzig e.V. (MBE) beraten Unterstützungssuchende im Moment vor allem telefonisch. Bildrechte: MDR/Laurie Stührenberg

Eine aktuelle Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kommt zu dem Ergebnis, dass Geflüchtete und Migrantinnen und Migranten während der Pandemie einem fast dreimal so großen Risiko ausgesetzt sind, ihren Job zu verlieren, wie Beschäftigte ohne Migrationshintergrund. "Momentan erleben wir, dass dadurch auch viele Menschen die Anerkennung nachholen und die jetzt machen, auch wenn sie schon zehn, fünfzehn Jahre in Deutschland leben", sagt Tröger.

Für Li kann es mit der Anerkennung nicht schnell genug gehen. Wenn sie nach dem Anerkennungsprozess noch Zeit und Energie hat, will sie in Deutschland studieren.

Quelle: MDR

8 Kommentare

Matthi vor 2 Wochen

Ganz sicher nicht, wer zur Wendezeit seine Arbeit verloren hatte war plötzlich laut Arbeitsamt ungelernt wenn es seinen Beruf im Westen nicht gab. Ich habe zum Glück meine Arbeit behalten aber als plötzlich ungelernt war nicht viel Tarifliche Lohnerhöhung drin.

Matthi vor 3 Wochen

Was für eine Brücke nach der Wende waren die Behörden im Aufbau und mit sich selbst beschäftigt, selbst war der Mann arbeiten um Geld zu verdienen damit es weiterging für die Familie und Miete. Den Beruf Baumaschinist gibt es nicht mehr die Lizenzen, Berechtigungen zum Bedienen und Fahren von LKW, Baumaschinen Krananlagen die ich zu DDR Zeiten zusätzlich erworben habe gelten zwar aber untern Strich hab ich die Jahre der Ausbildung umsonst gemacht. Wenn ich nicht nach der Wende eine neue Ausbildung mit IHK Abschluss gemacht hätte würde ich als ungelernt gelten mit natürlich weniger Lohn.

Atheist vor 3 Wochen

Weder Hortnerinen noch 10 Klasse Teilabschlüsse wurden nach der Wende vom Westen anerkannt, warum sollen jetzt qualitativ minderwertige Abschlüsse anerkannt werden.
Eine Bodenlose Frechheit!

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