Interview "Wahlkämpfe mit 'Rente mit 63' waren ein Verrat an der jungen Generation"

"Die Rente ist sicher", sagte einst Norbert Blüm. Mittlerweile glauben das aber immer weniger Menschen. Vor allem junge Leute mischen sich aus Angst vor Altersarmut zunehmend in die Diskussion ein. Einer von ihnen ist der 24 Jahre alte Lorenzo Wienecke. Zusammen mit seinem Mit-Gründer Juri Galkin startete er die Initiative "Zukunftstag". Diese möchte bereits Schüler über die Rente aufklären. Statt Flickschusterei spricht sich Lorenzo Wienecke für eine grundlegende Reform der Rente aus. MDR SACHSEN hat mit ihm gesprochen.

Eine Mann mit einem hellen Hemd sowie ein Man mit einem schwarzen Pullover stehen lächelnd vor einer hellgrünen Wand.
Juri Galkin (li.) und Lorenzo Wienecke sind die Gründer der Initiative "Zukunftstag". Sie sind am Montag zu Gast bei "Fakt ist!". Bildrechte: Initiative für wirtschaftliche Jugendbildung e.V.

MDR SACHSEN: Herr Wienecke, Sie sind 24 Jahre alt. Normalerweise hat man in diesem Alter die nächste Party, den nächsten Urlaub oder die nächste Freundin im Sinn. Sie hingegen gehen an Schulen und klären über Finanzen und die Rente auf. Warum sind Sie so vernünftig?

Tatsächlich gehe ich auch auf Partys. Die Idee zu unserem Projekt "Zukunftstag" ist ja auf einer Party entstanden. Ich habe dort meinen Kompagnon Juri Galkin kennengelernt und wir sind über den Tweet der Kölner Schülerin Naina K. ins Gespräch gekommen. Die hatte bei Twitter geschrieben, dass sie zwar Gedichtanalysen in vier Sprachen beherrsche, aber keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherungen habe. Das hat uns elektrisiert. Wir wollten nicht meckern, sondern die junge Generation informieren - auch über die Rente.

Aber für viele Schülerinnen und Schüler ist doch die Rente noch ganz weit weg. Hat das auf Ihren Projekttagen, die Sie mittlerweile in Schulen in ganz Deutschland durchführen, überhaupt jemanden interessiert?

Als abstraktes Thema spricht es niemanden an. Wenn man aber mal auf einfache Weise erklärt, dass beispielsweise die Rentenbeiträge der heutigen Arbeitnehmer nicht irgendwo angespart werden, sondern dazu da sind, um den gegenwärtigen Rentnern ihre Rente auszuzahlen - also die Grundlage des Umlageprinzips - dann ist das Interesse plötzlich sehr groß. 

Ein mit zahlreichen Stuhlreihen vollgestellter Saal mit großen Fenstern. Das Publikum blickt auf zwei Redner auf der Bühne.
Die Initiative "Zukunftstag" vermittelt in Schulen einen Tag lang unter anderem Wissen zum Thema Rente (Archivbild). Bildrechte: Oliver Schumann für Initiative für wirtschaftliche Jugendbildung e.V.

Weiß die junge Generation wie brenzlig die Lage ist? Schließlich gibt der Bund schon jetzt jährlich 100 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt hinzu, nur um die Rentenversicherung am Laufen zu halten. Und bald geht noch die zahlenmäßig starke Gruppe der Baby-Boomer in Rente… 

Oft wissen es die Jugendlichen nicht, weil es in der Schule kaum thematisiert wird. Deshalb veranstalten wir ja seit 2019 unseren "Zukunftstag". Gleichzeitig sehen wir auch die Politik in der Verantwortung. Wahlkämpfe mit "Rente mit 63" und "Mütterrente" waren ein katastrophales Zeichen. Das ist ein Verrat an der jungen Generation. Bei der Rente ist das so wie bei der Klimakrise. 

Erklären Sie das bitte.

Die heutige Politik hat zur Folge, dass die Renten-Kasse später mit Sicherheit einmal leer sein wird und sich meine Generation auf Altersarmut einrichten muss. Politiker reden darüber nicht gern, sondern schauen überwiegend auf die älteren Wähler, die ihnen die Mandate sichern. Beim Klima ist das vergleichbar. Diejenigen, die mit den Folgen des Klimawandels in 20 oder 30 Jahren zurechtkommen müssen, werden noch zu wenig gehört. 

Was halten Sie von aktuellen Reformdiskussionen? So spricht die FDP von einer zusätzlichen Aktienrente und die CDU stellt ein verpflichtendes Standardvorsorgeprodukt in Aussicht. 

Ich begrüße das, weil es eine Diskussion ist, die endlich geführt werden muss. Allerdings ist es wichtig, dass solche zusätzlichen, kapitalgedeckten Möglichkeiten sozial ausgewogen sind. Menschen mit niedrigem Einkommen sollte der Staat etwas dazugeben. Ich finde, dass Altersarmut ein herzzerreißendes Thema ist. In einem reichen Land wie Deutschland sollte es sowas nicht geben. 

Allerdings es gibt es ja schon Produkte wie die Riester-Rente, von der man hört, dass inzwischen 20 Prozent der Verträge ruhen sollen. Nicht gerade eine Erfolgsgeschichte, oder?

Die Riester-Rente hatte von Anfang an ein Imageproblem. Außerdem sind die Gebühren zu hoch. Das ist anders als beispielsweise bei einem rein staatlichen Fonds. Allerdings sollten wir uns durch die Herausforderungen der Riester-Rente nicht demotivieren lassen. Private Vorsorge, etwa durch Fonds-Sparpläne, halten wir für einen wichtigen Teil der Lösung.

Unkomplizierter wäre da ein Finanzprodukt, welches in den USA existiert: das 401(k)-Konto. Dort können sich Arbeitnehmer einen Teil ihres Gehalts auszahlen lassen und dafür Aktien oder Anleihen kaufen. Der Vorteil: Solange das Geld das Konto nicht verlässt, ist alles steuerfrei. Was halten Sie von solchen Ansätzen?

Ich habe in den USA gelebt und kenne das Prinzip. Ich finde, dass das eine gute Lösung ist. Mir gefällt in den Vereinigten Staaten aber noch ein weiterer Punkt: Die Menschen haben ein Problembewusstsein. Die wissen schon sobald sie ihren ersten Gehaltsscheck bekommen, dass sie etwas für die Rente zurücklegen müssen. Das würde ich mir auch für Deutschland wünschen.

Macht unser Sozialstaat mit dem Rundum-sorglos-Paket die Menschen träge und unmündig?

Man ist zumindest nicht unmittelbar gezwungen, sich mit bestimmten Themen zu beschäftigen. Deshalb ist vielen die Dramatik bei der Rente auch nicht sofort bewusst. 

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! | 05. Juli 2021 | 22:15 Uhr

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