Generation Corona ifo-Expertin: Online-Unterricht scheitert oft an Lehrkräften

Schulausfall, Homeschooling, Wechsel-Unterricht - für Schülerinnen und Schüler hält die Corona-Pandemie ein Wechselbad der Gefühle parat. Sachsens Kultusministerium will bereits die Lehrpläne ausdünnen, um einen Teil des versäumten Unterrichts nachzuholen. Warum das auch volkswirtschaftlich wichtig ist und weshalb der Online-Unterricht besser hätte sein müssen, darüber haben wir mit der ifo-Forscherin Larissa Zierow gesprochen. Sie ist diesen Montag zu Gast im MDR FERSEHEN bei "Fakt ist!".

Larissa Zierow
Dr. Larissa Zierow ist stellvertretende Leiterin des ifo-Zentrums für Bildungsökonomik in München. Bildrechte: ifo Institut, Romy Vinogradova

Frau Dr. Zierow, in einer aktuellen Studie haben sie untersucht, welche Folgen Lockdown, Schulausfall oder auch Online-Unterricht für die heutigen Schülerinnen und Schüler haben. Wie lautet ihr Fazit? Hat die Generation Corona noch eine Chance?

Wenn wir gegensteuern, hat sie eine Chance. Dennoch ist es eine gefährliche Situation. Grund ist der über Jahrzehnte zu beobachtende Zusammenhang zwischen dem Lernen in der Schule und dem späteren Erfolg auf dem Arbeitsmarkt. Schulausfall führt demnach eindeutig zu einem niedrigeren Einkommen. 

Welche Beispiele gibt es dafür?

Recht anschaulich sind Untersuchungen über Lehrerstreiks in Argentinien und Belgien. Für Argentinien ist nachgewiesen worden, dass das Einkommen der betroffenen Schülerinnen und Schüler in ihrem Arbeitsleben gelitten hat. Sie hatten Gehaltseinbußen von zwei bis drei Prozent. Für Belgien ist nachgewiesen worden, dass die betroffenen Schülerinnen und Schüler später geringere Bildungsabschlüsse erreicht haben und öfters Klassen wiederholen mussten.

Damit die Schülerinnen und Schüler trotz Corona etwas lernen, gibt es Online-Unterricht. Allerdings ist Ihrer Studie zu entnehmen, dass das nicht mit allen Lehrerinnen und Lehrern gut klappt. Was ist da dran?

Tatsächlich existiert bei den Lehrerinnen und Lehrern ein ziemlich gespaltenes Bild. Es gibt solche, die jeden Tag aktiv online per Videokonferenz unterrichten und dabei auch den einzelnen Schülerinnen und Schülern Feedback geben. Wenn es so läuft, dann lernen die Schüler fast so viel wie im Präsenzunterricht. Leider hatten im ersten Lockdown nur sechs Prozent der Schüler in Deutschland derartigen Unterricht. Mittlerweile liegt der Anteil bei 26 Prozent. Wenig bringt es hingegen, wenn Schülerinnen und Schüler nur einmal pro Woche eine E-Mail mit den neuesten Arbeitsblättern erhalten. Das stellt vor allem leistungsschwächere Schüler vor Probleme.

Was wäre aus Ihrer Sicht die Lösung?

Wir plädieren für eine Pflicht zum täglichen Online-Unterricht per Videoschalte. Die Entscheidung sollte man nicht den einzelnen Schulen oder Lehrern überlassen, sondern vorgeben. 

Wie wirken sich Schulausfall oder Distanzunterricht in den verschiedenen Altersklassen aus?

Am schlimmsten ist wohl die Situation für die Grundschüler. Für sie ist es besonders schwer, mehrere Stunden vor dem Bildschirm zu sitzen. Ihnen helfen eher individuelle Gespräche mit dem Lehrer, zum Beispiel am Telefon. Bei den Grundschülern muss man daher schauen, wann wieder Wechselunterricht möglich ist und wie der fehlende Stoff aufgeholt werden kann. Da es sich um grundlegende Dinge wie Lesen, Schreiben und Rechnen handelt und alles andere darauf aufbaut, sind die Wissenslücken besonders folgenreich. 

Lehrer unterrichtet per Videoanruf an Schüler während Quarantäne.
Täglicher Online-Unterricht per Videoschalte ist das beste Mittel, damit Schülerinnen und Schüler auch in der Corona-Pandemie mit dem Schulstoff vorankommen. Allerdings stößt das Konzept gerade bei Grundschülern schnell an seine Grenzen. Bildrechte: imago images/Westend61

Wer ist außer den Grundschülern noch betroffen?

