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Marcel Fratzscher ist seit 2013 Chef des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW). Bildrechte: dpa

Fakt ist!DIW-Chef: "Es gibt keinen Grund für eine Inflationspanik"

von Stephan Hönigschmid, MDR SACHSEN

Stand: 23. Januar 2022, 18:14 Uhr

Im vergangenen Jahr stieg die Inflation in Deutschland um 3,1 Prozent - und damit auf den höchsten Stand seit 30 Jahren. Während Experten des ifo-Institutes davon ausgehen, dass es noch schlimmer wird und vor allem von der Europäischen Zentralbank schnelle Gegenmaßnahmen fordern, warnt DIW-Chef Marcel Fratzscher vor Panik. Im Interview zeigt der Ökonom auf, welche Strategien er jetzt für angemessen hält. Die Inflation ist auch Thema bei "Fakt ist!" am Montag im MDR FERNSEHEN.

Herr Fratzscher, viele Menschen machen sich Sorgen wegen der gestiegenen Inflationsrate. Auf Ihrem Blog schreiben Sie aber von einer "unehrlichen Inflationsdebatte". Warum?

Die gefühlte Inflation ist deutlich höher als die reale Inflation, weil Dinge wie Nahrungsmittel oder der Liter Benzin teurer geworden sind. Menschen mit geringem Einkommen sind davon häufig besonders betroffen, während es auch Menschen gibt, die das Problem Inflation wenig bis gar nicht betrifft. Die Inflation ist für mich daher kein ganzheitliches Problem, sondern eines, das vor allem Menschen mit geringem Einkommen haben.

Als Ausgleich für Geringverdiener schlagen Sie ein Bürgergeld vor. Könnte sich das aber nicht als Bumerang erweisen und zusätzlich die Inflation anheizen?

Die Inflation, die wir im Augenblick sehen, kommt ja nicht wegen einer zu hohen Nachfrage zustande. Sie kommt zustande, weil Energiepreise weltweit explodieren, weil es Lieferengpässe gibt. Wir haben in Deutschland heute eine geringere Beschäftigung als vor der Pandemie. Viele Menschen mussten deutliche Einkommenseinbußen erfahren. Und wenn man jetzt Menschen mit geringem Einkommen ein wenig mehr Einkommen gibt, um sie für explodierende Energiepreise zu kompensieren, dann würde man ja nicht die Nachfrage erhöhen, sondern lediglich die Nachfrage stabilisieren, sodass Menschen mit geringem Einkommen eben nicht weniger Kaufkraft haben und sich zumindest das Gleiche leisten können wie vorher.

In einem Papier Ihres Instituts schreiben Sie, dass für steigende Wohnkosten nicht die Europäische Zentralbank, sondern die Politik verantwortlich zu machen sei. Aber sorgt denn nicht gerade die EZB mit ihrer Geldpolitik – Stichwort Negativzinsen – dafür, dass überdurchschnittlich viel Geld in den Immobilienbereich fließt und damit die Preise mitunter explodieren?

Das Problem der explodierenden Miet- und Immobilienpreise in den Städten hat nichts mit der Geldpolitik zu tun. Es fließt nicht genug Geld in den Immobiliensektor in den großen Städten, weil zu wenig gebaut wird. Die explodierenden Mieten und Immobilienpreise sind ja keine Entwicklung der letzten Jahre. Das findet seit zehn Jahren in Deutschland statt. Die Politik reagiert zu langsam. Sie müsste viel stärker Wohngebiete auszeichnen, schnellere Genehmigungsverfahren durchführen sowie auch Menschen mit geringem Einkommen helfen, ein Eigenheim zu erwerben.

Welche Rolle spielt die Energiewende bei der Inflation? Stichwort: Grüne Inflation.

Die grüne Inflation ist eigentlich eine fossile Inflation, denn im Augenblick leistet die Politik immer noch 60 Milliarden Euro an Subventionen für fossile Energieträger wie Gas, Öl oder Kohle. Und dadurch, dass man diese Subventionen jetzt abbaut, werden fossile Energieträger teurer. Das führt dazu, dass die Preise für solche Energieträger steigen. Darauf werden wir uns die nächsten zehn Jahre einrichten müssen. Aber dieser Effekt sollte relativ gering sein. Wir reden hier vielleicht von 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte höhere Inflation pro Jahr. Das ist sicherlich auch nicht zu vernachlässigen. Aber das ist nicht so, wie die Entwicklung über das letzte halbe Jahr war, als die Energiepreise explodierten.

Wie ist Ihre Inflationsprognose für die nähere Zukunft?

Wir werden uns 2022 nochmal auf eine erhöhte Inflation einrichten müssen, zum Teil, weil die Energiepreise weiter steigen, zum Teil auch, weil es wegen der Pandemie Lieferketten-Probleme gibt. Die allermeisten Prognosen und auch das, was Finanzmarktakteure einpreisen, besagen, dass 2023 die Inflation in Deutschland wieder bei um die zwei Prozent, also bei der Definition der Preisstabilität, liegen sollte.

Aber: Keiner hat eine Glaskugel. Wir wissen nicht, ob der Russland-Konflikt eskaliert oder ob die Pandemie weitergeht. Die Inflation könnte darüber liegen, sie könnte auch darunter liegen. Es gibt aber überhaupt keinen Grund für eine Inflationspanik. Das halte ich für unverantwortlich.

Quelle: MDR(sth/st)

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Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | "Fakt ist!" | 24. Januar 2022 | 22:10 Uhr