An allen weiterführenden Schulen - außer dem Gymnasium - stößt der Online-Unterricht ebenfalls schnell an seine Grenzen. Die Schüler sind in der Regel nicht gut darin, Aufgaben selbstständig zu lösen. Treten Probleme auf, lassen sie sie liegen. Das ist insbesondere in den Fällen schwierig, wo die Aufgaben nur per E-Mail verschickt werden und kein Feedback eingefordert wird. Aber auch bei aktivem Online-Unterricht kann es sein, dass sich die leistungsschwächeren Schüler oft nicht getrauen, nachzufragen oder den Lehrer mal anzurufen. 

Welche Rolle spielen dabei soziale Unterschiede?

Die Teilnahme an Fördermöglichkeiten veranschaulicht das ziemlich gut. Im vergangenen Jahr haben einige Bundesländer Ferienkurse angeboten, um den versäumten Lehrstoff aufzuholen. Und obwohl die Teilnahme kostenfrei war, kamen dort elf Prozent der Kinder aus Akademikerfamilien und nur zwei Prozent aus Nichtakademikerfamilien.

Wie groß wäre der volkswirtschaftliche Schaden einer verlorenen Corona-Generation?

Ganz genau lässt sich das nicht sagen. Schätzungen gehen aber davon aus, dass durch den Unterrichtsausfall bis zum Ende des Jahrhunderts ein Billionenschaden entstehen könnte. Zugrunde gelegt wird dabei, dass das Lebenseinkommen pro Schuljahr etwa um zehn Prozent steigt. Umso wichtiger ist es, alle Kinder mit verbindlichem Online-Unterricht täglich zu erreichen und zusätzlich mit Mentoring und Nachhilfe den versäumten Stoff nachzuholen. 

Quelle: MDR/sth

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! | 26. April 2021 | 22:10 Uhr

31 Kommentare

mirko jordan vor 2 Wochen

Aus welchem Bundesland stammt eigentlich diese Studie? Hat man hier mal den Altersdurchschnitt der Lehrkräfte mal angesehen? Hat man mal die Infrastruktur und die Hardware der Haushalte betrachtet? Gab es seitens Ministerium oder Universität Unterstützungsprogramme? Gab es seitens der Eltern Unterstützung oder Förderung? Was ist seitens Datenschutz möglich oder welche Vorgaben gab es laut Landesregierungen? Ist es möglich, dass hier sehr pauschalisiert wird? ...

Ich frage nur für einen Freund

Robert Paulson vor 2 Wochen

Ich möchte nur für mich sprechen: ich beschwere mich nicht über meinen Job, im Gegenteil, ich mache ihn gern. Und weil jetzt eine besondere gesellschaftliche Herausforderung zu bewältigen ist, leiste ich gern mehr als das eigentlich geforderte. Mir gehen die pauschalen "Die Lehrer sind eh alle faul"-Kommentare extrem auf die Nerven.
Auch Du darfst mir gern in der freien Wirtschaft einen Job nennen, von dem die Gesellschaft erwartet, das Arbeitsmaterial privat zu bezahlen (Ärtze bezahlen ihre Skalpelle, Pfleger die Fieberthermometer, Verkäufer die eigene Kasse, Reinigungskräfte die Putzmittel, Maurer den Mörtel, Feuerwehrleute das Wasser?).
Am Ende wird nicht berichtet: Wer kam gestern denn bei Fakt! zu Wort: Der KuMi, die Schülervertreter und eine Expertin... aber die Lehrer machen alles falsch... Danke, aber nein, danke.

Dietmar vor 3 Wochen

Lieber ralf meier, es steht nicht im Artikel, dass die von Ihnen diffamierte Zielgruppe für den Schaden verantwortlich ist. Diese fürhen Sie an und das ist Hetze!
"Das Herz vermisse ich bei denjenigen, die die Kollateralschäden des shutdown einfach ignorieren." Das ist eine Meinung, die so stehen bleiben muss. Ich vermisse das Herz z.B. bei der von Ihnen hofierten AFD. Welch Spott ergoss sich z.B. über Merkel als sie in Quarantäne musste. Wie muss die Aussage von Bernd Höcke für Hinterbliebene sein, wenn er sagt: "Die Pandemie ist herbeigetestet!". Menschenliebe ala AFD - eben normaf für´s AFD Deutschland.

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